Vom Zauber des Pastis oder warum Henri Bardouin eine nebulöse Erscheinung hat…

IMG_2113„Sein Geschmack ist Geschmackssache, sein Duft unverwechselbar und seine appetitanregende Wirkung unbestritten, aber was ihn über alle anderen Spirituosen stellt, das ist sein enormer Unterhaltungswert. Denn Anis ist nicht nur sein Getränk zum Trinken, sondern auch zum Anschauen. Anis ist abstraktes Theater, das mit dem einzigartigen Spektakel des Zusammentreffens von Anis und Wasser beginnt und sich wie von Zauberhand im geheimnisvoll zarten Opalisieren der unter dem Namen „Pastis“ miteinander vermählten Flüssigkeiten fortsetzt, Vorgänge, die dem tiefer veranlagten Gemüt viel Stoff zum Meditieren geben.“ So konnte man es bereits vor knapp 30 Jahren im Magazin „Essen und Trinken“ lesen. Und weiter: Nebulös
Pastis gleich welcher Marke wird wohl niemand pur trinken: Nach klassischem Brauch füllt man ein Fünftel Pastis mit vier Fünfteln Wasser auf. Mir persönlich ist das Ergebnis zu wenig intensiv. 1 Teil Pastis und 1,5 bis maximal 3 Teile eiskaltes Wasser finde ich schöner, aber ich liebe den Stoff auch und bin vom artverwandten Absinth einiges gewöhnt. Schon der erste Tropfen Wasser verwandelt die bernsteingoldenen bis leicht grünliche Spirituose zu einer schimmernden, wolkigen Elfenbeinmilch. Die Verdünnung bewirkt, dass die alkohollöslichen ätherischen Öle schlagartig unlöslich werden und die vormals klaren Flüssigkeiten vernebeln.

Zum Aufgießen nimmt man grundsätzlich kein kohlensäurehaltiges Wasser. Und je kälter das Wasser ist, desto besser schmeckt der Aperitif. Wer häufiger Pastis trinkt, sollte sich deshalb einen jener typischen Wasserkrüge besorgen, wie man sie in Frankreich in jeder Bar sieht. Diese Krüge haben eine Eisbremse, die dafür sorgt, dass die Eiswürfel beim Eingießen nicht ins Glas rutschen. Der Pastis selber gehört – das gilt für alle Anisgetränke – nicht in den Kühlschrank: Beim Kühlen bilden sich Kristalle im Getränke, und das schadet seinem Aussehen. Wer sich erst einmal an den Anisgeschmack des klassischen Pastis gewöhnt hat, und das ist notwendig, wird vielleicht auch damit mixen wollen. Man kann außer Wasser entweder einen Schuß Grenadine oder Pfefferminzsirup oder Orgeatsirup zum Pastis gießen oder ihn statt mit Wasser mit Orangensaft oder Grapefruitsaft aufgießen.

Ein paar typische, französische Rezepte gefällig?Pastis 011

Tomate
4 cl Pastis
1-2 cl Grenadinesirup
Auffüllen mit eiskaltem Wasser
in einer kleinen KaraffePastis 008

Perroquet
4 cl Pastis
1 cl Pfefferminzsirup grün
Auffüllen mit eiskaltem Wasser

Pastis 009

Mauresque
4 cl Pastis
1 cl Orgeat Sirup
eiskaltes Wasser zum Auffüllen

La Feuille MortePastis Farbenspiel
4cl Pastis
1cl Grenadine
1cl Minzsirup
eiskaltes Wasser zum Auffüllen

Gern werden werden diese süßen Mischungen auch als Aperitif getrunken.
Wie Absinth trinkt man Pastis aus Gläsern mit dickem Boden, oft zusammen mit einer Schale Oliven, eingelegten Champignons oder einfach begleitet von einem kleinen Teller mit gesalzenen Erdnüssen…

Pastis war lange Jahre der legitime Erbe der Absinth, kam er doch als Absinth minus Wermut daher,
doch erreichten nur wenige dieser Anisgetränke die Komplexität des Salonlöwengebräus Absinth.
Ein Produkt das die Anforderungen eines Spitzenpastis erfüllt ist der Pastis Henri Bardouin. Um sein harmonisches Geschmacksprofil zu beschreiben bedarf es anderer Worte als bei den eher eindimensionalen Supermarktqualitäten wie Ricard oder dem Fast-Pastis Pernod.
Der perfekte Start vor einem Essen

Pastis Henri Bardouin 45% Vol.
Farbe Goldgelb mit einem leichten Grünstich
Nase Angelika, Anis, Kiefernadeln
Gaumen Sternanis, Angelika, Kardamom, Süßholz
Abgang Langanhaltend, fruchtig

Dieser Pastis, der aus rund 50 Kräutern, Wurzeln, Früchten und anderen Pflanzenteilen
hergestellt wird, überzeugt mich durch seine Harmonie und Milde. Süße, Süßholz oder Sternanis sind präsent, aber dominieren die Mischung nicht. Das ist selten und verspricht einen rundum tiefen Genuss. – Auch Henri Bardouin kann man schön vermixen.
Für die Freunde der klassischen Bar habe ich einen schmackhaften Drink mit einer ordentlichen Portion Pastis nach:
The Gentleman’s Companion Volume II: The Exotic Drinking Book, Charles H. Baker, Jr.

The Calcutta aka The Balloon Cocktail

4,5 cl Rye Whiskey
4,5 cl Pastis (Henri Bardouin)
4,5 cl Vermouth, süß
2 Spritzer Orangenbitter
1,5 Teelöffel Eiweiß (optional)
Auf Eis schütteln und in ein ein gekühltes Cocktailspitz
abseihen – Ein erstaunlich stimmiger Drink.

Ein herrlicher, frischer Genuss

Ein herrlicher, frischer Genuss

Alchemyst

Alchemyst, geboren in den fünfziger Jahren, studierte Philosophie, Theologie und Pharmazie. Heute leitet er eine öffentliche Apotheke in Norddeutschland. Alchemyst ist nicht selten in Champagnerlaune.

3 Kommentare

  1. Pastis- ein wohltuender Tropfen!
    Eine Version meiner Seits
    5cl Pastis
    2cl fr. Zitronensaft
    2cl Mandel Sirup
    Das ganze kräftig shaken und in einem Tumbler auf Eis abseihen. Mit etwas Soda abspritzen. Cheers!!!

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