Die Burgundisierung der Champagne – Teil II: Die großen Häuser

Wie angekündigt geht es weiter. Die großen Häuser, die grandes marques, haben den Ruf der Champagne begründet und prägen auch heute nach wie vor das Bild, das in den Köpfen vorherrscht. Moët et Chandon, Veuve Clicquot, Taittinger, die diversen Heidsiecks oder Lanson sind die Champagnermarken, die in den Supermärkten zu finden sind. Der Hausstil, auf lange Zeit gleich im Geschmack, wird Ernte für Ernte reproduziert und durch Verschneiden aufrecht erhalten.
Die Winzerchampagner – meine ‚Burgundisierer‘ – sind das Gegenstück zu dieser Produktionsart – ihr Stil ist ein völlig anderer, stärker auf das Terroir bezogen, oft säure- und energiereicher, spannender und wechselhafter in Geschmack und Qualität. Ich bin ein großer Freund dieser Bewegung und Champagner der großen Marken sind bei mir deutlich seltener im Glas ist die der kleinen Erzeuger – die oft auch noch mit einem besseren Preis/Genussverhältnis auffahren können.

Meines Erachtens geht dieser Trend aber nicht einher mit einer anzustrebenden völligen Loslösung vom Stil der großen Häuser, die in ihrer Art und mit ihren Strategien die Champagne als Region von Weltruf begründet haben. Zwei Stile – jeder hat seine Berechtigung! Wie bereits an dieser Stelle beschrieben, brauchen die Winzerchampagner etwas, von dem sie sich abheben können. Ohne eine andere Richtung ist die neu gewählte nicht besonders und auch nicht avantgardistisch. Ein Verurteilen oder Verachten der großen Häuser ist meines Erachtens ein großer Fehler – grundsätzlich wie auch in Einzelfällen, denn lange nicht alles, was aus diesen Kellern kommt, ist glattpoliert, langweilig und charakterlos.

Einer feinen Demonstration der Stärken und Schwächen der teuren Weine großer Häuser konnten Oliver und ich kürzlich beiwohnen. Eine Verkostung folgender Prestige Cuvées im Louis C. Jacob war spannend – und ein großer Spaß:

Roederer Cristal 2002
Taittinger Comtes de Champagne 2000
Bollinger Grande Année 2002
Pommery Louise 1998
Pol Roger Sir Winston Churchill 1999
Laurent-Perrier Grand Siècle

Als Aperitif wurde ein jahrgangsloser Barons de Rothschild gereicht, der nicht erwähnenswert war. Den letzten Wein des Abends, ein 1996er Bruno Paillard Blanc de Blancs aus der Magnum, lasse ich hier unerwähnt, da er stilistisch einfach zu weit vom Rest der Weine entfernt war. Jedoch war er wirklich großartig und in weit besserer Form als das letzte Mal

Aber zurück zu den großen Häusern – Roederer Cristal 2002 bot eine tolle, reine Nase an, bereits mit ersten Rösttönen, Haselnüssen, Kaffee untermalt mit feiner Frische. Eine sehr einladende und durchaus füllige Nase. Am Gaumen ziemlich jugendlich, frisch, Zitrus und eine spürbare Dosage. Feine und elegante weiße Früchte – willkommen beim Potential-Trinken. Ein Champagner der für mich immer wieder über jeden Zweifel erhaben ist. Tolle Qualität im Glas.

Der nächste Wein: Taittinger Comtes de Champagne 2000. Ein Champagner, der mich bisher in jedem verkosteten Jahrgang gelangweilt hat und mir auch dieses Mal nicht gefiel. Vanille, platt und fad. Für mich der Anti-Blanc de Blancs. Keine Frische, keine Reinheit, keine Energie. Grapefruit-Frucht. Süße. Nicht subtil, nicht elegant. Kein Spaß.

Weiter im Text – es konnte nur besser werden und es wurde besser. Noch ein Bekannter: Bollinger Grande Année 2002. Spannend, nach einem Jahr diesen tollen Wein, den wir in seinem allerersten Reifestadium verkostet haben, erneut zu probieren. Tolle Nase mit dunklen Trauben und Toast; am Gaumen ausdifferenziert mit feiner Säure, Rhabarber, aber nach wie vor jung. Mir, wie immer bei der Grande Année, einen Hauch zu süß. Insgesamt toastig, aromatisch, rund – Bollinger auf einem sehr guten Weg. Eine Empfehlung – wie immer eine Bank.

Pommery Louise 1998 – ein Champagner, den ich noch nie getrunken habe und der sich formidabel schlug. In der Nase dominiert von Brioche und geröstetem Kaffee, etwas Toffee und Mandel. Am Gaumen rund, absolut austariert, von allem etwas. Reife, Rösttöne, Frucht. Sehr fertig, aber ohne zu elektrisieren. Sehr gut, aber ein wenig glattpoliert.

Ein anderes Bild bei einem meiner Lieblinge, wenn man die Bühne der Prestige Cuvées entert: Pol Roger Sir Winston Churchill 1999. Breit und fett in der Nase, viel Körper, reichhaltig und facettenreich. Am Gaumen wunderbar groß und ausfüllend, dunkel-fruchtig, geheimnisvoll und elegant. Absolut rund – jetzt trinken geht gut, stehenlassen geht gut. Superber Wein, dem vielleicht ein kleiner Hauch Frische gefehlt hat, um den massiven Körper zu stemmen.

Letzter Wein für heute: Grand Siècle von Laurent Perrier. In der Nase jung, leicht und frisch, trotzdem mit spannendem Charakter und guter Struktur. Mittlerer Körper, der nicht langweilt. So auch am Gaumen. Primärfruchtig, fein und leicht, wie beschwingt tanzt dieser Champagner mit der unglaublich feinen und grazilen Perlage über die Zunge. Samtig, cremig, sehr stimmig in sich. Gute Säurestruktur. Wundervoll!

Von einer Charakterfreiheit der großen Marken kann als Fazit dieses Abends erfreulicherweise keineswegs gesprochen werden. Meines Erachtens nur ein Totalausfall. Es handelt sich um Champagner, die sehr viel Spaß machen können und zur richtigen Gelegenheit gereicht mit Sicherheit perfekt eingesetzt sind. Für jedermann verständlich, nie überkomplex, aber – mit Ausnahme des Taittinger – auch nie langweilig. Dafür zahlt man den entsprechenden Preis.

Generell fällt zweierlei auf: Die Prestige Cuvées waren nicht von einer starken Säurestruktur gekennzeichnet, die vielen Winzerchampagnern erst zu höheren Weihen gereicht. Weiterhin – so ehrlich muss ich sein – war ich nach dieser Probe an meiner Zuckergrenze. Der abschließende Bruno Paillard 1996 BdB mit starker Säure und geringer Dosage hat richtig aufgeräumt – das hat mir bei den vorangegangenen Weinen gefehlt; auch wenn Bollinger und Laurent-Perrier den Aspekt in ihren Weinen schon berücksichtigt haben. Nichtsdestotrotz – ein wirklich großes Vergnügen, diese Champagner im Glas zu haben (aber dieser Comtes de Champagne…. 😉 )

Genug für heute – danke fürs Lesen! Im letzten Teil werden die Winzerchampagner zu ihrem Recht kommen!

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

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