Robert Spoula: „Komponierte Kulinarik und Klangcocktails – über die Analogien von Musik und Mixologie“

Cocktails und Musik gehören seit jeher zusammen. Ob klassischer Jazz in eleganten Bars, lateinamerikanische Rhythmen als perfekte Ergänzung zu den Sommerdrinks Caiprihinha und Mojito, oder die berühmte Champagnerlaune, die in zahlreichen Filmen, Opern und Operetten als gewandte Ausrede für manche Verwicklung herhalten muss: Trinklaune und Musik ergänzen sich in geradezu symbiotischer Weise. In manch alten Filmen werden Musik und Drinks dabei sogar in direkte Beziehung gesetzt. „Always have rhythm in your shaking”, doziert William Powell als Detektiv Nick Charles in der 1934 gedrehten Krimikomödie The Thin Man: „A Manhattan you always shake to fox-trot time, a Bronx to two-step time, a Dry Martini you always shake to waltz time.“

Aber gibt es neben dieser pragmatischen Partnerschaft noch weiter gehende Zusammenhänge? Besitzen Cocktails und Musik neben dem primär dienenden Wert eine tiefere Verwandtschaft? Denn so stimmig sich beide auch ergänzen, zumeist ist einer der beiden dominant. Die Musik in gepflegten Bars dient primär der Untermalung und unterstreicht als klingender Teil der Einrichtung das Ambiente. Im Mittelpunkt stehen die Kunst des Bartendings und die Drinks. Und wurde früher in so mancher Opernloge mit Schaumwein – und sicher auch manchem Cocktail – zu Don Giovannis Champagner-Arie oder zu den Trinkgelagen in Strauß‘ Fledermaus angestoßen, den Applaus bekamen die Darsteller auf der Bühne und nicht das Catering im Hintergrund, so exzellent es vielleicht auch gewesen sein mag. Es ist also primär eine Frage des Umfeldes und des Ambientes, worauf wir unsere Sinne konzentrieren.

Um Cocktails und Musik gleichermaßen gerecht zu werden, ist es wohl am besten, sie erst einmal aus der Entfernung, quasi nüchtern zu betrachten. Und sogleich entdecken wir eine faszinierende Analogie. Es sind Zahlen, oder genauer: Zahlenverhältnisse, die in beiden von elementarer Bedeutung sind.
Musik lässt sich wie keine andere Kunst nicht nur mathematisch erfassen, sondern wird von uns auch mit mathematischer Präzision wahrgenommen. Ob die doppelte bzw. halbe Frequenz als Oktave, das Schwingungsverhältnis zwei zu drei als Quinte oder fünf zu vier als die reine große Terz, wir hören Zahlenverhältnisse unmittelbar als melodische Linie oder harmonische Gleichzeitigkeit, und das mit erstaunlicher Präzision. Ähnlich die Teilung der Zeit, also die Rhythmik und die Form. Musik arbeitet auch hier mit Zahlenverhältnissen, konkret mit Zeitproportionen. Diese dringen dabei so tief in uns ein, dass sie uns sogar tanzen lassen.
Zahlenverhältnisse sind aber auch in Cocktails von elementarer Bedeutung, und das nicht nur als Prozentangaben auf Spirituosen oder als Promillewerte im Blut. Es sind neben der Qualität der Zutaten und der Zubereitung die genauen Mischverhältnisse, die ein Cocktailrezept ausmachen. Und über das Verhältnis von Gin und Wermut im Martini-Cocktail wurde und wird wohl ähnlich intensiv diskutiert wie über die Deutung von Wagners Tristan-Akkord. Kunst als Glaubensfrage.

Doch abgesehen von den in Rezepten (eine Partitur ist vereinfacht betrachtet ja auch nichts anderes als ein Rezept) niedergeschriebenen Proportionen der klanglichen bzw. geschmacklichen Zutaten: Gibt es vielleicht weitere Ähnlichkeiten oder gar Analogien? Ist es Zufall, dass die Begriffe Ausgewogenheit, Harmonie oder Balance sowohl im musikalischen wie im mixologischen Kontext auftauchen?

Dazu mehr in Teil 2

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