Es ist nicht alles Gold, was glänzt – Der Silberbecher

Vorher...

Vorher…

„Then comes the zenith of man’s pleasure. Then comes the julep – the mint julep. Who has not tasted one has lived in vain.” J. Soule Smith, 1890

Nachher...

Nachher…

Die Ursprünge des amerikanischen Mint Julep liegen im Dunkeln.
Ich möchte aber kurz eine alchemistische Erklärung der Entstehung erwähnen:
Irgendwann Ende des 18. Jahrhunderts traf sich in Virginia einer der vielen neu entstandenen Geheimzirkel und Bruderschaften. Es war eine heiße Nacht im Juli. Die Sterne funkelten hell und die Brüder bereiteten sich einen Trunk, der ganz im Zeichen des herrschenden Sternzeichens, des Krebses stand. Dessen Symbol-Metall ist das Silber, sein Element das Wasser (Eis), die Duftessenz dieses Tierkreiszeichens ist die Minze, die als Auszugsmittel und Geschmacksträger des Alkohols bedarf. So entstand ein Symbol-Getränk, der den astrologiegläubigen Logenbrüder als esoterischer “Zodiac Drink“ diente, der aber schon bald als erfrischendes Genussmittel Verbreitung fand und seinen weltweiten Siegeszug antrat. Dieses Erklärungsmuster mag den heutigen Menschen sehr seltsam und abwegig erscheinen. Die amerikanische Geschichtswissenschaft lehrt uns aber, dass im jungen Amerika des 17. und 18. Jahrhunderts solche Zirkel und Geheimgesellschaften und ihre obskuren Praktiken und Riten keine Seltenheit waren. – Doch damit genug von dieser wilden Spekulation. Ich verfolge diesen genussfremden Ansatz an dieser Stelle nicht weiter.
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Eiskalt serviert

dekoration silber
Der Mint Julep verdankt einen Teil seiner Besonderheit, seines Zaubers, der Tatsache, dass er im Silberbecher serviert werden sollte. Dies ist aus meiner Sicht aus drei Gründen bemerkenswert.

Zum einen hat Silber von allen Metallen die beste Wärmeleitfähigkeit. Setzt man die Leitfähigkeit von Porzellan mit 1, dann hat Edelstahl den Wert 14 und Sterlingsilber den Wert 400. Ein Silberbecher nimmt sofort die Temperatur des Getränkes an. Kein anderer friert so schnell an wie der „Silver Cup“. Ein vorgeeister Becher (man sollte ihn nur unten am Boden anfassen) hält den Drink somit optimal kühl und verleiht beim Trinken ein besonderes Trinkerlebnis.

Glücklich auch der Mensch, der einen Silbershaker sein eigen nennen darf. Kein Shaker kühlt schneller und besser. Und an keinem frieren so schnell die Hände fest….
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Der Zauber des Widerscheins

Der Zauber des Widerscheins

Den Becher teilen

Zweitens: Silber hat von allen Metallen die besten antiseptischen Eigenschaften. Es wirkt bakterizid und fungizid. Schon 2g Silberionen sterilisieren 1000000 Kubikmeter Wasser. Auf der Oberfläche von Silber befinden sich 1000x weniger Keime als auf Edelstahl. Diese hygienischen Eigenschaften kannten schon die Alten. „Ein guter Becher will geteilt sein.“, sagt das Sprichwort…

„In olden times the julep was preferably made in silver pitchers. … A silver loving cup is the best thing when the party is such that it is not averse to drinking out of the same vessel.” The New, Frederick, 1901.

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Der Prince of Wales Cocktail  - standesgemäß im Silberpokal

Der Prince of Wales Cocktail – standesgemäß im Silberpokal

Ein glänzender Auftritt

Und drittens gibt ein Silberbecher einem Drink einen besonderen Glanz und adelt ihn. Silber ist das weißeste Metall und hat ein großes optisches Reflexionsvermögen.
„Es ist nicht alles Gold was glänzt.“ Nein, Silber glänzt umso stärker. Es ist Symbol vollendeter Gastlichkeit. Der „Prince of Wales“ Cocktail, der ebenfalls im Silberpokal kredenzt wird, hätte kein passenderes Trinkgefäß finden können.
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Ein Wertgegenstand

Dass man in seinen Silberbecher auch ernsthaft verliebt sein kann, zeigt folgender Zeitungsbericht aus dem Jahre 1910:

 My Cup in my Case - "Ich verreise nie ohne meinen Silberbecher"

My Cup in my Case – „Ich verreise nie ohne meinen Silberbecher“

Damit endet Teil 4 der Julep Reihe:
Ein Julep wie er im Buche stand…
Ein Mint Julep nach neuestem Geschmack.
JuleP Verne oder Der kühlste Drink der Welt
Der Sommer aber beginnt ja erst…

Then comes the julep – the mint julep. … it is the very dream of drinks…

Alchemyst

Alchemyst, geboren in den fünfziger Jahren, studierte Philosophie, Theologie und Pharmazie. Heute leitet er eine öffentliche Apotheke in Norddeutschland. Alchemyst ist nicht selten in Champagnerlaune.

3 Kommentare

  1. Thomas

    Hallo,
    für den Prince of Wales hatte ich mir auch mal zwei Silberbecher gekauft. Sieht schön aus, leider laufen die immer so an..

    Wollte auch mal einen Silber Shaker haben, die waren mir dann aber zu teuer.

  2. Gonçalo

    Diese Julep-Reihe ist brillant.
    Angefangen mit dem intriganten 1540er Zitat Schraemlis mit etymologischer Gegenüberstellung in Dokumenten der Epoche.
    Über darstellende Zeugnisse in der Literatur der Romantik mit missglückten Übersetzungen in der sozialen Realität der Vetternwirtschaft im Alten Kontinent.
    Gefolgt von der Befreiung in eine Neue Welt welche alte Krankheiten in nicht weiter erwähnenswerten Micro-Strukturen isoliert.
    Bis hin zur chemisch begründeten Hapto-Erotik eines Silberbechers.

    Kurz.
    Ein Drink in (alphabetisch angeordnet) chemisch-etymologisch-historisch-literarisch-mixologisch-philosophisch-politisch-soziologischer Darstellung, welche intelligenterweise in keiner diesen wissenschaftlichen Betrachtungen derart detailliert wurde, als das ein Fortgang für interessante Interpretationen abgeschlossen wäre.

    Das schönste Szenario für mögliche Schlussfolgerungen bietet das Alte Europa. Mit seinen (alphabetisch angeordnet) Boulangeres, Buffetiers, Charcutiers, Cuisiniers, Distillateurs, Limonadiers, Oyeurs, Rôtisseurs, Taveniers, Traiteurs und Vinaigriers im Gegensatz zur unproblematisch-mischungsfreudigen Neuen Welt.
    Ein möglicher Zusammenhang mit dem verbissenen Versuch der zeitgenössischen englischen Barszene, den Ursprung des Cocktails für Britisch zu beanspruchen verbleibt dem Auge des Betrachters.

    Noch kürzer.
    Der Mint Julep.

    Gonçalo

  3. Alchemyst

    Wow Gonçalo, was für ein atemberaubender, eloquenter Kommentar…

    Im Grunde will ich mit meiner „chemisch-etymologisch-historisch-literarisch-mixologisch-philosophisch-politisch-soziologischer Darstellung“ deutlich machen, was auch meine Signatur im C&D Cocktailforum aussagt: „Ein Drink ist kein willkürliches Zusammenschütten von beliebigen Zutaten. – In einem Drink steckt sehr viel mehr Kulturgut als in einem bloßen Getränk“ – [Gonçalo de Sousa Monteiro]

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