Jacquesson Champ Caïn 2002 – Einzellagenchampagner in Reinform

Heute ist er fällig… Einer der von mir durchaus kritisch gesehenen, teuren neuen Einzellagenchampagner von Jacquesson. Es handelt sich um den Avize Champ Caïn, einen Blanc de Blancs aus dem Jahr 2002, der ein Viertel von Jacquessons „lieux-dits“-Linie bildet. Diese Weine kommen immer aus einer einzelnen Lage, die auch auf dem jeweiligen Etikett zu sehen ist, was den starken Terroir-Bezug verdeutlicht. Es werden in dieser Reihe zwei Blanc de Blancs, ein Blanc de Noir sowie ein Rosé aus Pinot Noir und Pinot Meunier produziert. Der Champ Caïn stammt aus einer 1,3 ha großen Lage in Avize, auf der Chardonnay-Reben wachsen, die im Jahr 1962 gepflanzt wurden. Die Lage liegt in perfekter Sonnenxposition und profitiert von einer guten Drainage – die Böden sind stark von Kreide geprägt. Hier könnt ihr euch ein Bild von der Lage machen. Vom 2002er Champ Caïn wurden ca. 5900 Flaschen hergestellt. Degorgiert wurde der Wein nach acht Jahren auf der Hefe im Februar 2011 und anschließend mit 2 Gramm Zucker pro Liter sehr gering dosiert.

Nach recht präzisen zwei Jahren Reifung in der Flasche kam der Wein also ins Glas und zeigte eindrucksvoll, was Einzellagenchampagner können – und wollen.

Nase:
Zu Beginn dunkel-traubige Frucht, mit einer leichten grünen Frische und einer massiven Eleganz. Mit etwas Zeit geht die Frucht zurück und die Nase wird komplexer und vielschichtiger. Kräuter und Würzigkeit übernehmen – die Eleganz bleibt erhalten.

Gaumen:
Frisch geöffnet und eingeschenkt sind die ersten Schlucke stark vom Holzeinfluss geprägt. Eine minimale Bitterkeit zeigt sich, der Wein wirkt sehr strukturiert, muss sich aber noch öffnen.
Mit Zeit und Luft offenbart sich eine hervorragende Ausgewogenheit von Säure und Körper und es wird bereits deutlich, dass dieser Wein noch ganz am Anfang steht. Man trinkt einiges an Potenzial, jedoch bleibt das Trinkvergnügen dabei keineswegs auf der Strecke! Mit Luft kommt der Champ Caïn mehr und mehr, es wird deutlich, wie stringent dieser Einzellagenwein produziert wurde. Es geht stark in eine Richtung, Frische, nicht zu säuerliche Chardonnayaromen, die sich nicht mit Kinderkram wie einer charmanten Frucht abgeben. Dieser Wein atmet die Kreide, die Mineralität kommt mehr und mehr zum Vorschein. Die perfekte Perlage muss man fast nicht erwähnen. Mit der Zeit wird der Wein etwas cremiger und schmelziger, verliert aber nichts von seiner Konsequenz.
Dieser Champagner glänzt – seine Ausgewogenheit hat mich nachhaltig beeindruckt.

Abgang:
Mineralisch. Ein abgegriffenes Schlagwort, aber hier stimmt es… Nasse Kreide und Zitrusfrische.

Der Avize Champ Caïn 2002 ist kein Blockbuster. Er ist trotz seiner Stringenz ein Wein, der eher auf der Seite der etwas leiseren Töne einzuordnen ist und der in einer Blindverkostung mit anderen Weinen derselben Preisklasse wie Krug oder Bollinger R.D. sicherlich schnell untergeht – insbesondere in seinem jetzigen Stadium. Gerade hierdurch zeigt sich jedoch, was Einzellagenchampagner tun – wenn sie gelungen sind: Sie repräsentieren ihre Lage, ihren Boden, versuchen nicht, wie in einer klassischen Cuvée, das beste aller Welten zu vereinen. Sie stehen für sich und bieten somit ein großartiges Trinkerlebnis – dem man etwas Konzentration schenken sollte.

Aufgrund der geringen Mengen ist der Wein schlecht zu bekommen – wer sucht, wird fündig. Man sollte allerdings ca. 150,00 € für dieses Trinkerlebnis einplanen… Oder macht es wie Oli und ich und genießt den Wein mit guten Freunden und guten Gesprächen im Restaurant Vlet in der Hamburger Speicherstadt – die fair kalkulierte Weinkarte bereitet großes Vergnügen und die Interpretationen klassischer Hamburger Küche suchen ihresgleichen!

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

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