Poesie – im Glas und auch dahinter

Der Genuss, das Trinken und der Rausch waren Inspiration vieler bedeutender Künstler der Weltgeschichte.
Aber einige haben es auch zum Inhalt ihrer Werke gemacht. Ich will versuchen, mich heute einem der, wahrscheinlich dem bedeutendsten Dichter der zumindest deutschen Geschichte zu nähern: Johann Wolfgang von Goethe.

Kaum ein Poet vermochte es, mit Worten gleichzeitig so weit über sie hinauszugehen und die  Gefühle der Menschen direkt anzusprechen, was vermutlich auch einer der Gründe seiner Popularität bis heute und seiner herausragenden Stellung in der deutschen Literatur und Geschichte ist.

Das Gedicht „Philine“ stammt aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ und spricht eigentlich genau unser aller Metier an – aber werft selbst einen Blick:

Philine

Singet nicht in Trauertönen
Von der Einsamkeit der Nacht!
Nein, sie ist, o holde Schönen,
Zur Geselligkeit gemacht.

Wie das Weib dem Mann gegeben
Als die schönste Hälfte war,
Ist die Nacht das halbe Leben,
Und die schönste Hälfte zwar.

Könnt ihr euch des Tages freuen,
Der nur Freuden unterbricht?
Er ist gut, sich zu zerstreuen;
Zu was anderm taugt er nicht.

Aber wenn in nächt’ger Stunde
Süßer Lampe Dämmrung fließt,
Und vom Mund zum nahen Munde
Scherz und Liebe sich ergießt;

Wenn der rasche lose Knabe,
Der sonst wild und feurig eilt,
Oft bei einer kleinen Gabe
Unter leichten Spielen weilt;

Wenn die Nachtigall Verliebten
Liebevoll ein Liedchen singt,
Das Gefangnen und Betrübten
Nur wie Ach und Wehe klingt:

Mit wie leichtem Herzensregen
Horchet ihr der Glocke nicht,
Die mit zwölf bedächt’gen Schlägen
Ruh‘ und Sicherheit verspricht!

Darum an dem langen Tage
Merke dir es, liebe Brust:
Jeder Tag hat seine Plage,
Und die Nacht hat ihre Lust.

– Johann Wolfgang von Goethe
 

Ich finde, dieses Gedicht fängt die Besonderheit der Nacht wunderschön ein. Und sie ist es, die das Trinken und den Genuss von Getränken zu dem macht, als was wir sie kennen. In der Nacht erscheint manchmal alles möglich, der Rausch beflügelt und hebt uns in andere Sphären. Ich denke, diesen Ausgleich zum Tag brauchen die Menschen. Mal exzessiv, mal ruhig, aber jeder von uns kennt dieses Gefühl – und tatsächlich erlebt man dies im Dunkeln, in der Nacht, wenn die Welt sich auf einen ganz kleinen Ort zu konzentrieren scheint, sie kumuliert in der Situation, in der Runde der Menschen in der man sich befindet.

Dies sind Momente, von denen ich lange zu zehren vermag. Sie geben mir Kraft, Energie und vor allem Lebensfreude. So gerüstet kann ich meine Pflichten erfüllen. Aber früher oder später tut eine wie oben geschilderte Nacht gut, sie sorgt für einen seelischen Ausgleich, der manchmal einfach nötig ist.

Schließen möchte ich mit einem Zitat eines anderen bedeutenden deutschen Dichters, Gotthold Ephraim Lessing, aus seinem Gedicht „Der Tod“ von 1771:

Lebe, bis du satt geküsst
und des Trinkens müde bist.

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

4 Kommentare

  1. Anmerkung zum unteren Zitat von Lessing: Ich bin unsterblich! 😉

  2. xanteron

    Sehr schöner Text, der grade gut zu meiner Stimmung passt. 🙂

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