Jacquesson-Vertikale: Cuvée 736 bis Cuvée 728

In einer typisch wahnsinnigen Aktion hat Oliver alle jahrgangslosen Jacquesson-Cuvées seit Umstellung auf das 700er-System zusammengetragen.

Mit der Lese im Jahr 2000 wurde im Hause Jacquesson von einem klassischen Cuvée-System, durch das immer ähnlich schmeckende Weine erzeugt werden sollten, auf ein durchnummeriertes, individuelles System umgestellt. Hierbei werden immer das Basis-Jahr der Cuvée sowie die anderen Anteile und die Dosage im Sinn maximaler Transparenz auf dem Rücketikett ausgewiesen.

Der erste Wein dieser Reihe war nicht, wie man erwarten könnte, die Nummer 1, sondern die Cuvée 728. Grund hierfür: Schon lange wurden die verschiedenen Cuvées bei Jacquesson in einem internen System durchnummeriert – dies bezog sich auf alle Weine, Jahrgänge und Sonderabfüllungen eingeschlossen. Dies wurde als Aufhänger genutzt, sodass der allererste Wein der neuen Reihe die Nummer 728 trug.

Grund genug, die verschiedenen Champagner einmal einer Vertikalverkostung zu unterziehen. Insbesondere dahingehend spannend, dass wir die Hoffnung hatten, dem Champagner beim Reifen ein wenig zusehen zu können, auch wenn es sich um verschiedene Cuvées handelt. Denn die Hefelagerzeit beträgt immer ca. vier Jahre – dementsprechend steigt die Zeit auf der Flasche pro Champagner um ein Jahr. Darum haben wir uns im Hinblick auf die Trinkreihenfolge auch für die simple Option „jung zu alt“ entschieden.

Noch ein paar Informationen vorab: die Champagner sind immer im Holzfass ausgebaut und bestehen immer aus Pinot Noir, Chardonnay und Pinot Meunier. Die Anteil sind jedoch veränderlich.

Los geht der Reigen also mit der aktuellen Cuvée 736. Zum ersten Mal als Extra Brut etikettiert, obwohl auch andere Cuvées diese Auszeichnung hätten tragen dürfen. Vermutlich ein weiterer Schritt zu einer veränderte Positionierung auf dem Markt. Die harten Fakten: Das Basisjahr 2008 (oft bewertet als eines der besten der letzten 20 Jahre neben 2002 und 1996) ist mit 66 % vertreten, daneben Reserveweine aus 2007 und 2006 sowie ein kleiner Teil der Cuvée 735. Rebsorten: 53 % CH, 29 % PN, 18 % PM; die Dosage liegt bei nur 1,5 gr und die Flasche wurde im Juli 2012 degorgiert.
In der Nase tief und ausgewogen, feiner Hefeton. Am Gaumen säurebetont, knackig, sehr frisch, aber stimmig. Nach hinten recht starke Bittertöne wie von jungem Holz, feine Eleganz. In total trotzdem recht kantig.

Weiter geht es mit Cuvée 735, der das Jahr 2007 mit 72 % zugrunde liegt. Dazu noch 2006 und 2005. 47 % CH, 33 % PN, 20 % PM, 3,5 gr Dosage und Degorgement im zweiten Quartal 2011.
In der Nase weicher und samtiger als 736, am Gaumen fein mineralisch, erneut mit präsenter Säure. Etwas saftig, aber momentan wirkt er recht wenig definiert. In der Findung.

Der Wein des Jahres 2006 war die Cuvée 734. Die Fakten ab jetzt etwas knapper: 2006 (73 %), 2005 und 2004; 54 CH, 20 PN, 26 PM; 3,5 gr; Deg. 3. Quartal 2010.
Probieren wir! In der Nase zeigen sich erste Reifetöne, die auf einen etwas ausgeformteren Wein hoffen lassen. Am Gaumen leider unrund, bitter, karamellisierte Ananas, etwas unausgegoren. Hoffentlich eine schwache Phase. Kein Desaster, aber auch kein großer Spaß.

Auch Cuvée 733 (2005 (78 %), 2004, 2001; 52 CH, 24 PN, 24 PM; 2,5 gr; Deg. 2. Quartal 2009) konnte uns nicht in Begeisterung versetzen.
In der Nase Honig und Reife, aber unaufdringlich. Am Gaumen breiig und undefiniert, wenig Säure, wenig Spitze – wenig interessant.

Dafür nun Cuvée 732! Auf Basis des Jahres 2004 mit 79 % hergestellt und ergänzt um kleine Mengen der Ernten ’03, ’02, ’01 und ’00. 39 % CH, 25 % PN, 36 % PM. Der Champagner wurde mit einer Dosage von 3,5 gr/L versehen und hat seit dem Dégorgement im 2. Quartal 2008 fünf entspannte Jahre Flaschenreife genießen können.
In der Nase merkt man bereits: Gelungene Reife! Kaffee und Haselnuss – die Klassiker. Am Gaumen Apfel und Nüsse, mit Abstand der beste Wein bisher, toll gereift und momentan sehr harmonisch. Wenig Frucht, viel mineralität – wundervoll. So darf es weitergehen.

In der Nase überzeugt die superelegante Cuvée 731 (2003 (59%), 2002, 2001, 2000; 52 CH, 17 PN, 31 PM; 2 gr/L, Deg. 2. Quartal 2007) sofort, zeigt sich sehr fertig und sehr sehr charmant. Am Gaumen leider ein anderes Bild, etwas undefiniert, sehr leicht – zu leicht – und dadurch wenig interessant. Auch mit Luft und Zeit zeigen sich kaum Veränderungen. Schon ok, aber auch nicht mehr als das. Und drei ältere Weine kommen noch…

Cuvée 730: 2002 (60 %), ’01, ’00, ’99; 48 CH, 32 PN, 20 PM; 3,5 gr/L; Deg. 2. Quartal 2006. Leider tot. Da war gar nichts mehr zu holen.

Weiter also mit Cuvée 729, aus dem schlimmen Jahr 2001 (58 %) sowie 2000 und 1999. Drittelmix und recht hohe Dosage mit 6 gr/L. Deg. im März ’05. In der Nase sehr viel Vanille! Allerdings eher aufdringlich. Am Gaumen Apfelschorle, weißer Glühwein, Oloroso, Weihnachtsgewürze, Mandel, etwas Bittertöne. Keine Säure. Trotzdem spannend.

Leider ist die Cuvée 728 auch hinüber. Kein Spaß mehr…

Alles in allem ein sehr schöner Abend – keine Frage! Aber weintechnisch doch eher mittelprächtig. Die jahrgangslosen Weine können gut ein bis zwei Jahre liegen, oft harmonisieren sie sich zusehends. Und auch ein Treffer wie die Cuvée 732 kann dabei sein. Generell lohnt es sich aber doch weniger, die jahrgangslosen Jacquessons auf lange Sicht in den Keller zu legen. Dann lieber jünger trinken und genießen!

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

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