Michter’s – Die Rückkehr der Legende?

Kaum eine Whiskeymarke hat einen so großen Klang wie Michter’s. Die Familiengeschichte lässt sich bis 1753 zurückführen, als John Schenk, ein Schweizer Emigrant nahe Schaefferstown im Blue Valley in Pennsylvania eine kleine Destille baute, um den überschüssigen Roggen zu einem haltbareren Whiskey zu verarbeiten. George Washington soll hier seine Truppen mit Whiskey versorgt haben. Aber das Glück war nicht dauerhaft. Der Niedergang der später Bomberger und Michter’s genannten Destille begann mit der Schließung durch die Prohibition. Aber selbst nach deren Abschaffung war der Destille kein Glück verheißen. Nach mehreren Eigentümerwechseln und der Insolvenz des Unternehmens wurde die Destille schließlich 1989 geschlossen. Legendär geworden ist die Destillerie für eine 1974 im Auftrag eines Herrn Hirsch gemachten Bourbon, der 1990 abgefüllt wurde. A.H. Hirsch 16 ist einer der seltensten und meistgesuchtesten Bourbon der Welt. Lassen Sie mich es wissen, wenn Sie noch eine Flasche haben. Die Marke Michter’s hat jedoch überlebt. Sie befindet sich heute im Besitz von Chatham Imports. Abgefüllt wird das Produkt von Amerikas größtem Mysterium. Ich spreche nicht von der NSA. Sondern von Kentucky Bourbon Destillers (KBD) – einem Unternehmen dass nicht selbst destilliert, sondern Whiskey von Destillen kauft und abfüllt. Diese füllen auch die jetzt erhältlichen Michter’s Whiskey ab. Und es ist unschwer zu erkennen, dass schon vom Alter her die meisten nicht aus der alten Bomberger/Michter’s Destillerie stammen können. Aus der von Michter’s gegründeten Mikrodestillerie auch nicht, denn Kapazität und Lagerzeit sind nicht ausreichend. Aber woher dann? Und wie schmecken sie?

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Michter’s Small Batch Bourbon

In der Nase viel Honig und Karamell sowie Walnüsse. Immens viel Orange! Am Gaumen Honig, Karamell, Vanille und getrocknete Aprikosen. Mais und Eiche als Körper und Abgang. Ein toller Bourbon aber ziemlich süß.

Im New York Sour (6:3:2 mit Rioja)macht der Bourbon dennoch eine tolle Figur. Frisch und elegant und sehr erfrischend, dennoch kommt die Maisnote durch. In jedem Fall lohnt sich der Bourbon auch für den Old Fashioned mit wenig Zucker und etwas TBT Xocolatl Bitters und Fee Barrel Aged Bitters. Die Orangennote des Whiskey harmoniert großartig mit der Schokolade.

Michter’s Sour Mash Whiskey, 43%

Sour Mash? Ok aber ist das Bourbon oder Rye? Falsch gedacht! Zwar schmückt dieser Schriftzug heute viele Bourbon Whiskeys. Jedoch bezeichnet Sour Mash zunächst nur, dass der Rückstand eines Gärprozesses genutzt wird, um den nächsten Gärprozess in Gang zu bringen. Insbesondere sagt er nichts über die Mashbill. Der Michter’s Sour Mash Whiskey war in den 1970er und 80er Jahren der prominenteste Vertreter der Destille. Michter’s war Sour Mash. Die Mashbill hat weder 51% Mais noch Roggen, sondern besteht auch noch aus Gerste. Die genaue Mashbill ist nach unoffiziellen Angaben 50% Rye, 38% Mais und 12% Gerste. Also nur ein weiterer Rye mit andererem Label? Oder eine echte Nische, die so von den großen Herstellern nicht mehr besetzt wird? Wo steht so ein Whiskey geschmacklich?

Die Nase ist BUTTERWEICH.Vanille, Kirsche, Zimtschnecke (die, die man bei Starbucks bekommt) und Honig. Am Gaumen bleibt der bunte Strauß an reifen Früchten, Aprikose und die Vanille. Ganz viel Mandel-Butter-Streusel. Allerdings ist der Whiskey bei weitem nicht so süß wie der Bourbon. Vielmehr erinnert er am Gaumen an einen milden Blended Scotch. Very easy drinking. Ein guter Einstieg in die Whiskey-Welt. Und gleichzeitig etwas Neues für all diejenigen, die nur Bourbon und Rye kennen.

Der Sour Mash ist eine Herausforderung zum Mixen. Die Standards wie Sour und Old Fashioned funktionieren. Aber darüber hinaus? In den USA ist man weiter. Hier hat schon der eine oder andere findige Bartender zum Sour Mash gegriffen. Ein tolles Beispiel ist der Candlestick aus dem Park Tavern in San Francisco.

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Candlestick

  • 6 cl Michter’s Sour Mash Whiskey
  • 2,25 cl Cynar
  • 2, 25 cl Vermouth Bianco (z.B. Dolin, Vermouth del Professore, Belsazar, usw.)
  • 2 ds Orange Bitters

Hier grüßt in der Nase die Bitterkeit des Cynar. Der großartige Vermouth del Professore mit seiner Angostura-Note dominiert am Gaumen. Die Fruchtigkeit des Sour Mash macht diesen Cocktail besonders. Es ist kein Manhattan, es ist eher ein Boulevardier. Ein milder Boulevardier für den lauen Sommerabend.

Michter’s Single Barrel Rye – 10yo (L14B96), 46,4%

Zunächst ein Dämpfer. Die 2013er Releases der zehnjärigen Destillate waren außergewöhnlich. Beide Destillate waren wesentlich älter als auf der Flasche angegeben. Beim Rye wurden die Destillate von Sazerac 18 und Van Winkle 13 verwendet. Beim diesjährigen 10yo Bourbon wird gemunkelt, er stamme aus Beständen von Heaven Hill oder Brown Forman. In jedem Fall gibt es immense Geschmacksunterschiede zwischen den Abfüllungen. Was kann die Abfüllung von 2014?

In der Nase viel Holz und Roggenwürzigkeit, Ahorn-Süße und Zimt. Ein wenig Menthol. Am Gaumen hingegen viel Menthol, viel junges, grünes Holz. Pinienzapfen, etwas Grasigkeit. Aber nicht ganz so viel Komplexität, wie die Nase verspricht. Hier bin ich – im Gegensatz zu den Vorschusslorbeeren – vom diesjährigen Release nicht vollständig überzeugt. Meine Vermutung wäre es, einen LDI-Whiskey vor mir zu haben. Jedoch: Auf Nachfrage wurde mir mitgeteilt, dass die veröffentlichten Produkte aus einer Destille in Kentucky stammen – LDI produziert jedoch in Indiana. Die Herkunft bleibt ein Mysterium.

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Dieser Rye schreit geradezu nach Wermut. Und daher ist das Ergebnis ein Remember the Maine. Der Manhattan-Ableger mit dem zusätzlichen Hauch Kirschlikör (in meinem Fall der famose Luxardo Sangue Molacco) und Absinth schafft es, dem Rye die Fruchtigkeit zuzuführen, der dem reinen Destillat fehlt. Trotzdem: Der Rye setzt sich durch und kämpft sich am Gaumen durch den Wermut zu einem schier endlosen Abgang.

Michter’s – Legenden und Legendäres

Michter’s ist und bleibt eine Legende – und die hier getesteten Whiskeys konsequente Produkte deren Geschmacksprofil die Whiskey-Welt erweitern. Hier wird mit der charakteristischen Süße in den jüngeren Whiskeys eine Linie konsequent verfolgt. Diese Whiskeys machen Spaß, sind aber nicht hochkomplex. Der 10er-Rye kommt wohl nicht ganz an die alten Abfüllungen heran. Aber 10 Jahre alter Kentucky-Rye ist heute ein seltenes Gut. In den USA sind die älteren Qualitäten Gegenstand eines regelrechten Hypes.  Für Deutschland wollen der Hersteller und der Importeur, die in Deutschland einen zentralen Whiskey-Markt sehen, versuchen die Raritäten kontinuierlich auch in Deutschland verfügbar zu halten. Ob das wohl klappt? Halten sie in jedem Fall die Augen offen, insbesondere auch, falls sie den 20yo Bourbon und den 25yo Rye erblicken.

tikiwise

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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