Robert Spoula: „Komponierte Kulinarik und Klangcocktails – über die Analogien von Musik und Mixologie“ – Teil 2

Abgesehen von den in Rezepten (eine Partitur ist vereinfacht betrachtet ja auch nichts anderes als ein Rezept) niedergeschriebenen Proportionen der klanglichen bzw. geschmacklichen Zutaten: Gibt es vielleicht weitere Ähnlichkeiten oder gar Analogien? Ist es Zufall, dass die Begriffe Ausgewogenheit, Harmonie oder Balance sowohl im musikalischen wie im mixologischen Kontext auftauchen?

Um dies zu beantworten, müssen wir die Distanz aufgeben und uns direkt den Objekten unseres Interesses zuwenden, mit all unseren Sinnen. Einzelne musikalische Proportionen treten dann zugunsten eines Gesamterlebnisses in den Hintergrund und die Wahrnehmung konzentriert sich auf den Gesamtfluss anstatt auf die einzelnen klanglichen Tropfen. Horizontale und vertikale Proportionen werden zu zielgerichteten Klangflüssen bzw. Rhythmen, die uns unmittelbar in ihren Bann ziehen, bis tief in unser Unbewusstes hinein. Und es ist nur mit viel Übung und Erfahrung möglich, die zuvor geschilderten Zahlenproportionen jetzt noch klar als solche zu erkennen.
Eine ähnliche Wandlung beim Genuss von Cocktails. So präzise die Mischung der einzelnen Spirituosen etc. auch abgewogen sein mag, auf der Zunge und im Gaumen wirbelt ein Gesamtkunstwerk aus Aromen, das nur mit viel analytischer Erfahrung entschlüsselt werden kann; und im Grund genommen auch gar nicht entschlüsselt werden will. Denn ob Cocktail oder Musik, das Erleben der sinnlichen Rezeption ist mehr als die Summe der einzelnen Parameter zu analysieren.

Das Erleben der sinnlichen Rezeption ist mehr als die Summe der einzelnen Parameter – Der Mehrwert des Mischens

In dieser Ebene des subjektiven Erlebens treffen sich Musik und Mixologie wirklich, ist das Eintauchen in die Welt der Sinneswahrnehmung doch bei beiden eine Reise in die feinsten Verästlungen ihrer Komponenten. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass es diese Komplexität im Ausgangsmaterial auch gibt und dass nicht überhöhte Lautstärke, Verzerrungen, alles andere überlagernde Aromen oder die falsche Trinktemperatur eine nicht zu überwindende Mauer aufbauen.

In der Musik ist der eigentliche Kristallisationspunkt der Wahrnehmung der reine gegenwärtige Klang. Melodische Intervalle oder rhythmische Muster existieren in uns ja eigentlich nur als Erinnerungen oder Erwartungshaltungen, die wir mit Hilfe unseres Intellekts zu musikalischen Gestalten formen. Diese Gestalten prägen dabei unbewusst auch unsere musikalische Sprache und unseren Geschmack. In den komplexen Obertonstrukturen der Klänge finden sich nun wiederum die zuvor genannten Zahlenproportionen, hier erscheinen sie uns jedoch ausschließlich als Gesamtes: als Klang einer Oboe, eines Klaviers, einer Stimme oder eines gesamten Orchesters oder einer Jazzcombo.
Diese Klangmischung aus verschiedensten Instrumenten kann durchaus mit der komplexen Aromamischung in einem Manhattan, einem Sazerac oder einem Mai Tai verglichen werden. In beiden Fällen dringt unsere sinnliche Wahrnehmung in die unterschiedlichen Facetten eines Klanges oder Drinks ein. Schmecken wie Hören wird hier zur fraktalen Rezeption, die tiefer und tiefer in die Materie eintaucht, immer wieder neue Facetten erhört oder herausschmeckt und sich in der Unendlichkeit sinnlicher Verästelungen verliert. Sich ganz diesem Sinnesrausch hinzugeben gehört wohl mit zu den schönsten Erlebnissen, einerlei ob diese in einer guten Bar oder im Konzertsaal zu entdecken sind.

Doch welche Musik erlaubt uns ein dem Trinkgenuss analoges Erleben? Gibt es gar eine, die uns beim trinken und genießen unmittelbar begleiten könnte, nicht als Barmusik im Hintergrund, sondern als Wegweiser in die Tiefe unseres Geschmackssinnes? Oder sollte man die Frage anders stellen: Gibt es Cocktails, die uns helfen, Musik intensiver zu hören? Und wo sollen wir beginnen?

Dazu mehr in Teil 3

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