Angel’s Envy Bourbon & Rye – Gratwanderung Finishing

Ein Whiskey ist ein Whiskey ist ein Whiskey….ok zugegeben Puristen werden folgende Zeilen jetzt hassen. Denn diese Whiskeys überschreiten Grenzen. Angel’s Envy ist das letzte Geschenk von Master Destiller Lincoln Henderson, der zuvor jahrzehntelang die Whiskeyherstellung von Brown Forman überwachte, an die Bourbon-Welt. Und was für eines.

Kurz zur Story behind: Angel’s Envy bezeichnet den Neid der Engel. Zwar würden diese den Angel’s Share durch Verdunstung erhalten – den besseren Deal machen aber die Menschen mit dem gereiften Destillat. Ein Augenzwinkern von Lincoln Henderson.

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Variation über ein Thema – Angel’s Envy Bourbon

Ausgangspunkt der Produktentwicklung ist ein Bourbon, dessen Hersteller mal wieder vollkommen im Unbekannten liegt. Angel’s Envy selbst stellt (noch) keinen eigenen Whiskey her – diesem Zeitungsartikel zufolge – ist eine eigene Destille aber in Planung. Der Whiskey lagert etwa 4-6 Jahre in den obligatorischen Eichenfässern. Auf den danach folgenden Schritt weist deutlich das Label hin: Ruby Port Wine Barrel Finish. 3-6 Monate lagert der Whiskey in gebrauchten portugiesischen Portweinfässern, eine Technik die bei Scotch-Whisky durchaus üblich ist.

Und dieses Finishing lohnt sich. Der Bourbon ist mild – mild – mild. Sehr dessertartig, viel Zimt, Karamell, Vanille und eine Menge Ahornsirup. Der Portwein kommt im Finish leicht durch, aber mehr als ein leichter Rosinenton ist hier nicht zu erkennen. Als ob das Portwine-Finish zu einer Reinigung geführt hätte.

To go where no Rye has gone before – Angel’s Envy Rye

Die neueste Bereicherung des Portfolios von Angel’s Envy ist der Rye. Die Mashbill mit 95% Roggen verrät: hier verlässt man sich erneut auf das LDI Destillat. Das Alter ist unbekannt. Hingegen wird wieder viel Wert aufs Finishing gelegt. Hinter dem Carribean Rum Cask Finish steht für eine Zweitlagerung von bis zu 18 Monaten in Rumfässern, genauer in gebrauchten Plantation XO Fässern. Rumkenner wissen, dass dieser Barbados Rum ebenfalls in gebrauchten Fässern lagert. Und zwar denen von Cognac Ferrand. Ist das noch Rye?

Der Geschmackstest zeigt eine immense Beeinflussung durch das Finishing. Die Nase ist trotz der 50% unendlich mild und zeigt die vanillig-fruchtigen Noten des Barbados Rum. Orange und etwas Kokos. Dahinter etwas Minze. Mit der Zeit wird die Roggenwürze kräftiger. Am Gaumen unglaublich komplex – an der Grenze zum Diffusen. Zimt und Ahornsirup, gepaart mit den aufplatzenden Aromen von Mandel und Creme Brulee.

Wahrlich ein Grenzgänger, den man probiert haben sollte. Er wird polarisieren, definitiv. Entweder man liebt ihn, weil er zeigt, dass nicht nur die Verpackung, sondern auch der Inhalt im Rye-Business noch zählt und Whiskey immer noch Evolutionspotential hat. Oder man mag die Anklänge an Rum und Cognac nicht und wird Angel’s Envy Rye als dann doch zu weit vom Rye entfernt sehen. Eine ganze Flasche in der Hausbar ist vielleicht zu viel des Guten. Aber vielleicht gelingt es euch ja den Bartender eures Vertrauens vom Kauf einer Flasche zu überzeugen (solange es diese in Deutschland gibt). Als Horizonterweiterungs- und Bildungsinvestition sozusagen. Eine Flasche Angel’s Envy Bourbon kann man jedoch bedenkenlos zuhause haben.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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