WeinZeit: Große Gewächse – Die Ahr Teil II

„Terroir“ ist ein von Weinexperten oft in den Raum geworfenes Wort.
Doch während „Terroir“ im französischen Wortgebrauch usus ist, tut sich der deutsche Durschnittstrinker mit dem Begriff noch deutlich schwerer.

Selbst das Fremdwörterbuch des Duden (Auflage 1997) weiß mit dem Wort nichts anzufangen.
In Zeiten des Web 2.0 besorgt sich der geneigte Trinker seine Definition also einfach schnell über Wikipedia:

Terroir (franz.: terroir m. = Gegend), ein aus Frankreich stammender Begriff aus dem Agrarbereich, beschreibt die naturgegebenen Faktoren eines bestimmten Stückes Land, die den Charakter der dort angebauten Agrarerzeugnisse beeinflussen, also das Zusammenspiel von (Mikro-)Klima, Geologie, Topographie und Bodenbeschaffenheit. Der Begriff beurteilt somit den Charakter und Wert des entsprechenden Gebiets und seiner Erzeugnisse.

Grob zusammengefasst also der Einfluss des Bodens und der Lage auf das Agrarprodukt. In unserem Falle: Der Wein!

Ich vermute, ich bin nicht der Einzige, der sich die Frage durch den Kopf gehen ließ, ob denn wirklich soviel dran ist am „Terroir“, dass es prägend für ganze Weinstile sein soll.
Grund genug also die Sache mal etwas genauer zu betrachten:
Darum wählte ich für diese Verkostung den „2006er Neuenahrer Sonnenberg Spätburgunder „Großes Gewächs“ -J.J. Adeneuer“

Der Grund: Gleicher Preis, gleiche Rebsorte, gleicher Erzeuger, gleiche Qualität, gleicher Jahrgang wie der vorrangegangene Wein „Walporzheimer Gärkammer 2006“.
Beide Weinlagen sind jeweils die privilegiertesten in den Städten Bad Neuenahr bzw. Walporzheim. Doch wie genau unterscheiden sich die Lagen?

Folgende Tabelle soll helfen einen kleinen Überblick zu verschaffen:

tabelle 03

Zu erwähnen ist noch, dass die „Walporzheimer Gärkammer“ durch die hohen, sie umgebenden Schiefermauern, ein vorteilhafteres Mikroklima besitzt. Außerdem werden jährlich 1500 (!) Ballen Stroh in den Weinberg getragen um zu verhindern, dass die Reben auf dem wasserdurchlässigen Schieferboden austrocknen.

Nach der Theorie möchten wir uns nun dem Genuss widmen. Dieser beginnt bereits beim wertigen Flaschendesign, das zum Glück etwas dezenter ausfällt, als das der „Walporzheimer Gärkammer“.

Im Glas präsentiert sich der Wein folgendermaßen:

2006 Neuenahrer Sonnenberg “GG” – J.J. Adeneuer
Farbe kristallklares Ziegelrot, ein wenig heller als die Walporzheimer Gärkammer
Nase Eukalyptus, Mistel (ich durfte in Kroatien Mistel-Schnaps kosten), Pfeffer-Bonbons (Jelly-Beans)
Gaumen mildes Chili, leicht adstringend, fruchtig, schokoladig, temperamentvoll
Abgang könnte etwas opulenter sein, das Rad der roten Früchte dreht sich jedoch kurz

Mein Fazit:
Auch der „Neuenahrer Sonnenberg“ lässt die Herzen der Liebhaber deutscher Weine höher schlagen. Er kommt einen Hauch leichter, fruchtiger und frischer als die „Walporzheimer Gärkammer“ daher und passt hervorragend zu kräftigeren Fisch/Krustentiergerichten (z.B. Hummer Thermidor) oder leichten Fleisch/Geflügelspeisen (z.B. Vitello tonnato, Kalbsfilet oder Taubenbrust).
Das „Terroir“ macht sich also schon bemerkbar. Die Unterschiede sind allerdings sehr fein und werden nur im direkten Vergleich deutlich. Der Begriff hat meiner Meinung nach seine Existenzberechtigung, allerdings in der hintere Ecke der Fachbegriffe.

——

Der Winzer Florian Weingart aus Spay am Mittelrhein beschrieb es einmal folgendermaßen:
„Terroir“ ist eine Marketingkampagne auf Kosten der Gerechtigkeit.“ Der Begriff, der auch als Gegenentwurf zu Globalisierung und Industrialisierung der Weinwirtschaft verstanden werden solle, werde allzu oft missbraucht.

 Wie sind eure Erfahrungen?

2006er Neuenahrer Sonnenberg Spätburgunder „Großes Gewächs“ -J.J. Adeneuer

2006er Neuenahrer Sonnenberg Spätburgunder „Großes Gewächs“ -J.J. Adeneuer

Robin Stein

Robin Stein, Jahrgang 1987, ist studierter Lebensmitteltechnologe und der Jüngste im Team. Sein Weg führte ihm nach dem Abitur 2006 über ein viermonatiges Praktikum in Pusser's New York Bar in München nach Bergisch-Gladbach, wo er eine Ausbildung als Hotelfachmann im Schlosshotel Lerbach absolvierte. Seine persönlichen Honigfallen sind Champagner, Obstbrände, Wein und Whisk(e)y.

3 Kommentare

  1. Hm, schwieriges Thema.
    Ich denke, prinzipiell, darf man das Terroir natürlich nicht außer Acht lassen, einen gewissen Anteil and er Qualität und Identität eines Weins hat es auf jeden Fall.
    Die Größe des Einflusses wiederum…schwer zu sagen.
    Kann ich mich noch gar nicht zu genau dazu äußern.
    Auf jeden Fall hat es nicht den riesigen Einfluss, den Einige predigen.

    Auf jeden Fall ist der Einfluss nicht mit (z.B.) dem Ertrag den man verarbeitet oder der Sorfalt, mit der man die Trauben behandelt zu vergleichen.

    Aber ein spanndendes Thema.
    Ich hoffe das kommt im Laufe meines Studiums oft zum Zuge.

    Viele Grüße
    Jonas

  2. Robin Stein

    Hallo Jonas,

    vielen Dank für deine Einschätzung! Ich stimme deiner Meinung zu und finde Terroir ist ein Thema welches man auf jeden Fall einmal über längere Zeit betrachten sollte. Was genau studierst du? Kann man dich bei Facebook antreffen?

    lg
    Robin

  3. Ich werde (theoretisch ab morgenpraktisch ab dem 5. Oktober) bald mein Önologiestudium antreten.

    Deswegen freue ich mich ja über den neusten Trinklaunigen 😉

    Gruß
    Jonas

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