Geschmortes Kalbsbäckchen

Cava – Ein Schaumwein der Spitzenklasse?

Trinken Sie gerne Cava? Nein? Ich auch nicht! Oft wird man auf Geburtstagsfeiern oder kleinen Partys mit Supermarktware der großen Hersteller konfrontiert – gerne auch lauwarm. Erst kürzlich musste ich mir zum Anstoßen wieder solch ein Glas in die Hand drücken lassen. Während der Cava an der Nase nicht viel erkennen ließ, offenbarte er am Gaumen den blanken Horror. Zuckersüß und bitter – untrinkbar!

Dem Cava die Schuld an diesem Umstand zuzuschieben wäre jedoch falsch. Das Problem liegt eher in der Industrie, die nur auf Masse produziert. Aber, wer will es ihnen verdenken? Die Leute kaufen das Zeug und der Umsatz stimmt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht also alles richtig gemacht, sonst hätte Spanien nicht der zweitwichtigste Herkunftsmarkt für Qualitätsschaumwein weltweit werden können!

Aber was ist, wenn wir die Ottonormaltrinker mal außen vor lassen und uns auf den Kreis der Leute mit etwas sensibleren Gaumen konzentrieren? Dann steht der Cava nämlich deutlich schlechter dar und hat, gelinde gesagt, mit einem Imageproblem zu kämpfen.

Diese Problematik erkannte auch der sympathische Katalane Ramon Olivella und gründete die Initiative „Leading Cavas“.

Ramon Olivella

Ramon Olivella

Leading Cavas hat sich der Idee verschrieben, dem Endverbraucher Sicherheit und Orientierung in puncto Qualität zu bieten und gleichzeitig hochwertig produzierende Betriebe zu fördern. Dies gelingt durch strenge Qualitätsregularien und –kontrollen, die die Hersteller erfüllen müssen. Im Gegenzug agiert Leading Cavas für die Weingüter als Vermarktungspartner in Export-Ländern. Für die Hersteller und Endkonsumenten also eine Win-Win-Situation! Darum finde ich diese Initiative auch sinnvoll und wichtig, denn durch die Massenproduktion von Cava droht ein traditionelles spanisches Kulturgut zu verkommen.

Die ganze Initiative wäre natürlich sinnlos, wenn die hochgepriesenen Cavas nicht auch schmecken würden. Um dies herauszufinden, reiste ich am 13. September ins Restaurant Weinsinn nach Frankfurt am Main, um mit gleichgesinnten insgesamt 17 Prachtstücke aus der Kollektion von Leading Cavas zu verkosten.

17 Cava-Prachtstücke

17 Cava-Prachtstücke

Bevor ich näher auf die Probe eingehe, möchte ich noch einige historische Fakten zum Thema Cava loswerden. Wie viele andere Schaumweine auch, war dieser ursprünglich vom Champagner inspiriert. Es war im Jahr 1872, als José Raventós, das Oberhaupt der Familienfirma Codorníu, nach einem Besuch in der Champagne die ersten spanischen Schaumweine nach dem traditionellen Verfahren herstellte. Der Anspruch des Cavas war klar – Er sollte ein dem Champagner ebenbürtiger Schaumwein von höchster Qualität werden. Dieses noch junge Vorhaben stand jedoch schnell vor den ersten gravierenden Probleme, denn in den 1880er Jahre erreichte die Reblauskatastrophe auch die katalanischen Weinberge und die robusten ursprünglichen Reben mussten gerodet werden. Fortan wurden die Weinberge hauptsächlich mit den Sorten Parellada, Macabeo und Xarel-Lo bestockt, die auch heute noch die drei wichtigsten Rebsorten der Cava-Produktion sind. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs und gedieh die Cava-Industrie und die beiden Cava-Giganten Freixenet und Codorníu teilten den Markt größtenteils unter sich auf. Erste große Veränderungen in dem spanischen Schaumweinsegment gab es erst im Jahr 1986, als Spanien der Europäischen Union beitrat. Bis dahin nannte sich der Cava noch nach seinem französischen Vorbild „Champána“, musste aus rechtlichen Gründen jedoch schließlich zu Cava umbenannt werden. Im Zuge des EU-Beitritts wurden auch weitere Rebsorten wie beispielsweise Chardonnay für die Produktion zugelassen. Die Industrie ging ihren Weg weiter und der heutige Stand des Cavas wurde ja bereits thematisiert.

Kommen wir also zurück zur Verkostung:

Die 17 bereitstehenden Cavas stammten von den vier Weingütern 1+1=3 (U mes U fan tres), Emendis, Rexach Baqués und Torelló.

1+1=3

1+1=3

Ich begann die Probe am Stand von 1+1=3, wo ich zuerst den Cygnus Brut nature 2008 verkostete. Dieser ist komplett undosiert und lag insgesamt 40 Monate auf der Hefe. An der Nase zeigte er eine sanfte Pfirsisch-Frucht und wirkte am Gaumen angenehm leicht und nicht so staubtrocken wie erwartet. Es folgte der Brut nature Especial 2006, der aus 60% Xarel.lo und 40% Pinot Noir gekeltert wurde und mit 1,5 g/l Restsüße ebenfalls sehr trocken ausfiel. Dieser gefiel mir deutlich besser als der Cygnus, da er sich sowohl an Nase als auch am Gaumen viel breiter, stoffiger und charaktervoller präsentierte.

Torelló by CUSTO 3D

Torelló by CUSTO 3D

Ich ging weiter zum Stand von Torelló, wo ich zuerst den Gran Torelló Brut nature Gran Reserva 2007 probierte. Ein schöner, recht dunkelfruchtiger und cremiger Schaumwein von angenehmer Länge. Es folgte das Highlight des Tages – Zumindest was das Design der Flasche anging. Ins Glas floss der Torelló by CUSTO 3D, ein 2008er Brut Gran Reserva, der in einer aufwendig gestalteten Flasche mit 3D-Druck ausgeliefert wird. Der Verpackung liegt außerdem eine 3D-Brille bei, mit der man nicht nur hip aussieht, sondern einen ziemlich gut umgesetzten 3D-Effekt auf der Flasche erleben darf. Leider kann ich mir den darin enthaltenen Cava nicht, wie empfohlen, als Essensbegleiter vorstellen. Dafür war er zu schwach und ausdruckslos. Zum Solo-Trinken aber kein schlechter Tropfen und beim nächsten Kinobesuch sicher der Hit!

Rexach Baques

Rexach Baques

Anschließend begab ich mich zu Montse Rexach Peixó, die das Weingut Rexach Baqués vorstellte. Als erstes verkostete ich den angenehmen und nicht zu trockenen Brut nature Gran Reserva 2007, der dem anschließend probierten Gran Carta Brut 2009 bis auf einen leichten Unterschied in der Fruchtaromatik sehr ähnelte. Cava Nr.3 war der Brut imperial reserva 2008 der toastiger, breiter und insgesamt stimmiger als die beiden Vorgänger wirkte, jedoch eine sehr flache Perlage aufwies.

Emendis

Emendis

Abschließend präsentierte mir der Winzer Jordi Ventosa die Cavas von Emendis. Wir starteten mit dem Brut 2007 der sowohl an der Nase als auch am Gaumen eine abgefahrene Waldmeister-Note aufwies. Spannend! Den Abschluss an diesem tollen Tag bildete der Brut imperial reserva 2008, dessen Geschmack stark vom Fassausbau geprägt war und der einen angenehm langen Nachklang aufwies.

Geschmortes Kalbsbäckchen

Geschmortes Kalbsbäckchen

Da während der gesamten Verkostung kleine Speisen aus der frisch sterne-prämierten Küche von André Rickert gereicht wurden, war es möglich, die Pairing-Tauglichkeit von Cava auszuprobieren. Mir gefielen diese besonders gut zu Fisch und Meeresfrüchten. Bei kräftigeren Speisen, wie dem abgebildeten Kalbsbäckchen, gingen die Cavas auf Grund ihrer Leichtigkeit und Finesse oft unter.

Fazit: Es war schön zu sehen, mit wie viel Eifer und Elan die Gastgeber ihre Produkte präsentierten. Nicht nur der Besuch des spanischen Generalkonsuls während der Verkostung zeigte, dass den Spaniern das richtige Verständnis um ihr Kulturgut Cava eine Herzensache ist. Auch mir wurde während dieser Probe deutlich, dass Cava weit mehr kann, als die süß-bittere Plörre aus dem Supermarkt vermuten lässt. Ihr leichter Stil macht sie zum idealen Aperitif und Begleiter zu leichten Speisen. Lediglich der recht hohe Preis von 25-40€ für die Cava-Spitzenprodukte schreckt mich noch etwas ab. Sicherlich ist der Preis für die intensive Arbeit, die die traditionelle Herstellung verlangt, nicht ungerechtfertigt, allerdings bekomme ich für diesen Preis auch eine ordentliche Flasche Champagner, dessen Stellenwert der Cava für mich noch nicht erreicht hat. Dabei spreche ich nicht unbedingt von der Produktqualität, aber beim Kauf einer Flasche Champagner schwingt für mich immer noch etwas Besonderes und Feierliches mit, welches dem Cava fehlt.
Die Leading Cavas sind für mich auf einer Stufe mit guten deutschen Winzersekten. Spannende Produkte mit eigenständigem Charakter, die zum richtigen Zeitpunkt genossen ein wunderbarer Begleiter zu vielen Gelegenheiten sind!

Robin Stein

Robin Stein, Jahrgang 1987, ist studierter Lebensmitteltechnologe und der Jüngste im Team. Sein Weg führte ihm nach dem Abitur 2006 über ein viermonatiges Praktikum in Pusser’s New York Bar in München nach Bergisch-Gladbach, wo er eine Ausbildung als Hotelfachmann im Schlosshotel Lerbach absolvierte. Seine persönlichen Honigfallen sind Champagner, Obstbrände, Wein und Whisk(e)y.

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