HörBar oder der Soundtrack des Genusses

Wenn das Gehör einwandfrei ist, dann sagen wir, dass die betreffende Person hören kann. Das heißt aber keineswegs, dass sie auch horchen will. Mit anderen Worten: Der Apparat, das Ohr, ist vorhanden und in der Lage, die eintreffenden Geräusche und Töne aufzufangen. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass auch ein entsprechender Wunsch vorhanden ist: der nämlich, die Laute zu empfangen, sie zu sammeln, sie miteinander zu verknüpfen, sie zu speichern, sie zu integrieren. Diese Dimension ist das Merkmal des Horchens, bei dem das Wollen eine entscheidende Rolle spielt. …
Man stelle sich vor, was wäre, wenn sich alle bemühten zu horchen. Würde sich das menschliche Verhalten nicht von Grund auf ändern? Alles wäre anders, als es heute ist, und zwar in einem Maße, das wir uns zunächst gar nicht vorstellen können.
Es dürfte inzwischen klar geworden sein, dass ich, wenn ich vom Horchen spreche, etwas anderes meine als das bloße hören oder ein gutes Gehör. Wenn hier vom Horchen die Rede ist, dann geht es um eine Fähigkeit, die über die organische Funktion des Ohres weit hinausreicht.
Das Horchen ist eine Gabe höherer Ordnung, die sich mit Vorliebe und vorrangig das Gehör zunutze macht. Je besser dieses ist, desto weitgehender gelingt es uns, mit der Wahrnehmung der Klangwelt einer bestimmten Wirklichkeit nahezukommen…
Alfred A. Tomatis in „Der Klang des Lebens“, Seite 170, Rowohlt Tb

Der Klangwelt einer bestimmten Wirklichkeit nahezukommen, ist das Ziel unserer Reihe mit dem Titel HörBar. Es ist die Klangwelt der Bar, das Summen sprudelnder Getränke, die Hintergrundmelodie des Genusses.
Um dies alles Wahrzunehmen bedarf es des Feinsinns des Horchens.
Zugespitzt formuliert ist das Horchen fast das Gegenteil des bloßen Hörens.
Erst die Fähigkeit zu horchen führt zu einer feinen und scharfen Wahrnehmung dessen, was ist. Horchen ist zielgerichtetes forciertes Hören. Aber auch das Lauschen als teilnehmendes, selbstvergessenes Hören hat in einer Bar seinen Ort und seine Zeit.

In der Trias, der Dreiheit von Denken, Schmecken und Geniessen steht das Schmecken stellvertretend für die sinnliche Wahrnehmung der Wirklichkeit. Dieses sinnliche Erleben, vermittelt durch den Tastsinn, das Auge, die Zunge, die Nase und eben das Ohr ist immer ein ganzheitliches, weshalb der Soundtrack des Genusses nicht unwesentlich zu eben diesem beiträgt.

Das hat auch die Werbebranche erkannt deren Werbepoesie immer neue Blüten produziert so wie diesen Promotiontext, der mir nun doch ein Schmunzeln entlockt.

Legen Sie eine Nespresso-Kapsel in die Maschine und drücken Sie den Knopf. Sofort nehmen Sie das Geräusch des Drucklöcherns der Kapsel wahr. Danach fängt das Wasser zu „singen“ an, da es mit 19 Bar Druck durch den gemahlenen Kaffee gepresst wird, um seine Substanz und die edlen Aromen aus ihm zu extrahieren. Das hörbare Aufwallen der Flüssigkeit weckt ein Gefühl der Freiheit … – all dies dient nur dem hehren Ziel, mit dem Geräusch eines Grand Cru, der in die Tasse fließt, einen Moment höchsten Genusses anzukündigen. Die aufmerksamsten Kaffeefreunde behaupten sogar, dass sie genau hören können, wenn die Millionen winziger Bläschen in der Crema beim Freisetzten ihrer Aromen ein fröhliches Lied anstimmen…

HörBare Werbelyrik vom Feinsten….

Alchemyst

Alchemyst, geboren in den fünfziger Jahren, studierte Philosophie, Theologie und Pharmazie. Heute leitet er eine öffentliche Apotheke in Norddeutschland. Alchemyst ist nicht selten in Champagnerlaune.

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