Schaumwein – blind

Wer diesen Blog von Zeit zu Zeit liest, hat mein Faible für Champagner vermutlich bemerkt. Grund genug, mit Oli und Philipp, unserem Gastblogger Marius, Olaf vom BartenderLabor und noch zwei weiteren Schaumweinfreunden mal wieder eine Blindverkostung zu machen. Ins Glas kamen neun Schaumweine, alles gute Qualitäten, jedoch nicht nur Champagner. In der getrunkenen Reihenfolge stelle ich die Weine kurz vor, um am Ende ein Feedback unserer Verkostungsrunde ziehen zu können. Besondere Aufmerksamkeit soll  den Lieblingen des Testerfeldes zukommen.

Schaumwein 1: Ca‘ del Bosco Cuvée Prestige
75 % CH, 15 & PN, 10 % PB; degorgiert im Herbst 2011; ca. 26,00 €
Zu Beginn eine unangenehm an Kalbfleisch erinnernde Nase, die sich nach ca. 15 Minuten an der Luft sowohl im Glas als auch in der Flasche verzogen hatte. Am Gaumen gefällig und eingängig, dem Gros der Trinkenden jedoch zu hoch dosiert. Rund und einschmeichelnd, mit der Zeit Rösttöne von Kaffee und Haselnuss. Insgesamt für mich zu sehr Limonade.

Schaumwein 2: Miolo Millésime 2006
50 % CH, 50 % PN; ca. 15,00 €
Der Exot im Feld, ein Jahrgangswein aus Brasilien. Ungewöhnliche Nase, sehr fruchtig, Passionsfrucht und Papaya, am Gaumen merkwürdig unausgewogen, fruchtig und flach. Leider schwach.

Schaumwein 3: Drappier Pinot Noir Brut Nature
100 % PN; ca. 26,00 €
Der erste Champagner im Feld wird von einigen Testern schnell als solcher erkannt, jedoch stimmen nicht alle zu. In der Nase viel Frische, Zitrus ohne Ende, Granny Smith und Birne. Am Gaumen frisch und rein, ein säurelastiger Rachenputzer, klar und sauber. Gefällt mir nach wie vor – in diesem Fall offenbarte die Flasche aber eine Stilistik, die sich stark von der bereits im Blog besprochenen unterschied. Ich vermute, dass dies an (mangelnder) Flaschenreife liegt. In beiden Fällen aber ein wunderbarer Wein, der ins Glas kam.

Schaumwein 4: Raumland V. Triumvirat
60 % PN, 30 % CH, 10 % PM; Jg. 2006, degorgiert 11/2011; ca. 35,00 €
Bei diesem deutschen Sekt fühlten sich viele in unserer Runde an Champagner erinnert. Mir ging es mit Abstrichen auch so, dunkel, aromatisch und anregend der Wein, mir fehlte nur ein wenig Säuregerüst. Ähnlich verhielt es sich am Gaumen: Sehr fein, ausgeformt und fertig, Brioche, geröstete Mandeln. Absolut stimmig. Wie gesagt: Nur einen Hauch mehr Säure hätte ich mir gewünscht.

 

Schaumwein 5: Schloss Vaux Steinberg
100 % Riesling, Jg. 2009; ca. 19,00 €
In der Nase breit und fruchtig, aber recht verhalten. Am Gaumen leider ähnlich – rund, gute Riesling-Aromatik, aber sehr schnell wieder weg. Auch in der Nachverkostung in anderer Reihenfolge konnte der Steinberg das Testerfeld nicht überzeugen. Schade, der Standardwein von Schloss Vaux hat mir sehr gut gefallen.

Schaumwein 6: Geiger Champagnerbratbirne Selektion Bernd Kreis
Champagnerbratbirne, ca. 19,00 €
Der Pirat dieser Probe war ein Birnenschaumwein (siehe ausführlich bei Mixology) mit 8,5 % Vol. Alkohol. In der Nase birnig und leicht nach Klebstoff (O-Ton Olaf: „Der Kleber von Panini-Abziehblildern!“ – da kann ich nur zustimmen!), am Gaumen anfangs eine solide Frucht, dann leider sehr sehr schnell wieder verschwunden, weder Mitte noch Abgang waren auszumachen. Zum Aufgießen einer fruchtigen Bowle sicher eine hervorragende Wahl – für 19,00 € aber definitiv zu wenig. Vielleicht wäre eine Variante mit Dosage besser und fülliger gewesen.

Schaumwein 7: Van Volxem Brut 1900
100 % Riesling, Jg. 2007, ca. 26,00 €
Und da war er, der Kracher des Abends. In der Nase floral, buttrig-vanillig, fett, schmeichelhaft und charmant. Ich hätte eher auf Chardonnay denn auf Riesling getippt. Sehr eigenständig, hier kommt kein Champagnerklonversuch (klappt ohnehin fast nie) ins Glas, sondern ein deutscher Sekt in Wahnsinnsqualität! Am Gaumen bestätigt sich der wunderbare Eindruck der Nase: Sehr rund und fett, breit, ohne Ausschläge zu bestimmten Seiten, aber trotzdem energiegeladen und präsent. Samtig, buttrig, exorbitant viel Schmelz, mit Zeit Floralität, der Wein macht eine tolle Entwicklung im Glas durch, er bekommt mehr und mehr Fahrt und Energie. Fantastisch.

Schaumwein 8:
Bollinger Special Cuvée
60 % PN, 25 % CH, 15 % PM; ca. 40,00 €
Der zweite Champagner an diesem Abend sollte ein Referenzwein sein, den alle Verkoster kennen. Als Champagner wurde er sofort identifiziert, ein absoluter Klassiker, der mit Hefe, Rösttönen und einer großartigen dunkel-fruchtigen Aromatik besticht. Für mich mit die feinste Perlage des Abends, viel muss man zu diesem Champagner nicht sagen – über jeden Zweifel erhaben.

Schaumwein 9:
Roederer Estate Quartet Brut
70 % CH, 30 % PN; ca. 30,00 €
Ein Schaumwein von Roederer Estate aus Kalifornien. Hefe und gereifte Frucht dominieren die Nase, eine würzige Aromatik, hier hatten wir eine Flasche mit etwas Reife erwischt. Am Gaumen rund, Sherrytöne, irgendwie Gummibonbon-artig fruchtig, Kuchen und eingekochte Früchte, Marmelade und Bonbons, relativ wenig Säuregerüst. Ein Wein, der ganz anders ist als der Standardwein des Muttergutes in der Champagne. Gut, aber sättigend und etwas schwer.

Das war sie, unsere Blindprobe… Drei Favoriten haben sich herauskristallisiert: Allen voran Van Volxems Brut 1900, der zusätzlich in einer wundervollen Flasche und mit bester Verarbeitung daherkommt. Deutscher Spitzensekt par excellence. Zweiter im Bunde war Champagne Bollinger – ein Klassiker, immer Garant bester Qualität. Dritter im Kreis der Favoriten war Raumlands V. Triumvirat – im Stile eines tollen Champagners eine absolute Bank.

Insbesondere den Brut 1900 muss ich an dieser Stelle nochmal erwähnen – kaufen!

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

Einen Kommentar schreiben