Die Burgundisierung der Champagne – Teil III: Die Einzellagen

In medias res – im dritten Teil nun der Gegensatz zu den großen Häusern. Die bereits beschriebenen Einzellagenweine kleiner, unabhängiger Winzer werden oft nur aus einem Jahrgang hergestellt, gering dosiert und relativ naturbelassen produziert. Der starke Fokus, den Wein als Produkt seines spezifischen Bodens und Mikroklimas bestmöglich zu präsentieren, ist terroir-Gedanke par excellence. Was diese ganz andere Herangehensweise ermöglicht und bedeutet, möchte ich anhand einer Einzellagenverkostung dreier Weine des Hauses Janisson-Baradon aufzeigen.

Der erste Wein unserer Runde war der 2004er Toulette. Ein Blanc de Blancs, der letzte Jahrgang in der alten Flasche, die noch mit einer Kordel verschlossen war… Der Nachfolgejahrgang 2006 befindet sich in der gleichen Flasche wie die anderen beiden Einzellagen – siehe unten. Aber zurück zum Toulette – eingeschenkt – und dann diese Nase! Perfekte, außerordentlich elegante Nase, körperreich, tief, reif, wunderschön, Hefe – zum Versinken. Die Größe dieses Tropfens kündigt sich hier schon an. Der Gaumen enttäuscht kein bisschen: Perfekte Balance zwischen Frucht, Reife, Tiefe. Ganz rund, superbe Perlage, gute Säure – das ist fetter Stoff. Ein auf seine Weise wirklich perfekter Champagner – so etwas ist selten. Energiegetrieben, aber kein bisschen nervös, welche Größe, welche Präsenz, welche Brillanz. Ein Champagnertraum – vielen Dank! Das Preis/Genussverhältnis ist mit ca. 50 – 60 € (hier oder hier) hervorragend, sei nebenbei noch erwähnt – ebenso wie die Tatsache, dass sich der Wein im abgebildeten Zalto-Süßweinglas noch schöner entfaltete als im anderen Glas.

Hier wurde bereits deutlich, was ein Blanc de Blancs kann, produziert von einem Winzer, der genau weiß, was er tut. Der langweilige Comtes de Champagne kommt mir wieder in den Sinn… Das sind Welten – eindeutig.

Die weiteren Champagner auf der Agenda hatten es jetzt leider sehr schwer. Der 2005er Grand Cru, wieder ein Chardonnay, zu 80 % aus Chouilly uns zu 20 % aus Cramant, ist zweifellos ein hervorragender Champagner. In der Nase etwas Lakritz, Frische, Früchte, mit Zeit und Luft gesellen sich erste feine Reifetöne dazu. Am Gaumen bleibt der Wein relativ leicht und filigran, dezente Vanille, Mirabellen, frisch aufgeschnittene Zitrone.
Bei unserer letzten Verkostung hätte dieser Wein abgeräumt – hier bleibt er leider im Schatten des Toulette verborgen. Selbiges gilt für den danach getrunkenen 2005er Tue Boeuf, zu dem ich – die Trinklaune schlug auch um sich…  – leider keine Notizen gemacht habe.

Trotz der von mir falsch gewählten Reihenfolge war dies ein Abend im Champagnerhimmel. Und ein Abend, an dem klar wurde, was Winzerchampagner so reizvoll macht:
Eine tolle Säurestruktur haben sie den meisten Prestige Cuvées voraus, was für eine größere Strahlkraft, Energie und Präsenz sorgen kann – so die Säure austariert und balanciert ist. Das Erlebnis ist oft purer, reiner, geradliniger. Es wird weniger Breite angeboten, dafür aus der verfügbaren Masse sorgsam gewählt, diese Aspekte aber komplett im Wein umgesetzt.

Meines Erachtens lässt sich hieraus jedoch kein Ausschlusskriterium für die Chamapgner der grandes marques ableiten. Jeder Stil hat seinen Zeitpunkt. Für weinversessene Erlebnistrinker bieten Winzerchampagner meistens vermutlich die aufregenderen Erfahrungen an – für einen festlichen Anlass, an dem auch ’normale‘ Gäste anwesend sind, können sie hingegen schnell über das Ziel hinausschießen, anstrengend oder unangenehm sein. Ohne die Weine der großen Häuser gibt es keinen Vergleichswert, von dem man sich lösen kann. Drum lasst uns trinken auf die verschiedenen Arten, Philosophien und Stile, Champagner herzustellen und auf die richtigen Momente, Champagner kleiner Winzer und großer Häuser zu genießen!

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

Geschmortes Kalbsbäckchen

4 Kommentare

  1. Besten Dank, mein Favorit ist nachwievor die Toulettes, ist für meinen Begriff vielschichtiger, „champagniger“. Und wenn der Tou Boeuf zur Trinklaune beitrug, ist doch schön 😉 Beste Grüße nach HH

  2. Torben Bornhöft

    Grüße zurück – es war in der Tat ein fröhlicher Abend! Und der Toulette hat einfach abgeräumt – ein Champagner, den man mal getrunken haben sollte!

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