Des Kaisers Bart oder warum man in Bars nicht streiten sollte…

Ueber den Umgang mit Menschen (und Schurken)

Ueber den Umgang mit Menschen (und Schurken)

Jörg Meyer leitete seinen Blog-Eintrag unter dem Thema „Winke für den jungen Bartender: Teil 1 – Keine Gespräche über Politik und Religion in der Bar“
mit folgenden Gedanken ein:

„Ich weiss nicht genau, wann mir mein alter Barchef, Herr Ulrich, seiner Zeit diese „Barkeeper Weisheit“ vermittelte, aber ich habe Sie in meinen jüngeren Bartender Jahren noch häufiger zu hören bekommen. Gut so. Denn tatsächlich: nur Hitzköpfe und profilierungssüchtige Jung-Bartender stehen hinter der Bar und sprechen mit Ihren Gästen über Politik und Religion. Statt, wie es sich gehört, übers Wetter! …
Was bleibt, aber besser ausbleiben sollte, sind Gespräche über Politik. Und die, das meine ich ernst, haben zwischen Bartender und Gast in keiner Bar etwas zu suchen.“

Jörg Meyer schreibt hier aus der Sicht des Barkeepers und Gastgebers.
Ich teile diese Sicht, möchte aber noch weiter gehen und zusätzlich die Dimension des Alkoholkonsums bedenken.
Ich würde in der Regel auch von Gast zu Gast jede politische Diskussion in Bars oder Kneipen vermeiden. Denn wenn Alkohol in Spiel ist – und es ist fast immer Alkohol im Spiel – sind solche Diskussionen, als vernünftiger Gedankenaustausch, oft – aber nicht immer- höchst unerquicklich.

Alkohol wirkt in allen Teilen des Gehirns hemmend und führt zur Enthemmung. Er vermindert die kritische Selbsteinschätzung, die allgemeine Kritik- und Urteilsfähigkeit, steigert die Leutseligkeit, den Redegang, die Euphorie, aber auch die Reizbarkeit und Agression.
Unter Alkoholeinwirkung werden wir redseliger, distanzloser und risikobereiter. Hier zeigen sich die Gründe warum so mancher Angetrunkene eher bereit ist, die Wahrheit zu sagen oder aber nicht zu verschweigen. Denn auch die Konzentrationsfähigkeit leidet unter dem Einfluss des Alkohols.

Das alles sind nicht gerade günstige Umstände, um politische Gespräche zu führen. Zumal Themen der Politik und der Religion ans „Eingemachte“ gehen, in den Bereich der tiefsten innersten Überzeugungen.

Der freie Herr Knigge

Der freie Herr Knigge

In einer Bar möchte ich genießen und mich amüsieren… Ein politisches Gespräch mit angeheiterten Gemütern wird zwar wortreich, aber fast immer folgenlos ausfallen.
“Regen lässt das Gras wachsen, Wein das Gespräch” so ein schwedisches Sprichwort. – Über die Qualität der Unterhaltung sagt das Sprichwort nichts.

Vorbehalte äusserte schon der bekannte Baron Knigge in seinem Buch
„Über den Umgang mit Menschen“ aus dem Jahr 1788. – Er schrieb:

„Kein Anblick ist so widrig für den verständigen Menschen als der einer Person, welche sich durch starke Getränke um Sinne und Vernunft gebracht hat. … Es ist unangenehm, der einzige Kaltblütige in einer Gesellschaft von Leuten zu sein, die sich durch ein Gläschen über die Gebühren um einen Ton höher gestimmt haben. … Einige werden zänkisch, wenn sie berauscht sind. Man tut wohl, der Gelegenheit auszuweichen, mit Betrunkenen dieser Art in Gesellschaft zu geraten. …
Dass man auf das, was ein Mensch im Rausch verspricht, nicht bauen darf, dass … versteht sich von selbst. Es ist unedel gehandelt, diesen schwachen Zustand eines Menschen zu nutzen, um ihm Zusagen oder Geheimnisse zu entlocken. Mit Leuten, die zu tief in die Flasche geschaut haben, verhandelt man am besten auch keine ernsthaften Sachen.“
Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge (1752-1796)

Keine ernsthafte Sachen…
wie die Religion oder die Politik oder sogar die Frage, ob ein deutscher Kaiser einen Bart getragen hat oder nicht
oder welche Farbe dieser Bart hatte.

Emanuel Geibel

Emanuel Geibel

Sich um des Kaisers Bart streiten bedeutet, sich um Dinge zu streiten, die des Streitens nicht wert sind oder die sich vielleicht auch, wie in so mancher politischen Diskussion, gar nicht entscheiden lassen.

Der Streit um des Kaisers Bart ist für mich der Prototyp einer misslungenen, hitzigen Auseinandersetzung unter Alkoholeinfluss.

Der deutsche Dichter Emanuel Geibel hat sich dieses typischen Beispiels in Reimform angenommen:

Von des Kaisers Bart.

Im Schank zur goldnen Traube,
Da saßen im Monat Mai
In blühender Rosenlaube
Guter Gesellen drei.

Ein frischer Bursch war jeder,
Der erst‘ am Gurt das Horn,
Der zweit‘ am Hut die Feder,
Der dritte mit Koller und Sporn.

Es trug in funkelnden Kannen
Der Wirt den Wein auf den Tisch;
Lustige Reden sie spannen,
Und sangen und tranken frisch.

Da war auch einer drunter,
Der grüne Jägersmann,
Vom Kaiser Rotbart munter
Zu sprechen hub er an:

»Ich habe den Herrn gesehen
Am Rebengestade des Rheins,
Zur Messe wollt‘ er gehen
Wohl in den Dom nach Mainz.

Das war ein Bild, der Alte,
Fürwahr von Kaiserart!
Bis auf die Brust ihm wallte
Der lange braune Bart.«

Ins Wort fiel ihm der zweite,
Der mit dem Federhut:
»Ei, Bursch, bist du gescheite?
Dein Märlein ist nicht gut.

Auch ich hab‘ ihn gesehen
Auf seiner Burg im Harz,
Am Söller tät er stehen,
Sein Bart, sein Bart war schwarz.«

Da fuhr vom Sitz der dritte,
Der Mann mit Koller und Sporn,
Und in der Zänker Mitte
Rief er in hellem Zorn:

»So geht mir doch zur Höllen,
Ihr Lügner! Glück zur Reis‘! –
Ich sah den Kaiser zu Köllen,
Sein Bart war weiß, war weiß.«

Das gab ein grimmes Zanken
Um Weiß und Schwarz und Braun,
Es sprangen die Klingen, die blanken,
Und wurde scharf gehaun.

Verschüttet aus den Kannen
Floß der vieledle Wein,
Blutige Tropfen rannen
Aus leichten Wunden drein.

Und als es kam zum Wandern,
Ging jeder in zornigem Mut,
Sah keiner nach dem andern
Und waren sich jüngst so gut. –

 

Ihr Brüder, lernt das eine
Aus dieser schlimmen Fahrt:
Zankt, wenn ihr sitzt beim Weine,
Nicht um des Kaisers Bart!

Alchemyst

Alchemyst, geboren in den fünfziger Jahren, studierte Philosophie, Theologie und Pharmazie. Heute leitet er eine öffentliche Apotheke in Norddeutschland. Alchemyst ist nicht selten in Champagnerlaune.

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