Drinks mit Sherry, der Expatriate Cocktail und von der Leichtigkeit des Seins…

Ich habe ein Faible für Drinks auf Basis von aufgesetzten Weinen. Vermouth, Port, Sherry, alles wunderbar. Und dies aus folgenden zwei Gründen: Einerseits kann man, gerade bei den etwas ‚dunkleren‘, aromatischeren Vertretern geschmacklich sehr dichte und kompakte Drinks weben, ohne mit der alkoholischen Stärke eines Manhattan aufwarten zu müssen, beispielsweise im Nylkoorb oder im Thirty Percent Cocktail. Andererseits schaffen es die leichten Vertreter wie Lillet Blanc, Cocchi Americano oder Noilly Prat Dry, einem Cocktail eine wunderbar leichte, frisch-beschwingte Dimension hinzuzufügen, die sonst nicht zu erreichen ist.
In beiden Fällen geht es letztendlich um Zugänglichkeit. Auf die eine oder andere Art und Weise wird ein aromatischer Drink zugänglich gemacht, ohne an Klasse oder Aromatizität einzubüßen, es wird mitunter sogar ein Alleinstellungsmerkmal kreiert, das nicht reproduzierbar ist.

Ich möchte heute einen Drink präsentieren, der mit genau diesen Dimensionen jongliert und gleichzeitig gut in die momentan sehr ungemütliche Saison passt – den Expatriate Cocktail.

Expatriate Cocktail
4,5 cl Cocchi Americano
3 cl Applejack – bottled in bond
1,5 cl Amontillado Sherry
1-2 Tropfen Celery Bitters

Rühren – Tumbler – großer Eiswürfel – Orangenzeste mit drop

Der ‚Ausgebürgerte‘ vereint gleich zwei der oben genannten Elemente. Cocchi Americano als Basis und Amontillado Sherry in kleinerer Menge umrahmen den Applejack. Der Celery Bitters gibt den Hauch mehr Komplexität, die gut tut. Hier sollte man vorsichtig dosieren, ein voller dash hat den recht fragilen Drink für meinen Geschmack bereits facettiert und die entstandene Gesamtheit wieder aufgelöst. Zwei Versuche mit Calvados funktionierten gar nicht – Applejack kann hier nicht ersetzt werden.

Die eindringlich-charmante Nase des Drinks bereitet den Trinkenden auf die Dinge, die da kommen mögen, gut vor. Am Gaumen zeigt sich eine sehr ansprechende, cremige Textur, die von der Kraft des Apfelbrandes gut aufgefangen wird und somit nicht ins Kitschige abdriftet. Die Nussigkeit des Lustau Amontillado (in 0,375-Literflaschen bei Weinquelle zu bekommen – so muss man nicht ständig oxidierten Sherry verkochen…) und die Zimttöne des Cocchi Americano sorgen für die feine herbstlich-winterliche Dimension dieses Drinks.

Insgesamt ist der Expatriate Cocktail ein sehr schöner erster Drink des Abends. Er bietet genau das, was ich mir von einem Drink auf Basis von Cocchi Americano und Sherry erhoffe: Eine schöne Leichtigkeit, die keineswegs zu Lasten der Komplexität geht. Etwas Verwässerung schadet dem Drink keineswegs – insgesamt also ein sehr entspannter Drink, der definitiv nach an die Fensterscheiben prasselndem Regen und einem Kaminfeuer ruft.

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

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