Zwischen Skylla und Charybdis – Zwei Abende in Stuttgart

Es war Homers Odysseus, der während seiner Irrfahrt eine Passage zwischen zwei gefährlichen Seeungeheuern finden musste: Skylla und Charybdis. Geriete er zu nah an das alles verschlingende Meeresmonster Charybdis, wird er an den Grund des Meeres gesogen. Führe er zu nahe an Skylla, würde das sechsköpfige Ungeheuer ihn mit seinen dreireihigen Zähnen verschlingen.

Daran dachte ich natürlich nicht, als ich zwei Abende in Stuttgart verbrachte. Neue Bars ausprobieren und Geschmackshorizonte erweiten, das wollte ich. Man munkelt ja, im Ländle entwickele sich eine gute Barszene. Doch ich hätte die Zeichen sehen müssen. Auch durch Stuttgart führt eine und (zumindest für Fußgänger) gefahrvolle Passage. Man nennt sie B14. Und auf beiden Seiten sollten die Bars lauern, denen ich an diesem Wochenende meine Seele anvertraute. Die Schwarz-Weiß-Bar zur einen und die Bar Bergmann zur anderen.

Dabei machte die Bar Bergmann keinen so gefährlichen Eindruck. Dunkles Holz, ein engagierter Gastgeber. Gute Voraussetzungen für einen hervorragenden Abend. Der Mai Tai mit hausgemachter Rum-Mischung (6 Rum-Sorten!) und in Absinth flambierter Ananas war aromatisch schon ganz vorne dabei. Mein Manhattan mit Jim Beam 12 yo und Punt e Mes eine sichere Bank. Aber dann diese Chartreuse Shots. Eiskalt im Zinnbecher. Vorboten des Übels. Dazu ein Dark & Stormy. Schön auch: Die fehlende Minze wird kurzfristig durch einen Barback einer anderen Bar vorbeigebracht. Hier funktioniert Nachbarschaftshilfe!

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Überragend war aber folgende Interpretation eines Last Word:

 Last Word aka “Skylla”

3 cl Gin
3 cl Limettensaft
3 cl Maraschino
3 cl Chartreuse Verte
2 ds Mozart Bitters
Simple, isn’t it? Aber überragend. Wenn Ted Saucier schon Mozart Bitters gehabt hätte, wäre das heute Standard!

Am nächsten Abend verschlug es uns auf auf die andere Seite der B14. Es ging in die Schwarz-Weiß-Bar zu Zeremonienmeister Jonas Hald. Noch mutigen Schrittes den Platz hinter der Eiswanne eingenommen. Auge in Auge! Einen fantastischen Seelbach zu Beginn. Dann wieder Chartreuse Shots! Mutwillig? Vermutlich. Der Laden brummte. Und das ist kein Ausdruck. Der Laden war richtig voll, der Gang zur Toilette ein Spießrutenlauf. Und hinter der Eiswanne? Entspanntestes kreativ-anarchistisches Mixen. Mezcal Mule. Und im größten Chaos dann noch die Offenbarung des Abends.

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Charybdis
7cl Mezcal (Marca Negra Espadin)
0,5cl Feigensirup (selbstgemacht)
0,5cl Quittenbrand
2 dash Peychauds
1 dash Grapefruit Bitters
Absinth
stir, cognac schwenker absinthsprayed, grapefruitzeste ohne drop

Beschwingt verließen wir die Bar – nicht ohne ein “Betthupferl”. Einen wundervollen fassgelagerten Rum-Manhattan mit Wermut-Cuvee. Da dieses sich aber in der Tasche des Unglückseligen verteilte und der folgende Rettungsversuch des gewässerten Handys in einem gesplitterten Display endete – muss dieser das nächste Mal getrunken werden. Welch Unglück! Von den Göttern scheinbar verlassen retteten wir uns in unser Schiff, den Nachtbus, dessen Lautsprecher uns – zwischen dem unvermeidlichen 90er-Pop – immer wieder aufforderte, genug Wasser zu trinken, um dem Kater zu entgehen. Heimwärts. Gebeutelt, aber erfolgreich die Passage durchschritten. Stuttgart muss sich in Sachen Barkultur wirklich nicht verstecken.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

2 Kommentare

  1. Jonas

    Danke Daniel für diesen fantastischen Artikel.
    Es hat uns auch mega Spaß gemacht, du bist jederzeit wieder mehr als willkommen!

    Grüße

    Jonas

  2. Das klingt super und macht Appetit auf einen Besuch…

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