Bibliothek: Die Champagnermacher – Christian Göldenboog. Eine Rezension.

Ein neues Champagnerbuch ist auf dem Markt. Eines mit Ambitionen. Ein mächtiger Bildband, hochwertig verarbeitet, mit vielen Fotos (Oliver Rüther), die Einblicke zu vermitteln vermögen. 48,00 € sind kein Pappenstiel – was steckt also drin in Christian Göldenboogs Buch „Die Champagnermacher“ aus dem Umschau Verlag?

Was nach dem etwas holprig wirkenden Klappentext zuerst auffällt, ist der recht präzise Zuschnitt auf das eigentliche Thema des Buches. Herzstück sind Gespräche mit 14 Kellermeistern und Önologen bekannterer Häuser, wundervoll lesbar aufbereitet. Besondere Highlights sind hier spannende Einblicke in die Arbeit von Anselme Selosse, Mathieu Kauffmann (bis vor kurzem bei Champagne Bollinger tätig) oder Eric Lebel (Krug).
Gerahmt werden diese Gespräche mit einer sehr gelungenen Einleitung in das Thema Champagner, der es hervorragend gelingt, Basisinformationen zu liefern, ohne zu langweilen. Das Gefühl, das mit Champagner einhergeht, spielt im ganzen Buch eine tragende Rolle – und wird den verschiedenen Facetten dieses ganz besonderen Weins dadurch sehr gerecht. Hervorragend verdeutlicht durch dieses wunderbare Zitat:

Freiluftdenker, zerrissene Temperamente, Nachtschattler und fröhliche Wissenschaftler trinken Champagner aus Passion. Republikanische Polizisten und anonyme Alkoholiker nie.

Mir haben die Aktualität und die Balance des Buches sehr zugesagt: Winzerchampagner und große Häuser werden vorgestellt und gewürdigt, die unterschiedlichen Ideen und Philosophien werden deutlich, ohne dogmatsich daherzukommen. „Die Champagnermacher“ liefert spannende individuelle Einblicke in die Produktion und die Identität des Königs der Weine.
Und auch Fakten-Fans kommen nicht zu kurz. In vertiefenden Exkursen werden bspw. die Bedeutung der Kreide und des Terroirs (was ist überhaupt Terroir und warum?), der Bläschen im Champagner (sind die Bläschen in Prestige-Cuvées am feinsten?) oder verschiedener Gärungen behandelt. Immer fundiert, nie jedoch mit einer Intensität, die über ein Buch, das primär zum Lesen gemacht ist, hinausgeht.

Erfreulich auch: dieses Buch ist kein weiterer Champagner-Guide. Es gibt keine Wertungen, keine Punkte – keine Hierarchien. Hier bleibt sich Göldenboog treu, verschiedene Facetten des Champagners haben ihre jeweiligen Vorzüge und Nachteile. Eine weitere Wertung ist nicht vonnöten und wird dementsprechend auch nicht vorgenommen. Daher werden im abschließenden Teil des Buches viele Erzeuger mal ausführlicher, mal knapper vorgestellt und empfohlen, ohne auf endgültige Bewertungen abzuzielen. Abgerundet wird dieser Teil mit einem Kapitel zu Champagnern, die man zumindest einmal getrunken haben sollte. Diese Weine – sortiert nach Typ und vollkommen durchmischt, Roederer Brut Premier, Krug Clos du Mesnil oder auch Jacques Selosse und Benoît Lahaye werden hier genannt – werden nicht nur aufgelistet, sondern beschreiben und bekommen somit Kontur und Charakter.

Auch aktuelle Trends und Fragen werden aufgegriffen. Jay-Zs Blingbling-Champus ‚Armand de Brignac‘ wird thematisiert, ebenso die Legendenbildung um die Champagner des Hauses Krug oder die Rolle von Dom Pérignon.

Zusammenfassend: Mich hat „Die Champagnermacher“ begeistert. Binnen zweier Tage habe ich das Buch verschlungen und konnte mich nur schwer im Zaum halten, nicht sofort eine Flasche Champagner als begleitenden Lektüre-Durstlöscher zu öffnen.
Deutlich wird aber auch: Dieses Buch ist für fortgeschrittene Champagnerfreunde geschrieben. Hat man bereits eine Begeisterung für die Weine der Champagne entwickelt, wird dieses Buch diese befeuern und verstärken. Es ist jedoch von Vorteil, die Crus zu kennen, vieles schon einmal probiert zu haben, von Winzern und anderen Persönlichkeiten gehört zu haben. Die Fotostrecke von Oliver Rüther zu Beginn des Buches liefert leise Einblicke in das große Champagnerspiel – eine vorhandene Grundorientierung hilft hier massiv. Ich denke, dieses Buch entfesselt keine neue Champagnerpassion – aber bringt man diese bereits mit, gewinnt man einen Freund fürs Leben im Bücherregal. Die gute Verarbeitung und die großartigen Fotos ergänzen den Text hervorragend – nur ein gründlicheres Lektorat wäre schön gewesen. Eine falsche chemische Summenformel und doch der eine oder andere Rechtschreibfehler müssen in einem so schönen und hochwertigen Buch nicht sein.
Schließen möchte ich mit einem fantastischen Zitat zum Champagnerkauf – es bringt die Machart des Buches auf den Punkt:

Champagner erwirbt man nicht wie Tiefgefrorenes, Flachbildfernseher oder Holland-Tomaten. Champagner kauft man eher wie Bücher. Man nähert sich ihm wie bei einem Flirt. Champagner-Kauf, das ist der Beginn einer Freundschaftsbeziehung, die keine eiligen Verkäufer verträgt.

 

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

Einen Kommentar schreiben