„Der Feinschmecker“: Das Comeback der Hausbar

Es gibt genau zwei lesenswerte, deutschsprachige Magazine im „Food“-Bereich. –
Finde ich. Zum einen „Efilee, das Magazin für Essen und Leben“, zum anderen „Der Feinschmecker – Das internationale Gourmet Journal“. – Immer wieder ärgere ich über jene Magazine, die sich zwar „Essen & Trinken“ nennen, dem Trinken aber kaum Beachtung schenken. Nur wenige, sehr wenige Seiten sind den Getränken gewidmet, Seiten, die zum Teil gefüllt wurden mit (bezahlten) Industrie-Neuigkeiten.
„Der Feinschmecker“ ist da anders aufgestellt. Nachdem unter anderem das im gleichen Verlag erschienene Magazin Wein-Gourmet im Feinschmecker aufgegangen ist, bekamen die Rubriken Reise, Küche, Getränke, Lebensart und Magazin ein update und heißen nunmehr Reisen, Essen, Trinken und Top-Thema. Die Redaktion gab dem Thema Trinken weitaus mehr Raum und ist damit auf der Höhe der Zeit.
„Der Feinschmecker“ hat verstanden: Essen u n d Trinken halten Leib und Seele zusammen.
Bezeichnend: In der März Ausgabe widmet sich Meike Winnemuth im Magazin kompetent dem „Comeback der Hausbar“.


Dieses Comeback passt in die Zeit. Nachdem die einstige Frauendomäne Küche von eloquenten Kochmützen-Männern mittels TV aus ihrem Nischendasein zum Kultraum der Wohnung geliftet wurde und somit zu einem Statusobjekt, nachdem der Ästhetisierung des Alltags und des Geschmacks die Inszenierung des Essens folgte, nachdem die Nahrung zum Erlebnismahl und die Essecke zum Theater der Sinne mutierte, lag es nahe, den mit ein paar Flaschen bewehrten Servierwagen, den sogenannten stummen Diener, freizusetzen und dem gepflegten Trinken im häuslichen Bereich eine anständige Heimbar zu gönnen.

Meike Winnemuth analysiert in der März Ausgabe des Feinschmecker Magazins:

Die Hausbar hatte lange was latent Verschwiemeltes an sich, eine ungute Mischung aus Papis Partykeller und dem Verdacht auf beginnenden Alkoholismus. Überhaupt: Cocktails zu Hause? Vielleicht mal eine Runde Caipis oder Mojitos im Sommer oder eine Lage Cosmopolitans für die Damenrunde, die sich gackernd „Sex and the City“ reinzog, aber das war es auch schon. Erst mit der Retrowelle kam das Interesse an klassischen Cocktails wieder auf, an einem anständigen Martini (nach meiner Definition einer, in den man die Worte „Noilly Prat“ nur hineingeflüstert hat), einem Tom Collins oder einem Manhattan. Zu den Fifties-Möbeln, die sich plötzlich in den besseren Altbauwohnungen breitmachten, gesellte sich die Trinkkultur jenerJahre. …
Überhaupt kann die Ausstattung einer Hausbar schnell obsessive Züge annehmen. Das Schöne ist: Das soll sie sogar. …
Es ist ein wunderbar kindisches Vergnügen, sich seine Hausbar einzurichten: wie Puppenhaus-Spielen für Erwachsene. Mit Prozenten. Nicht zuletzt deshalb – und zweifellos auch dank des Rauchverbots in Bars, das viele Genusstrinker in die heimischen vier Wände vertrieb – hat die Hausbar in der letzten Zeit ein sensationelles Comeback hingelegt…

Eine Heim-Bar ist ein Hingucker. Im Sinne des Wortes. Cocktails im Verborgenen in der Küche zuzubereiten und dabei die Gäste unhöflicherweise sich selbst zu überlassen, ist letztlich stillos. Die Bereitung eines Cocktails ist ein Augenschmaus.
Eine Hausbar zeigt: Hier wohnt ein Genießer, hier ist darfst du es dir gemütlich machen, hier darfst du dich niederlassen…


Und doch, seien wir uns bewusst: Die Haus-Bar ist letztlich nur ein Notbehelf für häusliche Phasen. Barkultur und Barleben findet man in ihrer Essenz nur dort wo sie ihren Ursprung hat: in der gepflegten öffentlichen Bar. – Sie ruft dir zu: Come back.

Alchemyst

Alchemyst, geboren in den fünfziger Jahren, studierte Philosophie, Theologie und Pharmazie. Heute leitet er eine öffentliche Apotheke in Norddeutschland. Alchemyst ist nicht selten in Champagnerlaune.

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