Der Mehrwert des Mischens – Teil I

„Du willst mir doch wohl nicht meinen Cognac verhunzen?“ Die Frage meines Freundes Matthias kam sehr unvermittelt und mit Vehemenz. Ich war bei ihm zu Besuch und hatte ihm angeboten, uns einen Sidecar-Cocktail zu bereiten. Die Zutaten, Cognac, Cointreau, Zitrone und Eis waren alle vorhanden. Den Cognac, einen Hine XO, hatte ich bereits in der Hand. „Du willst mir doch nicht meinen Cognac verhunzen?“ Diese Frage drückte sein ehrliches Erschrecken aus. „Dazu ist mir der Hine zu schade“, schob er hinterher.

Seine Reaktion ist ein Beispiel einer weitverbreiteten Haltung: Nur das Reine ist das Feine. Die trinkbare Mischung hat es in Deutschland, dem Land des Reinheitsgebotes, bei den Connaisseuren, noch nie leicht gehabt. Die Suche nach Genuss geht oft einher mit der Suche nach dem Reinen und Unverfälschten. Hat die Mischung nicht immer auch etwas von Strecken, Verdünnen, Verlängern und Verwässern? Schwingt da nicht immer etwas von Wischiwaschi, Chaos und Durcheinanderbringen mit? – Ein Mischgetränk erscheint quasi als ein Sodom und Gomorrha im Trinkglas. Bringt man das Mischen nicht auch leicht mit dem Verlust der Identität in Verbindung?
Der Journalist Gero von Randow hat folgenden Verdacht: „Mischen gilt als niedere Tätigkeit: Mischling, Mischehe, Mischmasch, alles minderwertig, dieses Manschen, Panschen und Vermengen. Eine archaische Denkform, in vielen Kulturen anzutreffen. Vielleicht liegt ihr die Angst zu Grund, das Eigene im Kontakt mit dem Fremden zu verlieren. Also ist das Gemischte das Unreine, worauf auch Begriffe wie naturrein und reinsortig schließen lassen.“

Der Cocktail, diese ruhmreiche Mischung, vereinigt unumkehrbar die verschiedensten Aromen. Doch in einem Sidecar-Cocktail werden diese nicht nivelliert. Die Zutaten behalten ihre Eigenarten und ihre Unverwechselbarkeit. In der Dreiheit von Cognac, frischer Zitrone und Cointreau bleibt die geschmackliche Eigenständigkeit und damit der Gegensatz der Zutaten gewahrt, aber die Kombination schafft eine neue innere Spannung und hebt dadurch die Mischung auf einen anderen Level, auf ein neues geschmackliches Niveau.

Die Kombination schafft eine Komposition, die weit mehr ist als die Summe ihrer Zutaten. – Das nenne ich den Mehrwert des Mischens.

Alchemyst

Alchemyst, geboren in den fünfziger Jahren, studierte Philosophie, Theologie und Pharmazie. Heute leitet er eine öffentliche Apotheke in Norddeutschland. Alchemyst ist nicht selten in Champagnerlaune.

8 Kommentare

  1. Avarax

    Sehr schöner Artikel.
    Lässt sich leider nur auf die schwindende Minderheit von 3 bis 4 Zutaten oder weniger Drinks beziehen.

    Naja, daher werden im richtigen Gepansche ja auch keine qualitativ hochwertigen Zutaten genutzt 😉

  2. Herr Alchemyst, Herr Alchemyst,

    erneut haben sie mich mit ihren wohlgewählten Worten verzaubert!
    Es war ein Genuss, ihren Bericht zu lesen.

    Ihnen, und natürlich auch den drei anderen ehrenwerten Herren wünsche ich viel Inspiration und Erfolg bei ihrem Projekt!!!

    Gruß
    Jonas

  3. Alchemyst

    @Avarax: Ich denk schon, daß sich Qualität bei den Zutaten i m m e r auszahlt…

    @Metalking: Vielen Dank!

  4. Robert Spoula

    Als gelernter Österreicher sage ich nur: Apfel pur oder Apfelstrudel, beides hat nicht nur seine Berechtigung, sondern schmeckt großartig.

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