Die Blaue Stunde - Eine Installation von Martin B.

Zwischen Beuys, Brandy Crusta und Billy Jean – Zum modernen Schamanentum in Zeiten zugesetzter Zuckercouleur Teil 2

Von Kalkflecken, Fettecken und einer ollen Badewanne

Erinnern wir uns: Letztes Jahr beseitigte eine Putzfrau in einem Museum in Dortmund einen Kalkfleck und zerstörte damit ein Kunstwerk, eine Installation mit dem schönen Titel: „Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen“. – Der Versicherungswert beträgt 800 000 Euro.
Das ist bereits der dritte mir bekannte Fall in Deutschland, in dem eine Reinigungskraft bedeutende Werke der zeitgenössischen Kunst zerstörte, indem sie ihrer Profession nachgeht und weg putzte, was ihr wie Unrat erschien.

Die Blaue Stunde - Eine Installation von Martin XY.

Die Blaue Stunde - Eine Installation von Martin B.

“Die Fettecke war ein Kunstwerk des deutschen Künstlers Joseph Beuys. Beuys brachte am 28. April 1982 … in einer Ecke seines Ateliers … ca. zwei Meter unterhalb der Raumdecke, fünf Kilogramm Butter an.
Der Hausmeister der Kunstakademie Düsseldorf entfernte 1986 das Fett, etwa neun Monate nach Beuys’ Tod. Johannes Stüttgen beanspruchte das Eigentum an dem Werk, da Beuys seine Kunstaktion mit den Worten „Johannes, jetzt mache ich dir endlich deine Fettecke“ begonnen habe. Es kam zu einem Prozess. Das Land Nordrhein-Westfalen zahlte an ihn in einem Vergleich in zweiter Instanz 40.000 DM Schadensersatz.

Es war der zweite Fall, in dem ein Kunstwerk von Beuys nicht als solches erkannt und zerstört wurde. Bereits am 3. November 1973 war bei einem geselligen Abend im SPD-Ortsverein Leverkusen-Alkenrath eine mit Heftpflaster und Mullbinden versehene Badewanne gereinigt und anderweitig verwendet worden. Auch in diesem Fall soll ein Schadenersatz von DM 40.000,- gezahlt worden sein”

aus Wikipedia

_________________________________________________________________________

Kunst kommt von Können

Nun meinen manche das Wort “Kunst” käme von einem indogermanischen Urwort für “Kennen, Wissen”. Doch das ist falsch.
Kunst kommt von Können! So ist es etymologisch richtig.
Zu einer Tätigkeit, bei der kein besonderes Können erforderlich ist, sagt man im Gegenzug auch: “Das ist ja schließlich keine Kunst.”

__________________________________________________________________________

Was ist Kunst?

Der Begriff “Kunst” schillert, um nicht zu sagen: er verschwimmt.
Vor kurzem las ich in einer Zeitung:

“Was ist Kunst? Seit Duchamp wissen wir: Potentiell alles.
Wer macht Kunst? Seit Beuys wissen wir: Potentiell alle.
Wo ist Kunst? Seit dem drahtlosen Internet sagt man uns: Potentiell überall.
Bleibt also nur noch die Frage, ob sich Kunst als Lebensform, Gedankenquelle und Reizreservoir nicht erledigt hat,
weil sie ursprünglich das Besondere, Unalltägliche wollte und das im Laufe der ästhetischen Revolutionen der letzten
hundert Jahre verlieren musste. Adorno nennt es den „Schock“.”

Ist alles Kunst und jeder ein Künstler?
__________________________________________________________________________

Bartending – Kunst vs. Handwerk

Bartending – Kunst vs. Handwerk war die Überschrift einer Diskussion im C&D Cocktailforum an der ich vor knapp 5 Jahren teilnahm.
Beteiligt waren unter anderem auch Dominik Schachtsiek alias “The Opionionated Alchemist” und Mike Meinke alias Triobar.
Damals vertrat ich die Ansicht, dass Mixen sehr wohl eine Kunstform sein könne bzw. zumindest ein Kunsthandwerk. Und ich finde, ich habe mich dabei ganz gut geschlagen. Als Apotheker, der selber nach engen Maßgaben Rezepturen, Mixturen herstellt mit Bestandteilen, die zum Teil im Milligrammbereich abgewogen werden, schien mir das Cocktailmixen als grosse Freiheit, als kreativer Ausbruch aus den engen Grenzen pharmazeutischer Alchemie.
Nun diskutiere ich aber in der Regel nicht, um Recht zu haben, sondern um zu überzeugen (oder mich überzeugen zu lassen).
Im Nachgang, nachdem ich den Strang noch einmal in Ruhe begutachtet hatte und die Argumente neu gewogen hatte, musste ich für mich eingestehen: Ich lag falsch.

Ein gutes Jahr später schrieb ich deshalb im gleichen Thread im Cocktailforum:
“Ich halte es inzwischen für unglücklich, Bartending in den Zusammenhang mit Kunst zu stellen. …
Bartending ist Handwerk mit einem kreativen Aspekt.
Die Kreation eines Drinks, einer Speise ist eine Kunst im Sinne einer Fertigkeit,
aber keine Kunst im Sinne der bildenden Kunst.”

Kunst sollte immer autonom, nicht verzweckt und auf keinen Fall zum Verbrauch bestimmt sein.

Das aber ist ein Drink: zum baldigen Verbrauch, Genuß bestimmt. …
Es ist eine Kunst, ein guter Gastgeber zu sein, die Gäste optimal zu betreuen, vollendete Drinks zu fertigen und individuell auf die Wünsche des Gastes einzugehen. Kunst ist es aber nicht…

__________________________________________________________________________

Kulinarik und ästhetische Erfahrung – Ist Kochen Kunst?

Die Frage, ob es sich bei etwas um Kunst handele, stellt sich immer wieder.
Ist der Koch Ferran Adrià ein Künstler? – Manche sehen das so.
Gäste betrachteten und genossen seine Kreaktionen, als seien es Kunstwerke.
Auf der documenta XII war Adrià auf der Liste der Künstler zu finden.
Doch da gehört er nicht hin – finde ich…
Jochen F. Fey, tätig als freier Koch und Künstler, mit einer Lehrtätigkeit für Kochen als Kunstgattung, schrieb 2007 im journal culinaire:

“Kochkunst und Ausstellbarkeit schließen sich gegenseitig aus….
Kochkunstkunst kann nur als Kunstgattung mit eigenen Beurteilungskriterien gesehen werden. …
Das Kunstwerk, welches von einem Kochkünstler geschaffen wird, muss und kann nur durch Mund und Nase wahrgenommen, bewertet und genossen werden! …
Kochkunst ist die Linie Kochen – Speise – Essen.”

Martin Wurzer Berger bestätigt im selben Journal:

“Ganz klar muss jedoch der Unterschied zu allen anderen Kunstgattungen betont werden: Kochkunst gewinnt ästhetische Relevanz nur im je einmaligen Vorgang des Essens und Trinkens”

Dem kann ich folgen. Aber warum muss man das nun auch noch “Kunst” nennen?
__________________________________________________________________________

Des Kaisers neue Kleider

Kunst oder Pseudo-Kunst?
Authentisches oder Fake?
Warum nennt man Popanze nicht Popanze?
Modernes Schamanentum erweist sich vielfach als Blendwerk und Scharlatanerie.
Des Kaisers neue Kleider. Aber wer wagt es zu sagen:
“Da ist nichts. Der Kaiser ist ja nackt!” ?
Vor zweitausend Jahre plante Caligula seinem Pferd Incitatus die Konsulwürde und einen ständigen Sitz im Senat zu übertragen. – Ein Pferd als Konsul?
Das fanden nicht alle lustig…
Wer aber nun meint, das sei Vergangenheit, ist im Irrtum.
Ein paar Beispiele aus der bunten Welt der Getränke liefern wir demnächst unter der Überschrift:
Zwischen Beuys, Brandy Crusta und Billy Jean – Zum modernen Schamanentum in Zeiten zugesetzter Zuckercouleur Teil 3

Alchemyst

Alchemyst, geboren in den fünfziger Jahren, studierte Philosophie, Theologie und Pharmazie. Heute leitet er eine öffentliche Apotheke in Norddeutschland. Alchemyst ist nicht selten in Champagnerlaune.

5 Kommentare

  1. Den Zitaten von Jochen F. Fey und Martin Wurzer Berger kann ich nicht zustimmen. Kochen ist für mich NICHT in erster Linie Kochen-Speise-Essen. Nur schon alleine der Begriff Kochen an und für sich entzieht sich doch diesem Ausspruch. Es geht beim Kochen eben nur zu einem geringen Teil um das Handwerk. Der grössere Teil ist Denkarbeit. Kochen ist für mich -so fremd das auch klingen mag- Kopfarbeit.

    Essen gewinnt für mich auch schon vorher ästehtische Relevanz, nicht bloss beim Essen selbst. Was ist mit den Augen? Was ist mit der Vorfreude oder den schönen Tischgesprächen, die das Essen erst recht in einen goldenen Glanz taucht? Oder von vorne: Existiert auch eine Ästethik innerhalb des Herstellungsprozesses? Was ist, wenn der Esser den letzten Handgriff selber durchführt?

    Essen mag weitaus mehr bieten, als reine Nahrungsaufnahme. Erst wenn ich von dieser Denkart wegkomme, und Essen eben als mehr wahrnehmen kann, als es vordergründig scheint (nämlich als Essen um der Nahrungsaufnahme willen oder eben kochen-Speise-Essen), erst dann mag sich das unerhöhrt komplexe Feld öffnen.

    Ich vergleiche -vielleicht etwas gar dreist- dieses Erlebnis oft mit einer Bruckner-Sinfonie. Man könnte auch in der Musik behaupten, Musik ist in erster Linie Komponieren-Spielen-Höhren. Nur bleibt diese Denkweise an der Oberfläche haften. Gerade bei Bruckner ist dieses wunderbare Erleben einer Katharsis gerade durch die Musik erschütternd.

    Essen als Katharsis, das nehme ich heute mit.

  2. Alchemyst

    Danke Orlando für deine Ergänzungen.
    Ich werde die Tage ausführlich darauf antworten.

Einen Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.