Das große Rye Tasting

Rye Whiskey ist und bleibt eines der großen Themen der Bar. Leider ist in den meisten Backboards entweder Jim Beam oder Old Overholt, bei größerem Wareneinsatz Rittenhouse BiB oder Sazerac 6 Jahre („Baby Saz“) zu finden. Dabei hat sich in den letzten Jahren einiges getan in Sachen Rye. Aus diesem Grund habe ich mit einigen Freunden einige (neue) Rye-Whiskeys blind getestet.

Templeton Rye

Templeton Rye erzählt eine Legende. Das Rezept stamme aus der Zeit aus der Prohibition. Der Whiskey sei so gut, dass er der Whiskey der Wahl Al Capones wurde. Templeton Rye ist 4 Jahre alt und stammt aus der LDI (Lawrenceburg Distillers Indiana). In Templeton wird er hingegen nur abgefüllt.

Mit 40% ist der Rye eher wenig Alkohol besitzend, bleibt er in der Nase auch sehr weich. Vanilletöne und süße Aprikosen dominieren. Am Gaumen bleibt er allerdings seltsam flach und wenig aussagekräftig. Mit der Ausnahme eines Teilnehmers wusste der Whisky, der aus 95% Rye besteht, nicht zu begeistern. Mit 40-45€ ist der Preis für Roggenverhältnisse als „normal“ einzustufen.

Bulleit Rye

Bulleit Rye ist der Neue im Massensegment der USA und kämpft dort gegen die Platzhirsche Rittenhouse BiB und Sazerac. Er besitzt 45% und ist knapp älter als 4 Jahre. Und er stammt auch aus dem Hause LDI, besitzt demnach auch die gleiche Mashbill.

In der Nase zeigen sich starke Zitrustöne, viel Granny Smith Apfel und eine dominante Pinien-Note. Am Gaumen präsentiert er sich schlank, aber gefällig. Kein herausragender Rye, aber einer der durchaus zum Mixen taugen würde. Zum Teil wurde er als zu schlank bezeichnet. Mittlerweile für 40-45 Euro zu beziehen.

Wild Turkey Rye 50,5%

Wild Turkey Rye entstammt der Buffalo Trace Destillrie. Über das Alter ist nichts zu finden. Die Mashbill ist: 65% Roggen, 12% Gerste, 23% Mais. Leider wird das Produkt immer schwieriger zu finden sein, da Wild Turkey für den internationalen Markt einen Wild Turkey Rye mit 40,5% auf den Markt gebracht hat. Es ist das gleiche Produkt, nur mit weniger Volumenprozent. Ganz verschwinden soll der 50,5% aber nicht.

In der Nase zeigt sich die Kraft, viel Pfeffer und starke Holztöne (Pinie?) und Kräuter. Wenig Süße auch im Geschmack, aber ein Abgang, der sich mit viel Kraft und Geschmack einprägt. Ein Wahnsinns-Roggen, der allen Teilnehmern gut schmeckte, aber allzu schwer erhältlich ist.

Pikesville Rye

Pikesville Rye ist der Sparfuchs unter den getesteten Roggen. Während er in den USA für 13 USD die Flasche (!) zu bekommen ist, zahlt man hierzulande ca. 25€ – für einen Rye erstaunlich günstig. Pikesville zählte ursprünglich zu den Roggen, die in Maryland nach dem dortigen Stil gebrannt wurden, und der eher fruchtig im Geschmack sein sollte. Heute allerdings wird Pikesville zusammen mit Rittenhouse Rye in der Heaven Hill Distillery hergestellt und enthält die gleiche Mashbill wie diese.

In der Nase ist er dennoch untypisch, Himbeere und Kirschtöne, die sich auch am Gaumen wiederfinden. Wesentlich runder, weniger kräftig, starke vanillige Töne und ein Finish, dass eher an einen süßen, milden Scotch als an Rye erinnert. Anders eben. Der Roggen wird mittlerweile nicht mehr hergestellt. Die Kapazitäten werden für Rittenhouse Bottled in Bond benötigt.

Whistlepig Rye

Whistlepig Rye war – ehrlich gesagt – der Rye, auf den ich besonders gespannt war. Ein 100% Rye, mit 50% genug Power und mit 10 Jahren auch der älteste Teilnehmer im Feld. Eine weitere Besonderheit: Es ist kanadischer Rye, der von Dave Pickerell (ehem. Makers Mark Master Destiller) für Whistlepig gekauft und abgefüllt wird. Und er startet mit allerhand Vorschusslorbeeren. 96 Punkte im Wine Enthusiast, fünf Sterne im Spirit Journal. Was soll da schieflaufen? Im Blind Tasting allerdings versagt der Rye vollkommen. Eine üble Klebstoffnote, der Geschmack ebenfalls – Klebstoff. Ja, auch viele fantastische Gewürzaromen, die aber total überlagert werden. Auch nach Auflösung der Probanden herrschte Ratlosigkeit. Der Preis (immerhin 80 USD und in Deutschland 100€) erschien uns nicht gerechtfertigt. Eventuell wird es demnächst Zeit für eine Wiedervorlage.

Willett Family Estate Single Barrel 3yo

Ich gebe zu – ich bin voreingenommen. Ich liebe diesen Whiskey. Und ich hatte gehofft, dass dies auch die anderen Tester so sehen würden. Der Willett ist ein Single Barrel Produkt, demnach hier die genauen Daten: Fass Nr.: 6487, 57,8%; Flasche Nr. 74/228. Zur Herkunft: Der Name Willett ist ein großer Name im Whiskey-Business und die Whiskeys legendär.Allerdings: Dieser Whiskey stammt nicht aus der Willett Distillery, sondern von LDI  und hat damit die gleiche Mashbill wie Bulleit und Templeton. Nur dass die Fässer früher (nach 3 Jahren), unfiltriert und in Fassstärke abgefüllt wurden. Und wieder zeigt sich: Die Mashbill hat kaum Auswirkungen auf das Produkt.

Der Rye hat eine ungemeine Frische, viel Zitrusöl aber auch Mandeln und Haselnüsse. Er würde sich – nach einem Tester – gut im Boston Sour machen. Das kann ich bestätigen. Er macht aber auch einen fantastischen Sazerac. Die JFK Bar in der Frankfurter Villa Kennedy macht damit seine Manhattans (Zitat: „Der Rittenhouse BiB ist leider aus.“). Am Gaumen sehr würzig und extrem trocken. Ein extremer Rye, dessen Jugend man schmeckt, der aber auch schon viel Fass geatmet hat. Toll, wie auch die Tester bestätigten.

Sazerac Rye 6

Als letztes das Flaggschiff des amerikanischen Roggens. Der Sazerac 6yo, mein Standard-Mix-Rye. Und ein Produkt, dass mit 51% Rye (12% Gerste und 37% Mais) nur das gesetzliche Minimum an Roggen enthält. Das macht sich auch bemerkbar, denn der Whiskey erscheint runder, die Kraft und die Würzigkeit des Roggen eingebunden. Alle Tester vergaben hier Höchstnoten. Weitere Ausführungen zum Geschmack waren nach 7×2 cl Rye nicht mehr zu machen.

Fazit:

Für mich hat das Rye Tasting zwei wichtige Ergebnisse geliefert: Zum einen bedeutet mehr Roggen nicht zwangsläufig einen besseren Geschmack – Im Gegenteil, besonders komplex und dennoch gefällig erschienen diejenigen, die einen größeren Anteil von Mais enthielten. Zum anderen sagt Destille und Mashbill noch nichts über den Geschmack aus. Mit Bulleit, Templeton und Willett hatten wir drei vollkommen unterschiedliche Whiskeys gleicher Herkunft und Mashbill.

Worauf sich das Plenum aber geeinigt hat, ist: Mit Sazerac und Wild Turkey kann man nichts falsch machen. Templeton muss man mögen. Bulleit scheint ein würdiger Mixing Rye. Und der Willett ist ein toller Rye zum kleinen Preis, wenngleich nicht für jeden Cocktail.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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