Zwischen Beuys, Brandy Crusta und Billy Jean – Zum modernen Schamanentum in Zeiten zugesetzter Zuckercouleur Teil 1

“Zwei Pommes dienten vor 20 Jahren als Vorlage für ein Kunstwerk – und gingen verloren. Nun hat der Künstler von seiner Galerie Schadenersatz gefordert und in zweiter Instanz Recht bekommen. Für den Verlust von 20 Jahre alten Pommes muss eine Galerie 2000 Euro plus Zinsen an einen Künstler bezahlen. Das entschied das Oberlandesgericht München am Donnerstag in zweiter Instanz. Hintergrund ist die Klage eines Künstlers, der von seiner früheren Galerie zwei Pommes wiederhaben wollte, die Anfang der 1990er Jahre als Vorlage für ein goldenes Kreuz gedient hatten. Da die Originalpommes aber nicht mehr auffindbar sind, fordert der Künstler nun einen Gegenwert von 2000 Euro von der Galerie. Der Mann ist der Auffassung, es handelt sich nicht nur bei der Goldskulptur namens “Pommes d’ Or” um Kunst, sondern auch bei der Pommesvorlage. – Das Münchner Landgericht hatte die Klage im Mai vergangenen Jahres abgewiesen. In der Verhandlung vor dem OLG Ende Januar sagte der Richter, es gebe Anhaltspunkte dafür, dass beide Parteien den Pommes einen “gewissen Wert zugemessen” hätten. Eine Zeugin hatte in der Verhandlung ausgesagt, sie habe dem Künstler die Pommes abkaufen wollen.”

So konnte man es dieser Tage in der Süddeutschen Zeitung lesen. Die für mich wichtigsten, spannendsten Dinge stehen nicht im Politik- oder Finanzteil, sondern im vielerorts übersehenen Feuilleton.
Ich für meinen Teil lese und ziehe Lehren: Wenn man für so olle ranzige Pommes noch 2000 Euro abstauben kann, sollte ich nicht mehr über meine Nachbarin die Messie-Frau lästern. Recht hat sie. Alles aufheben. Wohlmöglich ist sie eine verkappte Künstlerin, die Kunstschätze hortet, neu anordnet und kreativ gestaltet. Vielleicht ist ihre Wohnung eine ganzheitliche, mit allen Sinnen erfahrbare Installation zum Sehen, Fühlen und Riechen. Ein begehbares Labyrinth als künstlerisch gestaltetes Mahnmal gegen die Konsumgesellschaft…. So unglaublich es scheint: wenn es schon 2000 Euro für gammelige Pommes gibt, dann hortet sie wohlmöglich Millionen.- Ich jedesfalls werde die spärliche Linsensuppe, die heute vom Mittagessen übrig geblieben ist, weder aufessen noch entsorgen, sondern in der Küche gammeln lassen. Wer weiß, welches großes Opus dort entsteht.?

Keine Peanuts

Liebe Gastronomen… Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, wie Sie ihre übriggebliebenen Clubsandwichs verwenden könnten? Sind es nicht auch “Objekte von gewisser Bedeutung und gewissem Wert.”, wie das Gericht formulierte?
Ich empfehle also: Aufbewahren!. Sie sind doch vom Fach. Das ist wie beim Wein – je älter, desto wertvoller.
Daraufhin, nach einiger Zeit mit Goldfarbe übergießen und dann verkaufen. Nicht erst als Vorlage für eine Skulptur verwenden, gleich verkaufen.
Bestimmt findet sich auch eine Galerie, wenn sie ein paar Kniffe beherrschen:

Ein klangvoller Name

Achten Sie als Neukünstler auf einen klangvollen Namen:
Bei Ihnen als Wirt wird ja auch nicht mehr gerufen: “Hein, bring nochmal zwei Bier.”
Jetzt heissen Sie doch auch Mike oder Salvatore und bieten Cocktails oder Grappe an, oder?
Als Künstler nun, sollten Sie einen Schritt weiter gehen und sich noch exaltierter nennen: Ich wäre für Xavier oder Serge….oder ist das jetzt zu klischeehaft?

Der Text ist wichtiger als das Objekt

Solch ein vertrocknetes Clubsandwich, wenn man es vergoldet und auf diese Weise künstlerisch aufarbeitet, braucht einen bedeutungsvollen Titel:
Nennen sie das neu geschaffene Kunstwerk doch “Opus 378 – Gold auf Fett” oder bezeichnen Sie die goldfarbene Schnitte als “Der goldene Schnitt”.
Ein opulenter Name und das dazu gelieferte Deutungsmuster: “Geometrisierende Weichstruktur von chimärenhafter Esoterik” – frei nach Ephraim Kishon- sind die halbe Miete.
Also: 2 olle Pommes: 2000 Euro. Ein goldenes Clubsandwich, ich meine natürlich “Der Goldene Schnitt”: 2000 Euro plus X….
Ich wage gar nicht auszurechnen, was für Schätze da in den Küchenbereichen zu heben sind.

Kunst Esperanto

Nun werden einige sagen: “Aber Ich habe doch gar keine Ahnung von Kunst!” –
Egal, sage ich.
Berufen sie sich einfach auf das künstlerische Credo “Das plastische Prinzip” des Genies und Kunstprofessors Joseph Beuys:
Er formulierte es mit den einfachen Worten eines einfachen Menschen:
“Das plastische Prinzip ist eine Kräftekonstellation, die sich aus mehreren Begriffen zusammensetzt, aber hauptsächlich aus den dreien von unbestimmten, chaotischen, ungerichteten Energien und einem kristallinen Formprinzip aus sehr polaren Beziehungen und einem vermittelnden Bewegungsprinzip. Und wenn man es überträgt auf den Menschen, ist das psychologisch gar nicht anders, als dieser rein emotionelle Wille, ein gefühlsmäßig emotionales Bewegungsprinzip und ein rein formell auskristallisiertes abstraktes Theoretikertum.”
Ich vermute, Sie haben wie ich nichts verstanden, deshalb rate ich Ihnen, dieses Credo auswendig zu lernen. Spätestens nach dem Rezitieren dieses Textes, wird jeder Kunstbeflissene angesichts ihres “auskristallisierten Theoretikertums” – ich meine Ihre ehemalige Gammelstulle – gerne vierstellige Summen für das Objekt der Begierde zahlen.
Apropos Objekt der Begierde: Cocktails, Bier oder Champagner würde ich, an Ihrer Stelle, ab jetzt nur noch nebenberuflich verkaufen…

Erd-Nüsse

Bieten sie Erdnüsse an? Würde ich nicht mehr tun. – Stehen lassen! Warten! Und dann mit ………, genau mit Goldfarbe übergießen und neu gruppieren..
Und was haben wir nun? Goldnuggets natürlich!
Sie müssen sie ja nicht so nennen. Aber bestimmt sind sie soviel wert. – mindestens.

Buch’ – Mich – Jetzt!

Also wenn Ihr Betrieb nicht so gut läuft…. Ich helfe gerne und arbeite ab jetzt im Consulting Bereich. Schwerpunkt: Bar-Consulting. Ich sprudele über vor Ideen.
Wir sollten uns einmal über die Gestaltung Ihrer ausgepressten Zitronenhälften unterhalten…..

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Was ist Kunst? Ist Kochen Kunst? Ist der Bartender ein Künstler? Warum vernichten Putzfrauen immer wieder bedeutende Kunstwerke und wie können wir uns dagegenstemmen?
Wir stellen uns diesen Fragen demnächst unter der Überschrift: “Zwischen Beuys, Brandy Crusta und Billy Jean – Zum modernen Schamanentum in Zeiten zugesetzter Zuckercouleur – Teil 2 bis 4”

Alchemyst

Alchemyst, geboren in den fünfziger Jahren, studierte Philosophie, Theologie und Pharmazie. Heute leitet er eine öffentliche Apotheke in Norddeutschland. Alchemyst ist nicht selten in Champagnerlaune.

Die Blaue Stunde - Eine Installation von Martin B.

4 Kommentare

  1. hannibal

    Beste Beitrag seit langem!
    Ich kann kaum noch auf dem Stuhl sitzen vor lachen!

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