Trinklaune im Wald – Teil 2 – Urbane Fluchtreflexe: Sapin-Likör

Zugegeben: ich mag das urbane Leben in Hamburg. Es gibt alles, was man sich wünschen kann: mehr Kultur als man erleben kann, mehr Shoppingmöglichkeiten als für die Kreditkarte gut wäre, trendige Bars und vieles mehr. Aber es nervt mich manchmal auch. Selbst ein Tag auf der Alster oder in den vielen grünen Lungen der Stadt tröstet über einen Punkt nicht hinweg: Hamburg ist und bleibt eine Großstadt – und ein tiefes Durchatmen hat nicht diese befreiende Wirkung wie in den Tannenwäldern meiner Schwarzwälder Heimat.

Umso spannender der Gedanke, diesen ganz spezielle Duft in einen Cocktail zu transportieren. In Deutschland weithin unbekannt, werden in Frankreich die Spitzen junger Tannen („Sapin“) für Spirituosen genutzt. Es sind insbesondere die Absinth-Destillerien aus Pontarlier, die diesen Digestif kreieren. Dabei werden Tannenspitzen und Zucker mazeriert und destilliert. Danach wird eventuell der Eau de Vie erneut mit Tannenspitzen versehen und es werden manchmal verschiedene Kräuter hinzugefügt.

Es grünt so grün...

Es grünt so grün…

Grande Liqueur de Sapins – Destillerie Deniset-Klainguer, Pontarlier, 30%

Der hellgrüne Likör enthält neben Tannenspitzen auch 28 verschiedene lokale Kräuter und erinnert erstaunlich stark an – Chartreuse Verte. Er besitzt eine ähnliche Komplexität – die 26% weniger machen ihn aber deutlich gefälliger. Ein guter Likör – aber wenn man die messerscharfe Kräutrigkeit des Chartreuse kennt, etwas enttäuschend. Allerdings enthält er einen dominanten Tannengeschmack, den ich in Chartreuse so nicht ausmachen konnte.

Le Vert Sapin – Destillerie Pierre Guy, Pontarlier, 40%

Über diesen Likör konnte ich nicht besonders viel herausfinden. Allerdings ist er deutlich „tanniger“ als der Grande Liqueur. Eigentlich schmeckt er nur nach Tanne. Ich tippe daher darauf, dass es ein Tannennadel-Eau de Vie ist, der mit Tannennadeln infusioniert wurde. Wer hier nach Rezepten suchen mag, kann den in den USA erhältlichen Clear Creek Eau die Vie Douglas Fir als Maßstab nehmen. Dieser sollte ähnlich schmecken. Der Vert Sapin ist weniger klebrig und weniger süß als der Grande Liqueur. Eindeutig der Purist unter den beiden und das Produkt das mir viel besser zusagt.

Natürlich beweisen sich Zutaten stets nur im Cocktail. Als Grundlage habe ich zwei klassische Chartreuse-Cocktails genommen, die durch den Tannenlikör einen neuen Twist verliehen bekommen.

Grün und hochgewachsen...

Grün und hochgewachsen

Das Schweigen im Walde

3cl Grande Liqueur de Sapin
3cl Gin (Tanqueray)
3cl Maraschino
3cl Limette

Auf Eis shaken, in eine Cocktailschale abseihen.

Ich entschied, den Grande Liqueur de Sapin in einem Last Word zu versuchen, da ich mit einem reinen Tannenlikör die Komplexität des Chartreuse nicht wirklich ersetzen konnte und die anderen Zutaten nach einem kräutrigen Antagonisten verlangen. Dennoch zeigen sich große Unterschiede. Die Kräutertöne werden durch Maraschino und Limette etwas überlagert, aber das Tannenaroma schwebt über dem Cocktail wie Morgentau über einer Lichtung…großartig.

Im Unterholz

Im Unterholz

 

Tannhäuser/Ouvertüre

3 cl Gin (Monkey 47)
3 cl Carpano Antica Formula
3 cl Le Vert Sapin

Auf Eis lange rühren, in eine Cocktailschale abseihen, Orangenzeste.

Der Tannhäuser hat ein deutlich frischeres Geschmacksprofil als der Bijou. Wo sonst die Komplexität des Chartreuse dominiert, herrscht nun klares und fast erfrischendes Aroma der Tanne, das mit den Zitrusnoten des Monkey 47 eine harmonische Verbindung eingeht.

Tannennadelliköre – und insbesondere der Le Vert Sapin von Pierre Guy – sind für mich die geschmacklichen Entdeckungen des noch jungen Jahres. Es dürfte auch spannend sein, Chartreuse Jaune durch Sapin zu ersetzen. Jedem Liebhaber von Chartreuse und jedem potentiellen Großstadtflüchtling sei empfohlen, es mal mit einem Tannennadel-Likör zu versuchen. Wer nicht direkt eine Flasche kaufen möchte und in München weilt – die Goldene Bar hat den Likör auf der Karte.

Es gilt unser Disclaimer: Wir schreiben nur über das, was wir mögen! Trinklaune.de hat für die Verkostung Produktproben erhalten. Daran geknüpft war weder die Verpflichtung zur Berichterstattung noch eine Einflussnahme auf den Inhalt des Artikels.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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