„Panta Rhei – Alles fließt“ – Van Winkle Family Reserve Rye 13

Panta Rhei – alles fließt, wird Heraklit zitiert. Aber was hat der alte Grieche mit Rye zu tun?

Rye Whiskey ist ein sonderbarer Brand. Es gab ihn immer, aus sonderbaren Gründen glaubte man aber auf ihn verzichten zu können. Und nun scheint Rye unverzichtbar zu sein. Zum einen aus Geschmacks-, zum anderen aber auch Imagegründen. Ein Manhattan mit Crown Royal? Ein Fauxpas der mindestens mit Naserümpfen, viel eher aber durch fluchtartiges Verlassen der Bar bestraft wird. Oftmals unter Schimpfen, wie „90er das hier alles“ sei. Der Manhattan mit Rye ist sichtbares Zeichen der Renaissance der klassischen Bar.

Über Rye, woher er kommt und wohin er fließt (speziell in welche Cocktails) ist viel geschrieben worden. An dieser Stelle soll über die wechselvolle Geschichte eines einzelnen Rye berichtet werden, Van Winkle Family Reserve Rye 13yo. Es gab ihn immer, und seine Existenz ist purer Zufall, und gleichzeitig ein Glückstreffer.

Zunächst: die „Old Rip Van Winkle Distillery“ Company besitzt seit der Schließung der Stitzel-Weller Destillerie 1991 keine eigene Destillerie mehr. Vielmehr wird der Bourbon seit 2002 in einem Joint Venture mit der Sazerac Company in der Anlage von Buffalo Trace gebrannt, gelagert und abgefüllt. Damit ist das Geheimnis des Rye aber noch nicht gelüftet. Denn dieser stammt gar nicht aus einer der beiden Destillen. Und dann stimmt das Alter auch gar nicht. Und „ein“ Rye ist er auch nicht. Aber der Reihe nach:

Das, was als Van Winkle Family Reserve Rye später verkauft werden würde, wurde 1985 in der mittlerweile geschlossenen Old Medley Destillery hergestellt. Julian van Winkle III, der damals keinen eigenen Rye herstellte, war von einem Kunden aus Japan angefragt worden, ob er einen hochklassigen Rye produzieren könne. Zwölf volle Jahre später, also 1998,wurde der Rye erstmals, unter dem Label „Old Rip Van Winkle Old Time Rye 12yo“ abgefüllt. Ein Jahr später wurde der Van Winkle Family Reserve Rye 13yo, so wie er heute etikettiert ist, abgefüllt. Erkennbar ist diese erste Abfüllung daran, dass die Produktnummer mit „A“ beginnt. Allerdings erkannte man bei van Winkle, dass es jedes Jahr neuer Etiketten bedurft hätte, um das Produkt an den Mann zu bringen. Dies war aber wohl zu aufwendig. Daher wurde zwar jedes Jahr bis ins Jahr 2004 bei der Abfüllung aus den Fässern nur der Anfangsbuchstabe der Produktnummer, nicht aber das Etikett geändert. Das heißt also, der Rye mit der Produktnummer „B“ ist 14 Jahre alt. Für die Flaschen mit den Labeln F-I wurde jedoch der Rye zu gleichen Teilen mit einem zweiten Rye, über den wenig bekannt ist, außer dass er aus der Bernheim Distillery stammt, vermählt. 2004 wurde der, nun 19 Jahre alte, übrig gebliebene Rye in Stahlfässer gefüllt. Ab dem Label „G“ ist der Rye also der gleiche, 19,5-jährige aus den Stahltanks.

Damit aber nicht genug: Nach der „I“-Serie begann van Winkle 2008 mit der Abfüllung wieder bei „A“. Der einzige Unterschied liegt darin, dass auf dem Etikett nicht mehr „Bottled in Frankfort“ sondern in „Lawrenceburg“ steht.

Ursprünglich wurden 350 Cases, nach Europa, d.h. nach Frankreich und England, wo das Produkt dann über den Graumarkt auch nach Deutschland gelangte, exportiert. Der immens gestiegene Bedarf in den USA sorgt aber auch hier für Lücken in Europa. Auf Nachfrage schrieb Preston van Winkle, dass nur noch 70 Cases jedes Jahr exportiert werden. Außerdem ist unklar, wie viel „Rest“ noch von den Fässern übrig ist.

Allerdings: Van Winkle lässt seit ca. 1999/2000 eigenen Rye destillieren. Wenn man davon ausgeht, dass auch dieses Mal das Etikett wieder unverändert bleibt, lohnt sich in nächster Zeit ein Blick auf die Produktnummer und Nachrichten aus der schweigsamen Van Winkle Familie. Dann wird der Rye vielleicht ein anderer sein. Das ist er aber auch jetzt schon jedes Mal. Flaschensammler und unflexible Geschmacksstoiker mögen das nicht gerne hören. Aber „den“ van Winkle Rye gibt es nicht.

Panta Rye. Wie schon Heraklit sagte.

tikiwise

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

3 Kommentare

  1. Robert

    Sehr schöner Artikel,
    und ich bin froh noch 4 Flaschen zu besitzen. Und die sind zum Trinken nicht zum sammeln 🙂

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