Da ist Zucker in meinem Rum.

Lange Lagerung in Sherry-Fässern!

Starke Reduktion im Fass und daraus folgende Konzentrierung von Süße und Aroma!

Noch höherer PX-Fass-Anteil!

Extra sanft durch lange Lagerung!

Alles bekannte Floskeln, wenn es um Süße im gelagerten Rums geht. Und mehr als das – auch durchaus gängige Verkaufsargumente.

Der Geschmack ist süß heutzutage – Herr Meyer illustrierte dies kürzlich am Beispiel Tonic. Und dies schlägt sich auch auf den Charakter vieler Rums nieder, insbesondere der Schnelldreher. Botucal (ehemals Diplomatico) Reserva Exclusiva, Zacapa, Dictador, um nur drei zu nennen. Alles Kandidaten, die ihren Charakter mit einer soliden Portion gefälliger Dessert-Süße begleiten. Die Liste der süßen bis sehr süßen Kandidaten ist lang und, so scheint mir, wird immer länger. Schon lange habe ich keinen neuen Melasse-Rum mehr probiert, der sich aus der grauen Masse abzuheben wusste. Einzige erfreuliche Ausnahme sind hier in der Regel Abfüllungen unabhängiger Abfüller. Oft weniger dunkel, immer weniger süß und dementsprechend vor allem eines: weniger gefällig – und damit sicherlich deutlich schwieriger zu verkaufen. Meines Erachtens führt diese starke Süße leider mehr und mehr zu Charakterlosigkeit. Wo sind die Ecken und Kanten, die Rum so einzigartig machen? Abpoliert, weggeschoben, unter Süße begraben.

Hinter Zucker kaum noch zu erkennen...

Hinter Zucker kaum noch zu erkennen…

Woher diese starke Süße kommt, wird immer wieder Thema der Diskussion. Die oben angeführten Erklärungsversuche sind gängige Bekannte in diesen Gesprächen.

Spannenderweise listen die schwedischen und finnischen Alkoholaufsichten Zuckerzugaben in Spirituosen auf. Folgende Zahlen tauchten Ende des vergangenen Jahres im Refined Vices Forum auf. Teilweise unterscheiden sich die Zahlen und sie sind auch nicht aus erster Hand von offizieller Seite veröffentlicht. Wir sind bemüht, fixe, offizielle Zahlen zu bekommen. Auch bei den Alcademics wurde das Thema bereits verhandelt.

Diesen Zahlen folgend ergibt sich ein meines Erachtens krasses Bild in einer Szene, die sich mehr und mehr Aspekten von regional, saisonal und handgemacht verschreibt, um die oberen Segmente zu bedienen:

El Dorado 12 Jahre: 41 gr. / Liter

Diplomatico / Botucal Reserva Exclusiva: 41 gr. / Liter

Zacapa XO : 26 gr. / Liter

Angostura 1919: 14 gr. / Liter

Die Zugabe von Zucker zu Spirituosen ist in Deutschland nur grob geregelt, weltweit dürfte es massive Unterschiede geben. Im Cocktailforum ist eine Debatte darüber in Gange, dort werden einige rechtliche Aspekte angeschnitten.

Was hat diese starke Zuckerzugabe zur Folge? In einem Liter El Dorado 12 steckt die Zuckermenge von fast 12 Zuckerwürfeln. Ab 100 gr. / Liter ist bereits die definitorische Grenze eines Likörs erreicht…

El Dorado 12

El Dorado 12

Wohin führt uns dieses Wissen? Oder, zugespitzter formuliert:

Ist die Zuckerzugabe zu Rum überhaupt problematisch?

Geschmack ist am Ende des Tages entscheidend – wenn dies der Geschmack des Mainstreams ist, warum dagegen protestieren? Eine denkbare Argumentation, aber meines Erachtens ist ein Punkt elementar: Geld soll für Qualität bezahlt werden. Immer gern – und: gut so! Aber wenn man den Konsumenten glauben machen will, sein neuer Sipping Rum – in diese Kategorie soll „Premium“-Rum ja mehr und mehr vorstoßen – sei so sanft und mild, und diese beiden Attribute sind im Massenmarkt sicherlich nach wie vor absolut entscheidend, da er lange gelagert wurde usw. usf. – dann ist es am Ende eine Lüge. Denn der süße, weiche Geschmack kommt vom zugesetzten Zucker…

Die hohe Zuckerzugabe beim Rum ist wie mit hoher Dosage beim Champagner. Wenn das Produkt gut und ehrlich gemacht ist, wird man die zusätzliche Süße nicht brauchen. Sie kaschiert, verdeckt und macht gleich. Rum wird langweilig! Denn einer schmeckt wie der andere.

Zeit also, sich noch mehr den Fassstärken und den unabhängigen Abfüllern (wie Cadenheads, Duncan Taylor, Velier, Bristol Classic, Caroni…) zu widmen. Denn süßen Mainstream gibt es genug…

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

12 Kommentare

  1. Ganz meine Meinung! Zweifellos haben die angesprochen süßen und gefälligen Rums den Konsumenten die Existenz dunkler und gereifter Produkte näher gebracht. Aber es gibt eben auch eine Welt jenseits dieser Qualitäten, insbesondere die Vieux Agricoles (zB Damoiseau), die Ecken und Kanten haben, Struktur und Finesse, Tiefe und Unverfälschtheit, vergleichbar mit Cognac oder auch Single Malt Whiskies. Wir sind seit längerer Zeit dabei, in diesem Sinne aufzuklären und den fortgeschrittenen Connaisseur von der Langeweile der „Süßen“ wegzubringen.

    Hosie

  2. Flaschengeist

    Bin sehr erstaunt über die Nennung von Dictador. Meines Wissens nach süßt Dictador keinen ihrer Rumsorten. Ist die Quelle verbrieft? *sehr.neugierig.bin*

  3. Lieber Flaschengeist. Dictador haben wir doch gar nicht genannt, sondern Diplomatico/Botucal?

  4. Flaschengeist

    >>Der Geschmack ist süß heutzutage – Herr Meyer illustrierte dies kürzlich am Beispiel Tonic. Und dies schlägt sich auch auf den Charakter vieler Rums nieder, insbesondere der Schnelldreher. Botucal (ehemals Diplomatico) Reserva Exclusiva, Zacapa, Dictador, um nur drei zu nennen.<<

    Im Fließtext, im ersten großen Absatz, dritter Satz.

    LG der Flaschengeist

  5. Achja stimmt 🙂
    Der Hinweis auf Dictador war auf das Geschmacksprofil bezogen. Nachweise für Süßung haben wir nicht gefunden. Im Gegenteil, wenn man sich folgenden Link anschaut.
    http://www.drecon.dk/index.php/17-list-of-rum-measured

  6. Flaschengeist

    okay, verstanden.
    Danke für diesen MEGA-geilen Link!

  7. Noob

    Interessanter Artikel.hierzu 2 Fragen. 1. Wenn ein Rum ohne Zuckerzusatz süß schmeckt,kommt das nicht ebenfalls vom Zucker (der nur nicht im Nachhinein hinzugefügt wurde) ? 2.Welche Rum haben denn eine angenehme Süße,die nicht durch das Hinzufügen von Zucker diese erhalten? (Dictador habe ich gelesen)

  8. Torben Bornhöft

    Moin,

    Süße lässt sich nicht durch eine Destillation transportieren. Damit destillierbarer Alkohol entsteht, wird immer Zucker in der Maische benötigt – dieser gelangt aber nicht ins Destillat.
    Wir liefern bald nochmal einen weitern Artikel zum Thema nach!

  9. „2.Welche Rum haben denn eine angenehme Süße,die nicht durch das Hinzufügen von Zucker diese erhalten?“

    Es gibt Rums, die von Natur aus relativ süß sind. Die Frage, die man sich stellen muss, ist: MUSS Rum wirklich SÜß sein? Dass Rum als besonders süße Spirituose wahrgenommen wird, stammt hauptsächlich von den nachsüßenden „Rum-als-Likörersatz“-Produzenten. Lasst Euch überraschen, denn außer Süße hat Rum soviel zu bieten!

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