The Gibson, D.C.

Washington D.C.

Zugegeben, die Stadt hat es nicht leicht. Nur 4 Stunden entfernt liegt New York, das Bartender aus aller Welt anzieht. New Orleans und Boston sind ebenfalls gut erreichbar. Und so dämmerte the Nation’s Capital lange Zeit in wodka-seligen Martini-Zeiten vor sich hin, um all den Politikern, Lobbyisten, Beamten und Anwälten die Gelegenheit zu geben, der Härte des Arbeitstages mit einem entsprechenden Drink zu begegnen. Hart, süß, anspruchslos. „After-Work” war das Zauberwort. Doch Zeiten ändern sich. So entstanden auch hier, zunächst in den zahlreichen Hotels und Weltklasserestaurants Bars auf hohem Niveau, die den Geschäftsreisenden aus aller Welt den Trink-Komfort bieten konnten, den sie gewohnt waren. 2008 organisierten sich die Bartender unter den Namen „DC Craft Bartenders Guild“, um einen Austausch innerhalb der Szene zu ermöglichen.

Der leuchtendste Stern am Cocktail-Firmament ist „The Gibson“. Auch wenn der geneigte Leser sicher erkannt haben möchte, dass ein gleichnamiger Cocktail mit Hauptzutat „Perlzwiebel“ existiert, er liegt falsch. Die Bar verdankt seinen Namen dem Pianisten Elsworth Gibson, einer eher unbekannten Musik-Ikone aus Washington D.C. Bar und Künstler haben ihre Heimat im U Street Corridor, welches in den 20er Jahren der „Schwarze Broadway“ war, in den 60er und 70er Jahren Schauplatz von Bandenkriegen und heute eine schillernde, multikulturelle Nachbarschaft mit viel Licht und auch etwas Schatten.
Der Name „Gibson“ ist nicht ohne Grund gewählt. Denn auch die Bar selbst ist nicht allzu prominent platziert und leicht zu entdecken, eine schwarze Tür, ein Klingelschild, die Hoffnung, dass die Tür sich nach dem Klingeln öffnet und ihr Allerheiligstes preisgibt. Denn nach diversen, sehr wohlwollenden Rezensionen der Washington Post, des Szenemagazins Washingtonian und diverser muss auch diese Speakeasy-Bar sich fragen, wie sie mit der verdienten Aufmerksamkeit umgehen soll. Dennoch hat es das Gibson durch ein striktes Verbot von stehenden Gästen und einem Hauptaugenmerk auf telefonischen Reservierungen geschafft, seinen Charakter zu bewahren. Was macht aber das Erfolgsrezept der Bar aus?

Zunächst ist die Bar ein Fest für die Augen und Ohren. Gedämmtes Licht, Kerzenschein flackert über den fast schwarzen Tresen. Farben sind rar an diesem Ort. Auf den Tischen stehen kleine rote, gelbe und orange-farbene Farbtupfer. Die Cocktails sind das einzige, das man klar erkennt. Manchmal erscheint aus dem Halbdunkel ein Schatten, der den Drink kurz aus dem Sichtfeld entfernt.
Ich war verblüfft und beeindruckt. Nicht die atemberaubende Einrichtung steht im Mittelpunkt, nicht der teure Dress, den der Gast vielleicht trägt. Es geht schlicht und ergreifend um den Cocktail, eine Komposition aus bunten Tropfen Licht, die dem Raum seinen Charakter verleihen.
40 Gäste fasst die Bar, teilweise in kleinen Nischen, teilweise an Tischen. Dennoch bleibt man unter sich, Dunkelheit und Jazzmusik bewahren die Intimität des Gesprächs. Im Sommer ist noch die Terrasse geöffnet, die die Kapazität eben verdoppelt.

Das Barmenu beeindruckt mit Klassikern und auch neuen Kreationen, ist aber von Drinks aus der Zeit vor der großen Prohibition dominiert. Klassiker wie der Blood & Sand, Champagne Cocktail mit Roederer Champagner oder dem Algonquin Bar Punch waren darin zu finden. Ich entschied mich für einen Sazerac und einen Manhattan mit „Mountain Moonshine Bitters“, hergestellt von Blogger Marshall von Scofflaws Den. Und ich wurde nicht enttäuscht. Beide Drinks waren perfekt ausbalanciert, nicht verwässert und wie sagt man so schön, „mehr als die Summe seiner Bestandteile“. Aber auch etwas experimentierfreudigere Menschen wurden nicht enttäuscht. So etwa auch ein Sparkling Drink auf Proseccobasis mit Bisonwodka und Minze oder der Fancy Jamaican, ein Drink der aus nunja, sagen wir viel Rum besteht. Ein Fest für alle Sinne.

Leider vergeht mit der Zeit auch die Sitzplatzreservierung. Zwei Stunden ist das Maximum bei einer nachfolgenden Reservierung. Und so blieb nur ein wehmütiger Blick auf die Bar, als wir hinaus traten in die kalte, nasse Oktobernacht und uns das Licht der Straßenlaternen blendete und uns der Straßenlärm in den Ohren fast schmerzte.

The Gibson
2009 14th Street NW
202-232-2156
www.thegibsondc.com

(Bildquelle: http://samvasfi.com)

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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