Warst du je in New Orleans? – Vieux Carré, die Neue Welt in einem Glas – Teil 1

Auf geht’s. Unsere Reise durch die Cocktailwelt New Orleans hat begonnen. Wir empfehlen das folgende Video zu starten, die Musik zu genießen und während dessen den ersten Teil unserer New Orleans-Reihe zu lesen.

„Warst du je in New Orleans?
Falls nicht, dann fahr bloss hin.
Tag und Nacht gibts eine Show und furchtbar viel zu sehn!
Franzosen, Spanier und Westinder, Kreolen und Musties,
Leute aus Kentucky und Tennessee,
Rechtsanwälte und Yankees.
Pfarrer, Priester, Mönche und Nonnen,
Frauen jeglicher Farbe.
Schwarze in Purpur und feinem Tuch,
Sklaven in Ketten, mit Lumpen und Narben.
Mörder, Spieler, Trinker und Baumwoll-Spekulatoren;
Matrosen, Soldaten und hübsche Mädchen,
Zuhälter, Schläger, Garnelen und Gauner.
Nachkommenschaft aller Hautfarben:
Ein höllisches Menschenbabylon.“
aus „Scenes in the South and Other Miscellaneous Pieces“ von James R. Creecy

Die Hafenstadt New Orleans wurde als frühe Ansiedlung 1718 von den Franzosen gegründet (La Nouvelle-Orléans) und hat eine recht wechselvolle Geschichte hinter sich. Sie gehörte zwischenzeitlich den Spaniern dann wieder den Franzosen und wurde 1803 von Napoleon an die neu entstandenen Vereinigten Staaten verkauft.

Die Stadt am Mississippi – ein wichtiger Kriegshafen des Landes – erlangte bald große Bedeutung: Sie zog Menschen aus allen Herren Länder an und wurde zu einem Schmelztiegel der Kulturen und Rassen – hier lebten Franzosen, Engländer, Italiener, Iren, Spanier, Deutsche, Mexikaner, Kubaner, Schwarze… und alle trugen zum pulsierenden Leben der Stadt bei.In diesem brodelnden Schmelztiegel entstanden zwei der aufregensten Kulturgüter, die nur in dieser „Neuen Welt“ lebendig werden konnten: den Jazz und die Welt der gemischten Getränke. New Orleans ist der Ursprungsort, die Wiege des „American Drinks“.
Das Zentrum der Stadt war „The French Quarter“, das sogenannte Vieux Carré, das alte französische Viertel.
Nirgends waren die Mischung so lebendig und vielfältig wie in diesem pulsierendem Stadtteil am Mississippi River, dessen Lebensprinzip die Multikultur war und ist.

Von der Mischung zur Vermischung und dann weiter zum Mischgetränk ist es kein weiter Weg. Der heiße Mix des Cocktails der Kulturen, fand seinen gastronomischen Gegenpart im im eiskalten Mix eines Cocktails. So heisst einer der bekanntesten New Orleans Cocktails nach dem Stadtteil, in dem er geboren wurde: Vieux Carré.

monteleone

Im Hotel Monteleone, gemixt von Walter Bergeron, hat dieser Drink seinen Ursprung. Er ist unser erster Cocktail in der Reihe „Beyond Sazerac, Ramos & Co – New Orleans Drinking“ und dies sei vorwegzunehmen: Er hat uns begeistert.

Mit der Herkunft der verwendeten Zutaten verhält es sich wie bei den Einwohnern New Orleans – Es ist ein wildes durcheinander. Dazu noch zwei Basisspirituosen in einem Drink… Für einige Barkeeper ein No-Go. Und dennoch, der Vieux Carré Cocktail weiß zu begeistern.
Wir haben ihn unabhängig von einander auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt. Haben Produkte ausgetauscht und mit den verschieden Qualitätsstufen der Spirituosen experimentiert. Angefangen haben alle mit folgendem Rezept:

1,5cl Rye
1,5cl Cognac
1,5cl Italian Vermouth
1/2 bsp. Bénédictine DOM
dash Peychaud
dash Angostura

Stir, Lemon Zest out

… Und das ist dabei herausgekommen:

Philipp: Schon das oben genannte Rezept begeistert, der  Anteil Bénédictine sollte aber auf jeden Fall erhöht werden. Rye: Wild Turkey, Cognac: Frapin VSOP, Vermouth: Carpano Antica . Gesagt, getan: 1,5cl Bénédictine  und zusätzlich den Cognac auf 3cl erhöht. So gefällt der Drink noch besser. Er hat mehr Kraft und mehr Bénédictine macht es irgendwie noch interessanter.
Des Weiteren wurde Bénédictine durch Borgmann und Carpano durch Dubonnet ersetzt. Und wieder ein sehr schönes Ergebnis.

Ich dachte mir dann: Warum nicht neben dem Borgmann noch ein weiteres GSA-Produkt verwenden? Habe daraufhin noch eine Version mit Asbach Privat 8 YO gemacht. Der Drink ist nicht schlechter geworden im Vergleich zum dem mit Cognac, vielleicht ein wenig rauer.

Bis hierher habe ich mich ersteinmal für folgendes Rezept entschieden:

2cl Cognac oder Asbach Privat
2cl Rye
1,5cl Carpano Antica
1cl Benedictine
1dash Angostura
1dash Peychauds

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Alchemyst sieht den Drink als französisch/amerikanische Liaison:  auf der einen Seite Cognac, Vermouth und Bénédictine, auf der anderen Rye und Bitters oder auch als Vermählung von B&B (Brandy und Bénédictine) und einem Rye Manhattan. Ein Schmelztiegel Drink halt.
Folgende Zutaten wurden verwendet: Voyer XO Cognac, Sazerac Rye, Carpano. Der Rest wie gehabt.
Zunächst einmal mixte er Philipps Bénédictine-Erhöhung nach. Trotz dem leichten mehr an Süße ein besseres Ergebnis, da die Kräuter besser zur Geltung kamen. Der Drink braucht aus seiner Sicht eine ganz subtile Zitrusnote. Das kann per Zitronenzeste oder (schöner) durch mehr Bénédictine geschehen.
Alchemyst hält Borgmann als Substitut für nicht geeignet, da der Drink Bénédictine grundiert sein sollte, kann es aber selber nicht nachmixen, da er über keinen Borgmann verfügt. – Aber immer schön Vermutungen anstellen…
Weiterhin machte er sich darüber Gedanken das weitere Mengen-Veränderungen langsam einen anderen Drink schaffen. Eine Erhöhung des Cognac Anteils auf 2 cl reicht vollkommen aus. Den Cognac könnte man einmal durch einen alten Armagnac ersetzen. Diese Cognacs ohne Ecken und Kanten, wie sie heute vorhanden sind, dürften wohl kaum im damaligen New Orleans existent gewesen sein. Damit der Drink ein wenig rauer wird, wurde aber erst einmal der Rye Anteil erhöht.
Es wurde dann auch noch beim verwendeten Vermouth ein wenig experimentiert.
Je 0.75cl Noilly Prat Rouge und Dry haben den Drink nicht schlechter gemacht… Aber auch nicht besser.  NP Rouge solo gefiel ihm gut.

Letztendlich blieb Alchemyst – konservativ wie er ist – bei folgendem Rezept stehen:

2,5cl Sazerac Rye
1,5cl Voyer XO Cognac
1,5cl Noilly Prat Rouge
1,5cl  Bénédictine DOM
1d Peychauds
1d Angostura Bitters

Vieux Carré

Weiter geht es im nächsten Teil mit den anderen beiden Trinklaune-Autoren und ihren Laborversuchen. Sowie einem angenehmen Größenwahnsinn…

Trinklaune

6 Kommentare

  1. Avarax

    Bravo, der Song hat die ideale Länge für den Blogeintrag 😀

    Freue mich schon auf den Rest der Reihe. Finde Phillips Rezept sogar irgendwie eher konservativ, wie ihr es so schön ausdrückt… Alchemyst benutzt ja dann doch ne gute Kante mehr Likör… Ist Noilly Prat Rouge weniger süß als Carpano Antica Formula?

  2. Alchemyst

    Die „gute Kante mehr“ Bénédictine (eine Idee von Phil) bringt nur wenig mehr Süße ein, aber schöne Kräuteraromen und vorallem eine frische Zitrusnase. Das tut dem Drink meiner Ansicht nach gut. Interessant dabei: Ted Haigh geht in seinem Bestseller „Vintage Spirits & Forgotten Cocktails“ den umgekehrten Weg: sein Rezept reduziert den Bénédictine-Anteil.
    Konservativ ist meine Herangehensweise an den Drink insofern, als dass ich nur bereit bin, die Verhältnisse (die ratio) innerhalb des Drinks etwas zu ändern. Nicht aber die wesentlichen Zutaten, die da sind : Rye und Brandy und vor allem Bénédictine und Peychaud’s. Da sind meine trinklaunigen Mitblogger mutiger, wie du in Teil 2 sehen wirst, Avarax…

  3. Avarax

    Ok… da muss ich wohl mein im Gedächtniss eingenistetes Geschmacksprofil von Bénédictine nochmal mit einem Purtest überprüfen. Zitrus habe ich nie rausgeschmeckt aber jetzt wo du’s sagst werd ich mal aufmerksamer sein. Für mich war Benedictine immer ein Kräuterlikör mit einer weichen Honignote und mittelmäßiger Süßkraft. Mir fehlen stets die richtigen Worte um Geschmacksprofile zu beschreiben-

    Wie sieht es mit der Süße von Noilly Prat Rouge vs. Antica Formula aus?

    Und noch eine Frage zum Drink: Ausgesprochen wird er „Wiö Karreh“, oder? Französisch war noch nie so ganz meine Stärke 😉

  4. Sehr schöner Artikel! Hat Spass gemacht!

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