Gin zwischen Heimat, Klassenkampf und Kartoffelbefehl

Gin ist die Suche nach Authentizität

Gin ist soziale Distinktion

Gin ist vom Mainstream missverstanden

Gin zwischen Verpackung und Inhalt

Windspiel Premium Dry Gin

Ich stöhne etwas auf, wenn wir bei unseren gemeinsamen Redaktionstreffen Gin testen wollen. Innerlich selbstverständlich, schließlich bleibt man Hanseat. Nicht, weil wir Trinklaunigen uns so sehr in die Haare bekommen würden, wenn es um Luftblasen im Tonic und die Zusammensetzung des Zestenbaukasten geht. Sondern weil es zunehmend schwieriger wird, die Balance zwischen dem zu finden, was die Hersteller uns glauben lassen wollen, was ihr Gin bedeutet, und dem tatsächlichen Produkt. Ich halte einerseits wenig davon, zu schreiben. „Der Gin schmeckt nach Wacholder und Zitrone. 8 Punkte“ Gleichzeitig hilft es auch wenig, Verstärker für die teilweise schon ungewollt komischen Marketinggeschichten zu sein. Wir stehen zwischen Verpackung und Inhalt.

Verpackung: Zwischen Heimat und Klassenkampf

Beide Produkte, die wir getestet haben, besitzen wieder das gleiche Leitmotiv. Heimat. Die alkoholischen Patrioten lauten O49 Organic Gin aus Osnabrück und Windspiel Premium Dry Gin aus der Eifel. Letzterer bringt noch sein eigenes Tonic mit. Doch auch wenn beide die gleiche Klaviatur bespielen, klingt das Ergebnis doch ziemlich unterschiedlich.

Auftritt Windspiel Premium Dry Gin. Edle schwarze Flasche, goldenes Glöckchen, goldener Ring, der die schwere Verschlusskappe fixiert. Soweit, so Premium. Und was erreicht man, wenn man Premium und die gute alte Zeit kombiniert? Selbstverständlich den deutschen Hochadel. Und so stützt sich der Windspiel Gin auf niemand anderen als auf Friedrich den Großen, der mit seinem Kartoffelbefehl die Knolle bei uns bekannt machte. Schließlich ist Windspiel Premium Dry Gin aus Kartoffeln gebrannt. Und die namensgebenden Hunde waren die Leidenschaft des alten Fritz. Neben Gin natürlich. Äääh, nein das nicht. Es wäre dann wohl auch zuviel des Guten.

Boden...

Boden…

...und Bewuchs

…und Bewuchs (für dieses Bild wurde kam kein einziger Waldmeister zu Schaden)

Ebenfalls heimat- und erdverbunden präsentiert sich O49 Gin. Das O steht für Organic oder Osnabrück. Die 49 für die Postleitzahl von Georgsmarienhütte, woher der Gin genau kommt. Oder die Volumenzahl. Der O49 operiert mit mächtigen 49%. Soviel Zahlensymbolik würde jedem Dan-Brown-Roman alle Ehre machen. Der Boden der Flasche ist grün. Er symbolisiert sicherlich auch die vom Hersteller gepriesene Heide, die Bodenständigkeit der Leute und den westfälischen Salbei. Zudem ist alles Bio (Organic). Das setzt sich auch im weiteren Auftritt fort. Das kleine Booklet ist mit einem Haushaltsgummi angebracht, das Etikett nicht auf Hochglanz poliert. Bodenständig. Ich stelle beide Flaschen nebeneinander und denke: Karl Marx hätte seine wahre Freude.

Inhalt: Pur und im Tonic

Der O49er feuert seine volle Breite bereits im Geruch ab. Schwer und eine Cremigkeit suggerierend, würzig, aber nicht besonders frisch. Mir fehlen die Zitrusnoten. Unser Ginthusiast Oliver widerspricht, dass dies für einen Gin nötig sei. Der Geschmackseindruck setzt sich am Gaumen fort. Viel Druck und Kraft, cremig, ölig. Lakritz und Vanille. Salbei und Lavendel sind erkennbar, aber nicht dominant. Im Abgang bleiben die Kräuter präsent. Salbei und ätherische Öle. Im Gin Tonic schnitt Schweppes Dry am schlechtesten ab. Fever Tree machte einen ordentlichen Job. Richtig gut gefiel uns aber die Kombination mit Fever Tree Elderflower, der aus dem Gin Tonic einen richtigen Kräutergarten machte, wenn auch etwas Süße hinzukam. Für unseren Ginthusiasten war schnell ein Negroni (4:3:3 mit Gran Lusso) gerührt. Nach seiner Aussage ein Gin, perfekt für einen Negroni im Winter.

O49 Organic Gin

Windspiel bleibt zurückhaltender. Florale Noten von Veilchen und Lavendel, Koriander, Wacholder. Allerdings erschien uns die Zitrusnote nicht vollends eingebettet. Mehr Zitronengras als Zitrusfrucht. Das Zitronengras bleibt auch am Gaumen lange dominant. Die Gin-Tonic-Probe überzeugt uns  nur teilweise. Insbesondere mit dem hauseigenen Windspiel Tonic bleibt der Gin zu blass. Fever Tree schafft eine zu süße Gesamtmischung. Das beste Ergebnis haben wir mit Schweppes Dry erhalten, der die Aromen mehr herauskitzeln kann. Ein solider Gin, der aber hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Was also ist Gin?

Immer noch eine äußerst lebendige Produktkategorie mit einer großen Bandbreite an Geschmäckern. Eine, in der man viel probieren und sich auf Überraschungen gefasst machen muss. Und egal ob man es nun Bildungstrinken, Distinktion oder Heimatverbundenheit nennt. Gin bleibt eine glasklare Projektionsfläche für all die Geschichten und Gefühle, die aus einem Wacholderschnaps ein Trinkerlebnis machen.

Es gilt unser Disclaimer: Wir schreiben nur über das, was wir mögen! Trinklaune.de hat für die Verkostung Produktproben erhalten. Daran geknüpft war weder die Verpflichtung zur Berichterstattung noch eine Einflussnahme auf den Inhalt des Artikels.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

Spring Old Fashioned

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