Robert Spoula: „Komponierte Kulinarik und Klangcocktails – über die Analogien von Musik und Mixologie“ Teil 3

Welche Musik erlaubt uns ein dem Trinkgenuss analoges Erleben? Gibt es gar eine, die uns beim trinken und genießen unmittelbar begleiten könnte, nicht als Barmusik im Hintergrund, sondern als Wegweiser in die Tiefe unseres Geschmackssinnes? Oder sollte man die Frage anders stellen: Gibt es Cocktails, die uns helfen, Musik intensiver zu hören? Und wo sollen wir beginnen?

Einen Hinweis gibt uns die Musik- bzw. Cocktailgeschickte, denn weder Getränke noch Musik entstanden im luftleeren Raum. Beide wurden unter ganz bestimmten historischen, sozialen, technologischen und politischen Verhältnissen erschaffen.
Cocktails entstanden im 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten von Amerika. Zuerst noch recht einfache Cowboydrinks, die mehr als vermeintliche Medizin gedacht waren denn als Genussmittel, entwickelten sie sich mehr und mehr zu jenen Gaumenschmeichlern, wie wir sie heute kennen und lieben. Das 19. Jahrhundert ist aber auch jenes, das sich wie kein anderes zuvor dem Klangreichtum der Musik widmete. Wagner, Bruckner, später dann Debussy oder Ravel, sie alle schufen eine Musik, welche den Klang selbst zur ästhetischen Kategorie erhob. Dass der Jazz, der wiederum die Basis der klassischen Barmusik bildet, sich in seiner harmonischen Struktur an die Musik um Debussy oder Ravel anlehnt, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Ein wunderbares Beispiel bildet hier etwa der Pianist Bill Evans.

1860 wurde erstmals Wagners Vorspiel zu Tristan und Isolde aufgeführt, ein Werk, das sich ganz dem Rausch der Klänge widmet und das die Musikgeschichte revolutionierte. Nur zwei Jahre später veröffentlichte Jerry Thomas mit „The Bar-Tender’s Guide“ das erste Cocktailbuch der Geschichte. Es war neben der neuartigen Harmonik nicht zuletzt Wagners berühmte Mischklang-Technik, welche die Zeitgenossen so hypnotisierte. Insofern kann man das für seine die Akustik berühmte Festspielhaus in Bayreuth auch als das größte Cocktailglas der Welt bezeichnen.

Claude Debussy wegweisendes Orchesterwerk „Prélude à l’après-midi d’un faune“ entstand in den 1890-er Jahren, also jener Zeit, in der sich so großartige Drinks wie der Old Fashioned, der Manhattan, der Daiquiri oder der Ramos Gin Fizz in den Rezeptbüchern etablierten.
Hier jetzt eine direkte Beziehung oder gar gegenseitige Beeinflussung ableiten zu wollen wäre freilich grob vereinfachend, dass an so unterschiedlichen Orten fast gleichzeitig Werke bzw. Rezepturen entstanden, die völlig neue klangliche bzw. geschmackliche Komponenten ausloteten, ist aber erstaunlich. Wer das nächste Mal einen gut gemachten Manhattan trinkt, möge sich doch einmal Debussys zehnminütiges Orchesterwerk dabei anhören. Es ist erstaunlich, welchen gemeinsamen Reichtum an feinen Nuancen beide enthalten und mit welch schlüssiger innerer Dramaturgie sie sich am Gaumen bzw. in der Zeit entwickeln.

Es gibt aber auch im 20. bzw 21. Jahrhundert musikalische Strömungen, welche sich durch ihre intensive Beschäftigung mit dem Klang als primären musikalischen Parameter beschäftigen. Zwar wurde die Musik (so wie auch der Martini Cocktail) im Laufe des 20. Jahrhunderts wesentlich trockener und sachlicher, Komponisten wie Giacinto Scelsi (1905 – 1988), György Ligeti (1923 – 2009) und vor allem Olivier Messiaen (1908 – 1992) schufen, aus völlig verschiedenen ästhetischen Richtungen kommend, aber dennoch (oder geradezu als Gegenpol zur Sachlichkeit) Werke, welche die rein klangliche Ausdruckskraft in unerhörter Weise erweiterten. Und die Reise ist noch lange nicht zu Ende, wie etwa die sog. Musique spectrale zeigt, welche aus den Obertonstrukturen der Klänge selbst alle musikalischen Paramater ableitet. Klangcocktails par excellence.
Umgemünzt auf neue Richtungen in der Kunst der Mixologie finden sich solche neuen Wege in der Molekularküche und im Cuisine Style. Ob damit wirklich jene Geschmackskompositionen geschrieben werden, welche die Alten Meister beerben, hängt ganz von der Kreativität der Bartender ab. Aber das war etwa 1930, als Harry Craddock sein Savoy Cocktail Buch veröffentlichte, ja auch nicht anders.

Im letzen Teil geht es dann nochmals weit in die Vergangenheit, in das Jahr 1786.

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