Was viele neue Cocktailbücher vermissen lassen

Auch ich verfiel irgendwann dem Zwang alte Bücher über Bars, Spirituosen, Drinks und andere Getränke zu kaufen. Zum einen kann man sie als wichtig bezeichnen, um alte, teils spannende Rezepte wieder zu finden. Zum anderen zeigen sie, wie sich die Drinks in ihrer Art und Zubereitung geändert haben. Aber auch wie sich Cocktailbücher gewandelt haben.
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Viele von ihnen bieten einfach aneinandergereihte Rezepte. Aber das findet sich in den meisten neuen Bücher auch. Hochauflösende Fotos von jedem Drink, die ohnehin graphisch aufgearbeitet wurden um noch besser auszusehen. Das Auge trinkt mit , vollkommen richtig, aber das interessiert mich in Cocktailbüchern nun doch wenig bis gar nicht. Ich probiere keine Drinks aus, weil ich ihre Farbe toll finde…
In vielen alten Büchern sind es lediglich kleine Illustrationen. Selten solch ausgefallenen Zeichnungen wie in dem Buch Bottom’s Up zum Beispiel. Und wenn, dann erfüllen sie einen ganz anderen Zweck.
Die Drinks stehen einfach im Vordergrund. Überhaupt vermitteln mir viele alte Rezeptbücher viel mehr als nur das. Sie bringen irgendwie viel mehr den Zauber, die Eleganz und das Besondere rüber, als es neue hoch designte Bücher tun. Untermalt mit kleinen Geschichten, Anekdoten oder einem Gedicht, passend zu dem jeweiligen Cocktail…
Ein Besuch im Rum Trader bei Herrn Scholl fällt mir ein um etwas deutlicher zu machen, was ich meine. Diese Bar besuche ich, zum größten Teil der Atmosphäre wegen. Die Person von Herrn Scholl, die (zeitweise sehr merkwürdigen) Gäste, die Musik und nicht zu letzt die Größe dieser Bar, lassen den Gast dort für die Zeit seines Aufenthalts in eine kleine eigene Welt abtauchen.
Nun tauche ich nicht in diese alten Cocktailbücher ab. Aber sie sind für mich ein ganzes Stück weiter an all dem, was ich mit dem Trinken und der Bar verbinde.
Das von mir hier schon vorgestellte Buch Handbuch für Mixer zum Beispiel: Man erkennt sofort mit welcher Intention dieses Buch geschrieben wurde. Genuss verbreiten. Was ich aus neuen Büchern heraus lese: Cocktails mixen ist ein Kinderspiel.
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Ein weiteres deutsches Buch: Cheerio Gin Gin von Jan Herchenröder. Das Buch ist in sich eine Anleitung zum Trinken.
Wann kommt was ins Glas, welchen Hintergrund oder welche Wirkung hat dieses oder jenes Getränk. Die Rezepte sind im Text, viel mehr in einer Geschichte, versteckt. Zusammen mit einem wunderbaren Wortwitz– Eine wahre Freude dies zu lesen.Wer hat sich zu letzt so intensiv mit der Warenkunde bzw. der Kunst des Mixens an sich beschäftigt, wie David Embury in „The Fine Art of Mixing Drinks“ ? Hier und da sind in manchen Büchern kleine Textpassagen, wie der Shaker zu benutzen ist oder wie wichtig Eis ist. Aber wie Embury das Zusammenspiel der Zutaten und die Grundregeln des Bartendings erklärt … Mir fällt kein aktuelles Buch ein, das dies leistet. Vor allem den ganzen Standard-Werken laste ich dies irgendwie an. Sie vermitteln doch zu leicht das Gefühl: Jeder kann ohne Probleme Cocktails zubereiten. Wie wichtig eine gute süß-saure Basis bei vielen Drinks ist, darüber verliert niemand ein Wort. Darcy O‘Neils Abhandlung darüber, in „The journal of the American Cocktail“  muss man schon eine Zeit lang suchen. Bei den neuen Büchern gibt es aber auch Außnahmen.

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Das überarbeitete Buch „Forgotten Cocktails and Vintage Spirits“ von Ted Heigh ist eine solche Außnahme. Für mich ist es ein wunderbares Buch mit vielen geschichtlichen Hintergründen. Für jene die Cocktails als ihr neues Hobby ansehen, ist es dennoch ein großes Fragezeichen. Aber dafür ist es nun mal auch ein Buch das nur den einen bestimmten Bereich der Bar abdeckt: Klassische, alte Cocktails.
Klar, man findet aktuelle Fachliteratur, wenn man danach sucht. Aber man muss schon ein ganzes Stück weit den Drinks und der Bar verfallen sein, um damit etwas anfangen zu können. Anfängern muss man meist mehrere Bücher empfehlen und bei dem einen sagen, lies den Teil lieber nicht und bei dem anderen lass das erstmal weg.
Was mir an aktuellen Cocktailbüchern fehlt? Die Liebe zum Detail und die Atmosphäre der Bar.

Philipp Jäckel

Das Wissen um die Bar so wie einiger ausgewählter Themen im Detail kommen größtenteils nur durch eine intensive Beschäftigung mit der Cocktail- und Barkultur in seiner Freizeit. Begonnen hat das alles 2006. Einzelne Schwerpunkte im Bereich der Getränke legt Philipp in der Bar zu Hause nicht. Neben allerlei Spirituosen haben auch Bier und Wein ihren festen Platz gefunden.

5 Kommentare

  1. Das Ultimate Barbook von André Dominee ist für mich auch ein ganz großer Wurf. Leider ist der Cocktailteil hier nicht wirklich überzeugend. Aber eine solche Gewalt von Warenkunde und die Geschichte des Alkohols und der Bar… Da liest man ja nie aus.

    Kannst du „Erlesene Cocktails für private Gäste“ empfehlen?

  2. Bambi

    Noch nie die schwarze Cocktailbibel gelesen??? ( Schumanns)

  3. Ja, das mag ja stimmen, dass die alten Bücher die Reize nicht überfluten, was man natürlich bei den neueren Büchern, im Zeitalter des Photoshops ja so nicht sagen kann. Aber wer verschönert denn heute nicht, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Ich denke aber trotzdem, das allerbeste Buch mit den Drinkrezepten, auch wenn doch sehr bunt, sind die 1000 Drinks aus aller Welt. Hab zu Hause und mixe regelmäßig 😉

  4. meoled

    Auf dem Bild sieht man es zwar, erwähnt wurde es in dem Artikel leider nicht: Erlesene Cocktails für private Gäste von Dietrich Bock.

    Meiner Meinung nach ein wundervoll recherchiertes, für seine Zeit visionäres Cocktailbuch von einem überdurchschnittlich interessierten Hobbymixer, welcher über eine umfassende Bibliothek zu dem Thema „Cocktails“ verfügt (ca. 300 Bände).

    Dieses Buch sei trotz der manchmal etwas unglücklichen Formatierung, welche daher rührt, dass Herr Bock dieses Buch im Eigenverlag herausgebracht hat, jedem ans Herz gelegt!

    MfG

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