Tanqueray Old Tom Gin – der richtige Gin zur richtigen Zeit

Dass der Gin-Markt sich langsam heißläuft, ist mittlerweile wohl als Binsenweisheit zu bezeichnen. Nur noch wenige Produkte ermöglichen den Quantensprung an Qualität und Einsetzbarkeit, wie es Hendrick’s oder Monkey 47 bei ihrem Erscheinen schafften. Statt dessen versuchen Gin-Produzenten ihre Nische zu finden: mit Regionalisierung, ungewöhnlichen Botanicals, Fasslagerung oder innovativen Verpackungskonzepten.

Tanqueray Old Tom Gin ist nicht der erste Old Tom Gin auf dem Markt. Dafür gibt es mit Hayman’s, Ransom und unlängst Old English Gin bereits einige Alternativen, die durchaus passabel sind. Auch besetzt Tanqueray Old Tom keine Nische. Weder versucht Tanqueray seine Herkunft von einem Großunternehmen zu verstecken – die typische Shaker-Form ist offensichtlich – noch ist man sonst besonders kreativ. Vielmehr besinnt man sich auf ein altes Rezept aus den 1830ern und bedient sich eines Labels von 1921. Außerdem: Wer das Logo genau beobachtet entdeckt eine Ananas mit zwei gekreuzten Hellebarden. Dies ist keineswegs zufällig. Die Ananas ist das Wappen der Familie Tanqueray seit 1838. Die Ananas war damals Sinnbild der Gastfreundschaft und des Reichtums, schließlich waren sie schwer erhältlich, teuer und kaum alleine zu verzehren.

Old_TomÜber Ananas wurde aber auch in einem anderen Zusammenhang geschrieben: So wurde Ananas-Extrakt als süßende Zutat ausgemacht. Dies ist falsch. Der Tanqueray Old Tom Gin enthält KEIN Ananasextrakt, wie auch der Globale Markenbotschafter Angus Winchester bestätigt! Hier scheint man bei Diageo Deutschland mit der Bedeutung des Familienwappens ein wenig verrutscht zu sein. Oder war es doch der freudsche Wunsch nach dem Alleinstellungsmerkmal? Tanqueray Old Tom Gin enthält daher die gleichen vier Botanicals wie der normale Tanqueray London Dry Gin. Wacholder, Koriander, Angelikawurzel und Lakritz, in der Old Tom No. 4 Kupferbrennblase das zweite Mal destilliert. Allerdings wird der Old Tom Gin mit Zuckerrübensirup leicht gesüßt – und die Menge der Botanicals variiert.

In der Nase zunächst ausgewogene Wacholdertöne und Koriander. Am Gaumen süß und vollmundig, keine brachiale Wacholderfrucht, etwas Limette und Süßholzwurzel. Überhaupt nicht scharf, aber man hat auch nicht das Gefühl, die Süße überdeckt zuviel an Aromatik.

Ausgemixt haben wir ihn im Martinez und im Casino Cocktail. In beiden Cocktails macht er eine hervorragende Figur. Der Martinez mit Carpano Antica Formula ist großartig. Er behält die milde Süße des Wermuts, aber auch der Old Tom Gin versteckt sich nicht. Im Casino Cocktail eine nahezu perfekte Süß-Sauer-Balance in einem Drink mit Martinicharakter. Vollkommen zurecht hat die Mixology diesen vergessenen Klassiker wiederbelebt.

Ein gutes Produkt fühlt sich an, als wäre es schon immer da. Und ist nicht mehr wegzudenken. So geht es mir mit Tanqueray Old Tom Gin. Wenn der letztjährige Malacca noch die Hype-Welle ritt und die exorbitanten Preissteigerungen nicht wert war, dann ist dieser Gin das richtige Produkt, um dem derzeitigen Gin-Hype etwas entgegenzusetzen. Für mich ist dieser Old Tom Gin die logische Folge aus den Bemühungen der letzten Jahre, einen authentischen Old Tom Gin herzustellen, der auch noch schmeckt. Und er beweist, dass es möglich ist, ohne extravagante Botanicals und zu einem vernünftigen Preis (welcher neu erscheinende Gin kostet noch ca. 18€/0,5l?) ein Produkt mit Mehrwert zu schaffen. Der richtige Gin – zum richtigen Zeitpunkt. Übrigens, die Preise steigen auch hier. Ich tippe: Dieses Mal nachhaltig.

tikiwise

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

Edinburgh National Gallery of Modern Art

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