Clairin Casimir, Vaval und Sajous

Ein Trip in die Karibik: Clairin, die Charakterfresse.

Wohin ist das Aroma verschwunden? So viele Spirituosen sind gut und gefällig. Sie sind nett, tun niemandem weh und haben darum viele Freunde. Gerade im Hinblick auf hohen Zuckergehalt kennt man das vom Rum.

Ich bin völlig überzeut: Wir brauchen mehr Charakterfressen.

Spirituosen, die nicht im Dreiteiler daherkommen, sondern im Hoody. Die nicht leise sind, sondern laut. Die nicht gefällig sind, sondern dem geneigten Trinker über die Zunge rennen wie eine Stampede. BAMM!

Beim geschätzten Kollegen Sven Körper vom What a drink! Blog bin ich über ein solches Produkt gestolpert: Clairin. Ein Rhum Agricole von Haiti, aus Kleinbetrieben, die sehr ursprünglich arbeiten. Einen sehr schönen Eindruck kann man sich mittels dieses äußerst sympathischen Videos machen:

Alle reden über Heimat, Herkunft, Regionalität und Verbundenheit. Clairin geht gar nicht anders. Daraus folgt leider, dass man Clairin hier kaum kennt. Aber über Velier eingeschleppt und in Deutschland über Kirsch Whisky zu beziehen, erreichen drei Clairins mittlerweile Mitteleuropa.

Großartig daran: Diese Brände sind wirklich ziemlich authentische Produkte. Nicht perfekt sauber gebrannt, von Batch zu Batch sicher mit Unterschieden behaftet, spontanvergoren. Auf den Labels findet man Informationen über den jeweiligen Hersteller, dessen Name auch direkt die jeweilige Abfüllung ziert. Ebenso gibt es Interessantes über die jeweilige Zuckerrohrsorte und die Ernte zu lesen – Transparenz pur. Dazu kommt die äußerst gelungene Optik von Flaschen und Kartons. Aber dies sind am Ende des Tages (erfreuliche) Nebensächlichkeiten.

Die drei Brände liegen alle zwischen 52,5 und 54 % Vol. Alkohol. Eine solide Ansage, die zeigt, wohin die Reise geht. In diesem Sinne: Ab in die Karibik! Jetzt pur, im nächsten Beitrag dann im Mix.

Clairin Casimir, Vaval und Sajous

Clairin Casimir, Vaval und Sajous

Clairin Casimir (54%)

Nase:
Agricole-Töne, kombiniert mit Hochester-Aromen. Banane und Vanille, ein Hauch Jamaika. Klebstoff und Kräuter, Oregano, Lakritz und verdammt viel Kraft.
Gaumen:
Dreckig und brachial! Ganz sicher nichts für Anfänger, Zuckerrohrsaft, grasig und rauchig. Papaya, reifes Obst, Pilze. Sehr mundfüllend und präsent.
Abgang:
Bleibt lang und dreckig.

Genau so etwas habe ich mir gewünscht! Erinnert mich an einen Hybrid aus Mezcal, Rum Fire und Agricole Blanc. Sehr spannend, mit präsentem Rauchton, der mir nicht zusagt, dem mittrinkenden Kollegen Klingenbrunn hingegen umso mehr gefällt.

Clairin Vaval (52,5%)

Nase:
Noch mehr Vanille, grün und grasig, weicher als der Casimir. Trotzdem nach wie vor ein Kraftpaket – es geht ja um Clairin. Hier sticht der Agricole-Charakter, wie man ihn kennt, etwas mehr durch.
Gaumen:
In sich runder und ruhiger, wieder äußerst mundfüllend, aber etwas strukturierter und sauberer als der Casimir. Weißer Pfeffer in Mengen, etwas Süßholz mit dezenter Süße.
Abgang:
Zuckerrohrsaft, grüne Töne.

Der Vaval bietet etwas weniger Breite, dafür aber mehr Tiefe, ist etwas geschliffener und harmonisch. Weder besser noch schlechter, sondern eine andere Spielart.

Clairin Sajous (53,5%)

Nase:
Ganz viel Banane, wie Wray and Nephews White Overproof, erneut die elegant-grüne grasige Note.
Gaumen:
Am wenigsten forsch. Ein mediterraner Aromenkorb: Artischocke, Kräuter, Aubergine, Zucchini. Generell gemüsige Töne, gepaart mit einem sehr leichten Rauchton. Sehr spannend und ausgeformt, erstaunlich sanft, den 53,5 % Vol. zum Trotz.
Abgang:
Geprägt von einer Zuckerrohr-Süße und karibischer Sonne.

Ich muss es zugeben – der Sajous ist mein Favorit. Immer wieder offenbaren sich neue Geschmäcker, das Destillat ist äußerst vielschichtig und fordert. Der Gaumen wird mit unbekannten und ungewöhnlichen Aromen geflutet. Ich möchte genau – jetzt – nach Haiti. In den Sonnenuntergang blicken, ein Glas Clairin trinken, die Seele baumeln lassen.

Ihr sucht Authentizität? Ich habe eine gute Nachricht: Hier ist sie. Die Suche hat ein Ende. Clairin ist pur und unverfälscht. Dies ist nicht die Hochglanzkaribik. Die mit den Bettenburgen und den Stränden. Es sind eher die bunten Hütten, die auf dem Label des Sajous inmitten von Zuckerrohrfeldern stehen, die von der Bevölkerung bearbeitet werden.
Clairin erinnert mich an Mezcal. Kleine, handwerkliche und ursprüngliche Produktion. Ein Produkt, dass vor Ort gemacht und konsumiert wird.

Handwerk.

Großartig.

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

Clairin Negroni

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