Kein Schnaps für 100,00 € oder Die Bedeutung der Geselligkeit

Vor einem Monat war ich mit Philipp und Oliver sowie zwei weiteren Freunden zum Mittagessen im La Vie. Mit sehr großem Abstand das teuerste Mittagessen meines Lebens, wenn man Champagner vorweg, Wein dazu sowie Kaffee und Digestif mit bedenkt. Für eine Studentengeldbörse steckten doch einige Arbeitsstunden darin… Das Essen war fantastisch, außer Frage. Alles war großartig, die begleitenden Weine wundervoll, der Service perfekt. Doch was den Tag zu der Besonderheit gemacht hat, die er im Nachhinein für mich darstellt, war unsere Runde. Ohne die Menschen an einem Tisch ist auch das beste Essen nicht perfekt. Und umgekehrt kann ein Abend mit einer Flasche (oder vielleicht auch ein paar Flaschen mehr…) Wein, Brot, Schinken und Käse mit interessanten Gästen und guten Freunden eine absolute Erfüllung sein, fernab von Superpremium und Hype.

Und dies führt mich zu meinem eigentlichen Anliegen… Mittlerweile sind viele teure Spirituosen, vielleicht ab 75,00 €, für mich ihren Preis nicht mehr wert. Sie können noch so gut sein – aber mir gefällt die Relation nicht mehr. Und im gleichen Maße steigt meine Wertschätzung für den guten Mittelbau des Spirituosen-Portfolios immer weiter. Dabei denke ich an Antica Formula, El Dorado 12, Appleton 12, Sazerac Rye oder Park VSOP. Bei allen diesen Produkten bekommt man so viel für sein Geld, dass das Luxussegment für mich fast überflüssig wird. Natürlich ist der „Haben-Wollen“-Effekt nicht zu unterschätzen und ich liebe meinen El Dorado 25. Aber größere Mengen Geld für eine Einzelflasche fließen bei mir mittlerweile in andere Segmente: Champagner (ok, das konnte man erwarten…) und Wein. Nach einem Abend ist die Flasche leer, das Geld in dem Sinne noch viel flinker weg als bei einer Flasche Rum, die sich doch mindestens ein Jahr hält.
Doch der Vorteil, den der Wein mit sich bringt, ist das Ritual. Es gibt wenig Dinge, die ich so schätze, wie mit guten Freunden eine Flasche Wein zu öffnen, sie zu teilen, gemeinsam zu leeren. Man hat Teil an einer Sache, man schafft eine Gemeinsamkeit für einen Abend und dieser wird sich, so, wie er war, im Gedächtnis festsetzen. Die großen Abende der letzten Jahre waren für mich – in der Rückschau – niemals jene, bei denen ich Superteure Spirituose XYZ probieren oder trinken konnte, sondern immer waren es die Abende, an denen man zusammen um einen Tisch saß, evtl. vorher noch gemeinsam gekocht hat und die Geselligkeit genießen konnte. Dieser Aspekt ist nach einigen Jahren der Beschäftigung mit Genuss für mich so bedeutsam geworden, dass keine Spirituosen für 100,00 € mehr ins Haus kommen. Dieses Geld lege ich doch lieber zur Seite, warte auf den richtigen Moment und freue mich darauf, an einem gedeckten Tisch Platz nehmen zu können und für ein paar Stunden den Alltag zu vergessen, dem Blick auf die Uhr zu entfliehen und gute Gespräche, gutes Essen und gute Getränke zu genießen. Es lebe die Gemeinschaft – ohne sie wird kein Genuss vollkommen…

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

12 Kommentare

  1. Schöner Gedanke! Außerdem einer, den ich teilen und bejahen kann. Ich denke, eine wichtige Rolle, neben der Ausgewogenheit von High-end-food und alltäglichen Genüssen (auch bei Wein und Spirituosen), spielt auch die Zeit. Als ich z.b. in London die drei Tage hintereinander Sterneküche genießen konnte, habe ich ein klein wenig das grandiose Essen weniger wertgeschätzt. Wiederum war dies eine meiner tollsten Erfahrungen und niemals konnte ich besser Restaurants einschätzen, als eben beim totalen Direktvergleich wie damals. Momentan ist mir z.b. aufgefallen, dass ich ziemlich viele Weine auf Lager habe, nur wenn ich mal spontaner einen Wein öffnen will, ich mich überwinden muss oder schon fast schmerzhaft eine Flasche öffne, weil sie mir für spontanes eben zu schade ist. Bei Weinen habe ich schon oft bei den „günstigeren“ Weinen großen Genuss gehabt und bei manch groß geglaubten Weinen war ich bitter enttäuscht. Aber leider ist das alles nicht so einfach – so war der 95er Cristal nicht nur meine teuerste, sondern definitv eine der spannendsten Erfahrungen. Bei den Restaurants gehören zu den schönsten Erlebnissen auch die Sternerestaurants, wenn auch nicht in Reihenfolge der Gastrobewertungen. Ein wunderbares Essen hatte ich das letzte Mal bei Wohlfahrt, doch die Kopfschmerzen haben den Genuss ziemlich überschattet und mir sehr viel Freude genommen. Der Abend mit Euch hat mir auch enorm Spaß gemacht und so bleibt der Bollinger auch als ein grandioser Wein in Erinnerung, weil die Atmosphäre und Stimmung passte. So manch große Flasche, die ich alleine getrunken habe, stinkt dagegen ab. Trotzdem bleibe ich dabei, dass die „ganz großen“ Weine, Restaurants oder was auch immer, niemals entfallen sollten, auch wenn sie nicht immer zu den größten Erlebnissen gehören. Jedenfalls nimmt man das mit der Zeit weniger ernst und ein Wein um die 50€ setzt bei mir schon lange kein „Glückserlebnis“ mehr voraus. Wenn der Wein dann eben doch nicht so überzeugt, ist es auch nicht weiter schlimm – man ist ja um die Erfahrung reicher geworden.

    Ein weiterer Aspekt, warum viele große Ereignisse einfach nicht so toll werden, wie erwartet, ist die Erwartungshaltung. Anfangs habe ich bei teuren oder speziellen „Genussmomenten“ einfach zu viel erwartet oder war zu angespannt. Vielleicht auch ein Grund, warum oft einfache Speisen, Weine usw. einen überraschen – weil man einfach nichts erwartet und deutlich entspannter genießt.

  2. Wahre Worte eines tollen Gastgebers.
    Sehr guter Bericht, der mir aus dem Herzen spricht.
    Mehr ist dem nicht hinzuzufügen.Punkt !
    Gruß Olaf

  3. Goncalo

    Ja. Ganz Genau. Und. Yes, sir.

  4. Danke für eure Kommentare!!
    Davon, ‚beondere‘ Dinge nicht spontan, wenn die Situation passt, zu öffnen, bin ich abgekommen. DER besondere moment kommt nicht und die Tropfen wurden gemacht, um genossen zu werden. Und wenn man ewig wartet wachsen die Erwartungen ins Unendliche – da stimme ich zu. Einfach aufmachen, trinken, genießen, die Stimmung aufsaugen. Dankbar sein.

  5. Das stimmt!

    Eigentlich sollte ja der Moment durch das Öffnen der Flasche besonders werden! 😉

    Nur manchmal hat man einfach Lust auf einen guten Wein, kocht vllt. gerade etwas leckeres und denkt sich “ Jetzt wär dieser und jener Wein gut“. Wenn man dann aber nur „Raritäten“ findet, vergeht einem manchmal die Freude. Vielleicht auch, weil man nicht immer in höchster Konzentration genießen will, mit Notizen usw.

    Deshalb habe ich festgestellt, dass es auch wichtig ist solche Weine zu haben, wie man eben Leibniz Kekse im Schrank hat oder Ritter Sport-Tafeln zum Verzehr neben der Harald Schmid Show ;-). Doch gerade hier ist auch die Qualität und der gewisse Anspruch wichtig. Auch ein einfacher Wein muss seine Anziehungskraft haben. Aber das ist ja bei allen Dingen und insbesondere dem Genuss so.

  6. Jonas

    Eher unspontan warten ein paar Tröpfchen seit langer Zeit in meinem Keller wie du weißt. Sie warten auf den perfekten Abend. Just a reminder ;).

    Davon abgesehen ist das für mich einer der besten Blogbeiträge, die ich zum Thema Trinken gelesen habe.
    Großartig Torben, ich muss einfach mal wieder den Hut vor dir ziehen. Du verstehst es einfach den Genuss zu fröhnen!

    Jonas

  7. Torben Bornhöft

    Danke für die Blumen 😉 Und der Tag für die schönen Weine wird kommen 😉

  8. Lukas

    Wie hat es ein Redner beim einem TED-Talk so schön gesagt, um glücklich zu sein, muss man niedrige Erwartungen haben. Von daher haben es teure Produkte einfach schwerer zu überzeugen…

    Wo gibt es in Deutschland Park Cognac?

  9. Lukas

    Feine Sache, danke.

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