Altväterlich

Deutscher Weinbrand

Deutscher Weinbrand ist Out. So Out sogar, dass selbst Asbach – Die Mutter aller deutschen Weinbrände – auf den Zusatz „Weinbrand“ auf seinen Flaschen verzichtet. Aber warum eigentlich? Schließlich war deutscher Weinbrand noch zu Zeiten der Bonner Republik, nicht nur im Mix mit Cola, in aller Munde.

Deutscher Cognac

Um die Geschichte des deutschen Weinbrandes besser zu verstehen, lohnt es, sich seine Entwicklung von Beginn an zu betrachten. Nach der ersten Erwähnung eines gebrannten Weines in einem deutschen Dokument aus dem Jahr 1321 wird es lange Zeit still um den damals meistens zu medizinischen Zwecken verwendeten Brand. Im Jahr 1588 gründete sich schließlich in Breslau die Berufszunft der deutschen Weinbrenner, die diesen vermutlich bereits als Genussmittel destillierten. Erst ab der Mitte des 19. Jhd. lassen sich jedoch detaillierte Aufzeichnungen über Weinbrand aus deutschen Landen finden. Die ersten ernstzunehmenden Erzeugnisse nannten sich, wie damals nahezu jeder Weinbrand weltweit, oft Cognac bzw. eingedeutscht Kognac. Dies hatten den simplen Grund, dass die Brände aus der Charente schon damals einen hervorragenden Ruf besaßen. Da die Bestände aus Frankreich allerdings wegen der Reblauskatastrophe immer knapper wurden, kam der Cognac aus der Mode und deutsche Unternehmer wollten sich erstmals namentlich absetzen. Aus diesem Grund ersann Hugo Asbach 1907 den Begriff „Weinbrand“, welcher sowohl den Rohstoff als auch die Art der Gewinnung aufzeigen sollte. Nicht alle Hersteller folgten jedoch seinem Beispiel und so gab es für einige Jahre ein ganzes Potpourri von Begriffen für deutschen Weinbrand, welches von „altem deutschem Cognac“ über „Weinbrand-Cognac“ bis eben „Weinbrand“ reichte. Dies änderte sich erst mit dem Versailler Vertrag, welcher den deutschen Hersteller verbat den Begriff  Cognac weiterhin zu verwenden. Die Bezeichnung Weinbrand setzte sich daraufhin durch und wurde schließlich 1930 in das deutsche Weingesetz aufgenommen.

Dujardin Weinbrand

Dujardin Weinbrand

Zu der damaligen Zeit gab es hunderte, meist regional verbreitete Weinbrenner die wesentlich dazu beitrugen, dass deutscher Weinbrand langsam aber stetig zur meistkonsumiertesten Spirituose das Landes aufstieg. Bedingt durch die Wirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg schrumpfte die angebotene Vielfalt jedoch merklich und die großen Weinbrennereien wie Dujardin, Asbach und ab den 50er Jahren auch Chantré griffen den Großteil der Marktanteile ab. Amüsanterweise bedienten sich die damaligen Werbekampagnen wieder Begriffen wie „Aus edlen Charente-Weinen gebrannt“ oder „In französischen Limousin-Eichenfässern gelagert“ und bescherten den deutschen Marken somit ein durchaus nobles Image. Wenn man seinen Gästen etwas Gutes gönnen wollte, so wurde oft ein Glas deutscher Weinbrand pur oder als Rüdesheimer Kaffee serviert. Auch bei der jüngeren Generation war Weinbrand deutscher Provenienz als Mischgetränk beliebt und durfte auf den meisten Partys nicht fehlen. Cognac spielte zu dieser Zeit keine große Rolle, galt er vielen Konsumenten doch als „Protz-Spirituose“ und als „Getränk für alte, impotente Herren mit Glatze und Zigarre“.

"Es lebe der echte Cognac"

„Es lebe der echte Cognac“

Dies gefiel den Franzosen naturgemäß gar nicht und sie begannen in den 60ern mit einem eigenen Werbefeldzug, der die Vorteile des „echten Cognacs“ vermitteln und diesen als „elegant, kultiviert, modern und dynamisch“ etablieren sollte. Dieses Vorhaben war von Erfolg gekrönt – Bereits im nächsten Jahr konnte Cognac ein Umsatzplus von knapp 40 % auf dem deutschen Markt verzeichnen. Deutscher Weinbrand verlor in den folgenden Jahrzehnten zunehmend an Boden, was durch Eigentümerwechsel und Fusionen der großen Häuser zusätzlich gefördert wurde. Auch wenn man versuchte diese Entwicklung z.B. durch eine Forcierung von Weinbrand als Mischgetränk noch zu stoppen, war es spätestens zur Jahrtausendwende soweit. Deutscher Weinbrand war außer Mode. Out.

Cocktails mit Asbach - © Asbach GmbH

Cocktails mit Asbach – © Asbach GmbH

Und nun knapp 15 Jahre später? Ist Weinbrand immer noch Asbach, was mittlerweile ein Synonym für (ur)alt geworden ist. Man sieht ihn noch vereinzelt auf Studentenpartys oder in Kneipen, aber in richtigen Bars steht er allerhöchstens noch in einer verstaubten Ecke des Backboards. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass man es in der Blütezeit verpasst hat hochwertige Produktionsstandards zu etablieren und fast ausschließlich auf Masse produziert hat. Vergleicht man die Regularien für Destillation und Lagerung, hat der große Konkurrent aus Frankreich klar die Nase vorn.

So darf das für Weinbrand verwendete Weindestillat etwa einen Alkoholgehalt von 86 % vol. aufweisen, während in der Charente nur bis zu 72 % vol. destilliert werden darf. Zusammen mit der vorgeschriebenen, althergebrachten Brennmethode in Charentaiser Brennblasen – in Deutschland sind auch kontinuierliche Kolonnenapparate erlaubt – gelangen so bereits früh mehr Aromastoffe in das Destillat. Bedenkt man dazu noch, dass viele deutsche Brenner ihre Trauben in den Cognac- oder Armagnacgebieten zukaufen, kann man sich weitere Gedanken zu der Qualität des Weindestillates machen. Es wäre schließlich verwundernswert, wenn die Franzosen die höherwertigen Trauben nicht für sich behalten würden. Es soll hierbei allerdings auch die Problematik beachtet werden, dass deutsche Weine hauptsächlich als charaktervolle Trinkweine ausgebaut und somit keine kontinuierlichen Mengen als Brennwein zur Verfügung stehen.

Weiter geht es mit der Lagerung. Während in der Charente eine Lagerung von mind. 24 Monaten in Barriques vorgeschrieben ist, dürfen die deutschen Destillate bereits nach zwölf Monaten in bis zu 1.000 Liter fassenden Fässern auf den Markt gebracht werden. Sie haben dadurch deutlich weniger Zeit und Oberfläche um die feinen Aromen aus dem Fass aufzunehmen. Diese zwölf Monate gelten allerdings nur für „Deutschen Weinbrand“ nicht aber für „Weinbrand“. „Weinbrand“ muss im Gegensatz zu dem mind. 38-prozentigem „Deutschen Weinbrand“ nur 36 % vol. aufweisen und auch nur 6 Monate im max. 1.000 Liter fassenden Fässern lagern. So zählen bspw. die Marken Chantré und Dujardin zu der Kategorie „Weinbrand“ und stehen somit qualitativ unter Erzeugnissen wie Asbach Uralt. Um die Verwirrung komplett zu machen, gibt es mit dem „Wilthener Goldkrone“ auch noch ein Destillat aus Wein mit nur 28 % vol., welches sich jedoch „Spirituosenspezialität“ nennen muss.

Regularien

Regularien

Der Punkt in den Regularien über den man sich wohl am meisten wundern muss, ist der Zusatz von sogenannten Typagestoffen. Dabei handelt es sich um kalte Auszüge aus grünen (unreifen) Walnüssen, Mandelschalen und getrockneten Pflaumen die die Produzenten dem Weinbrand zur „Abrundung der Geruchs- und Geschmacksmerkmale“ zufügen dürfen. Auch wenn sich diese Extrakte vermutlich positiv auf den Geschmack auswirken, so sei dahingestellt ob der Konsument diese wirklich im Glas haben möchte.

All dies schafft nicht gerade Vertrauen in das Produkt selbst und in dessen Qualität. Trotzdem muss deutscher Weinbrand nicht zwangsläufig schlecht sein. So gibt es ambitionierte Erzeuger wie bspw. Zilliken oder Peter Jakob Kühn, die aus traditionellen Rebsorten wie Riesling hochwertige deutsche Weinbrände herstellen. Auch früher gab es annehmbare Qualitäten wie ich kürzlich erfahren durfte, als ich mir eine Kiste „Kur Trier – Reiner Weinbrand“ aus den 30er Jahren zulegte.

Kur Trier - Reiner Weinbrand

Kur Trier – Reiner Weinbrand

Der Kur Trier ist ein „Deutscher Weinbrand“, der von der Fa. Schlichte hergestellt wurde, die hauptsächlich für Steinhäger bekannt war und heute in der Schwarze und Schlichte Markenvertrieb GmbH & Co. KG eingegliedert ist. An der Nase zeigt er eine weinige Fruchtigkeit, Noten von Orange und eine feine Süße. Auch am Gaumen zeigt sich die Süße, die deutlich kräftiger ist als bei modernen Abfüllungen. Desweiteren ist die Adstringenz merklich intensiver als bei heutigen Weinbränden, was vermutlich auf eine längere (3-5 Jahre?) Reife in (kleineren) Eichenholzfässern schließen lässt. Der Nachklang ist angenehm mild mit Noten von Nüssen, Vanille und viel Frucht. Kein Cognac, aber eben auch kein plumper Weinbrand wie man ihn kennt.

Die Hürde zur Mixspirituose hat er auf jeden Fall mit Bravour genommen. Aus diesem Grunde soll ihm auch die Ehre zuteilwerden, in einem der feinsten Drinks der Geschichte – Dem Old Fashioned – eingesetzt zu werden. Um den Cocktail allerdings von typischen Cognac-Drinks abzusetzen und den Gedanken von Hugo Asbach eines eigenständigen „Deutschen Weinbrandes“ aufzufassen, wurden für die  Zubereitung bewusst weitere typisch deutsche Zutaten verwendet.

Altväterlich (German Old Fashioned)

– 5 cl Kur Trier Reiner Weinbrand
– Kein Zucker (der Weinbrand bringt genug Zucker mit; bei anderen Marken evtl. mit Zucker arbeiten)
– 2-4 Tropfen Underberg
– Kartoffelzeste

Weinbrand und Underberg im Glas lange auf Eis rühren, Kartoffelzeste hinzufügen

Altväterlich

Altväterlich

Bedingt durch die fehlende Frische der Zitronenzeste, fühlt man sich bei diesem Drink nicht direkt in den Urlaub versetzt. Eher erinnert er an einen harten, knochigen Arbeitstag. Der Underberg ist vorsichtig zu dosieren, da er dem Drink schnell seiner Süße beraubt und einen starken Eigencharakter mitbringt. 2-4 Tropfen fügen sich allerdings sehr gut in das Gesamtbild ein. Der Drink sollte lange gerührt werden, da das zusätzliche Schmelzwasser ihn deutlich abrundet. Ein Drink zu dem eher eine Kippe, als eine gute Zigarre passt. Der sich also wegbewegt von dem „Getränk für alte, impotente Herren“ und der gut zeigt, dass deutscher Weinbrand auch als eigenständige Mixspirituose funktionieren kann.

Verwendet man an Stelle der Kartoffelzeste eine Zeste der Zitrone, so wird der Cocktail frischer und leichter. Er verliert allerdings sein Alleinstellungsmerkmal und wird zu einer niederwertigen Kopie des Old Fashioned mit Cognac. Genau dies ist vermutlich auch das Problem des deutschen Weinbrandes, der viel zu oft als billiger Cognac und nicht als Spirituose mit eigenem Stellenwert angesehen wird.

Wie aber kann man deutschen Weinbrand wieder attraktiv machen? Ein wichtiger Ansatz wäre sicherlich eine einheitliche Definition zu finden und den Konsumenten nicht durch Qualitätsabstufungen mit nahezu gleichem Namen zu verwirren. Schafft man hier Transparenz so ist es vermutlich auch möglich den Käufern qualitativ und preislich höherwertige Weinbrände im größeren Umfang schmackhaft zu machen. Ob es dafür allerdings nicht schon zu spät ist, sei dahingestellt. Stand heute sieht es so aus, dass die Deutschen das verpasst haben, was den Japaner mit ihrem Whisky gelungen ist. Eine Kopie mit Alleinstellungsmerkmal zu schaffen. Schade, denn das Potential dazu hätte der Deutsche Weinbrand allemal.

Robin Stein

Robin Stein, Jahrgang 1987, ist studierter Lebensmitteltechnologe und der Jüngste im Team. Sein Weg führte ihm nach dem Abitur 2006 über ein viermonatiges Praktikum in Pusser’s New York Bar in München nach Bergisch-Gladbach, wo er eine Ausbildung als Hotelfachmann im Schlosshotel Lerbach absolvierte. Seine persönlichen Honigfallen sind Champagner, Obstbrände, Wein und Whisk(e)y.

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