„Authentisch“ statt „Craft“ – Gin Sul & Ruby Sul

Vor einiger Zeit schrieb ich über Craft bei American Whiskey – und über die Sinnlosigkeit des Begriffs bei der Bestimmung der Qualität. Gleichzeitig befinden wir uns in Zeiten der großen Gin-Welle. Auch das ist keine bahnbrechende Neuigkeit. Vielmehr sollte man sich fragen: Wie wählt man unter all den Neuerscheinungen und Nischenprodukten ein Produkt aus, das auch mittelfristig überzeugt? Das den Hype übersteht und einen echten Mehrwert bietet?

Die Geschichte von Gin Sul

Gin Sul

Wie es der Zufall will beobachten wir schon seit einiger Zeit Gin Sul. Die kleine Altonaer bzw. Bahrenfelder Destillerie lud uns bereits in den ersten Wochen seines Bestehens ein und stellte sich und ihr Destillat – Gin Sul – vor. Ein Gin, destilliert unter anderem mit Zitrone, Koriander, Rosmarin, Lavendel und Lackzistrose, einem immergrünen Gewächs aus dem Mittelmeerraum, das das Harz Ladanum produziert. Die Geschmackskomponenten sind klar erkennbar und die würzige, harzige, dunkle Note mag nicht jedem liegen. Sie geben aber dem Wacholder und dem Zitrus einen gemeinsamen Gegenspieler. Ein überaus komplexes Produkt.

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Abgefüllt in weiße Tonflaschen eroberte der Gin die Herzen der Hamburger Bartender und der Medien. Auch wir waren begeistert – doch irgendwie schaffte es zeitlich keiner von uns, etwas zu schreiben.

In der Zwischenzeit passierte einiges und Gin Sul wurde über Hamburgs Stadtgrenzen hinaus bekannt. Ein bisschen ärgert es mich ja schon, dass man die Chance verpasst hat, früher zu schreiben, was hier in der Flasche steckt. Aber manchmal erhält man eine zweite Chance. Kürzlich waren wir erneut bei Inhaber Stephan Garbe und Gin Sul. Es wurde der neue, auf 1000 Flaschen limitierte, Ruby Sul präsentiert. Präzise gesprochen handelt es sich dabei um einen „Ruby Port Barrel aged Dry Gin“. Da das aber niemand aussprechen möchte, entschied man sich für „Ruby Sul“ – gleichzeitig Namensgeberin für die rothaarige Dame, die sich sehr kunstvoll auf den Flaschen räkelt.

Ruby Sul aka „Ruby Port Barrel aged Dry Gin“

Zur Herstellung des Ruby wurde Gin Sul einige Monate in einem Ruby Port Fass gelagert, in dem 13 Jahre lang Portwein gelagert wurde. Genau genommen wies das Ausgangsdestillat mehr Zitrusaromen auf und war hochprozentiger – beides sollte dafür sorgen, dass sich die Fassaromen und der Gin optimal verbinden. Grundsätzlich bin ich skeptisch, was Fasslagerung bei Gin angeht. Zu schnell geht die Frische verloren und man hat den Eindruck, man trinkt Genever. Der Ruby Sul hingegen umschifft diese Klippen: Die Zitrustöne erhalten die Frische des Gins und die Portweintöne runden den scharfen Wacholder etwas ab.

Stolz hingegen ist der Preis. 60 EUR für 0,5l. Damit kommt man nahe an die Preise, die für den Monkey 47 Destillers Cut aufgerufen werden. Für einen Gin Tonic dürften hier Schmerzgrenzen überschritten sein. Vielleicht eher ein Produkt für einen edlen Martini Cocktail oder Martinez im 15 Euro-Segment.

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Gin Sul ist ein „authentischer“ Gin

Gin Sul macht meiner Meinung nach sehr viel richtig. Aber warum? Es mag daran liegen, dass wir in Hamburg wohnen oder dass wir die Person hinter dem Produkt kennenlernen durften. Doch das ist nicht alles. Auch kann man es nicht alleine damit erklären, dass Gin Sul gut schmeckt und eine schöne Verpackung hat. Vielmehr erzählt Gin Sul eine Geschichte, die schlicht glaubhaft ist. Mehr als nur eine Reminiszenz an eine bestimmte Region oder den Herstellungsprozess, sondern eine Genuss-Idee. Ein Lebensgefühl. Etwas, dass ein Bartender dem Gast vermitteln kann und universell ist. Die Idee, Genuss und Portugal zu kombinieren ist für dieses Produkt und seine Macher schlicht und ergreifend authentisch. Es mag sein, dass man bei Gin Sul auch besonders gut darin ist, diese Idee zu kommunizieren. Dennoch – es ist diese Form der authentischen Idee, die man suchen sollte, wenn man in der aktuellen Gin-Welle die Produkte erkennen will, die bleiben werden. Und nicht die Frage ob ein Gin „Craft“ ist.

Es gilt unser Disclaimer: Wir schreiben nur über das, was wir mögen! Trinklaune.de hat für die Verkostung Produktproben erhalten. Daran geknüpft war weder die Verpflichtung zur Berichterstattung noch eine Einflussnahme auf den Inhalt des Artikels.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

Bérèche Les Beaux Regards

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