Rendezvous mit einem Klassiker – Dom Pérignon 2005

Wie wird man zu einem Klassiker?

Um diese Frage zu beantworten, muss man prüfen, was einen Klassiker überhaupt ausmacht.

Anlaufpunkt 1: Wikipedia. Hier wird der Klassiker folgendermaßen definiert:

Als „klassisch“ im allgemeinen sprachlichen Sinne wird etwas bezeichnet, das typische Merkmale in einer als allgemeingültig akzeptierten Reinform in sich vereint und mithin als formvollendet und harmonisch gilt.

Der Duden schreibt:

(in Bezug auf Aussehen oder Formen) in [althergebrachter] mustergültiger Weise [ausgeführt], vollendet, zeitlos

sowie

herkömmlich, in bestimmter Weise traditionell festgelegt und so als Maßstab geltend

So weit, so gut. Der Klassiker ist ein Vorbild. Er ist prototypisch, vollendet und als herausragender Vertreter seiner Kategorie akzeptiert. Er ist mitunter althergebracht oder zeitlos – ex negativo grenzt er sich von der Mode ab. Der Klassiker unterwirft sich keinen Trends und keinem Zeitgeist, er überstrahlt diese.

Was braucht es also, um zum Klassiker zu werden oder einer zu sein? Im Bereich Champagner kann man dies heute vielleicht besser als je zuvor beantworten, da es so viele junge aufstrebende Winzer gibt, die Champagner anders denken und dementsprechend auch anders produzieren. Folgt man der Definition ex negativo, schlägt auf der Seite der Klassiker also der Verzicht auf Einzellagen, einzelne Rebsorten, kleine Chargen und geringe Dosage zu Buche. Zwei weitere Kennzeichen – einzelne Jahrgänge und lange Hefelager – gibt es schon lange. Hier finden wir eine Überschneidung beider Stile, denn hier dreht es sich um Qualität, die immer das Ziel beider Wege ist.

Dom Perignon 2005

Folgt man dieser Definition, gäbe es in der Champagne Klassiker wie Sand am Meer. Doch dem ist keineswegs so – die paar Granden lassen sich an einer Hand abzählen. Herausragendster Vertreter dieses illustren Zirkels ist unangefochten Dom Pérignon. Eine der traditionsreichsten Personen in der Geschichte der Champagne als Namensgeber. Die ikonengleiche und vermutlich berühmteste Weinflasche der Welt. Das charakteristische Etikett, eine Schrift mit immensem Wiedererkennungswert. All das gehört zur Marke. Aber der Kern liegt im Symbolischen. Was bedeutet dieser Kultchampagner? Wohlstand? Luxus? Tradition? Die Tradition gehört zum Klassiker. Ohne sie gibt es keinen Rückbezug, keine Stabilität. Die Menschen, die Dom Pérignon trinken, schreiben ihm am Ende seine Bedeutung zu – und festigen den Status des Klassikers. Die Gesellschaft neigt dazu, sich zu reproduzieren.

Wie schmeckt der Klassiker heute? Gerade hat der neue Jahrgang 2005 den Markt erreicht. 2005 war kein einfaches Jahr in der Champagne und glaubt man den Gerüchten (offizielle Zahlen gibt es keine), ist die Anzahl der produzierten Flaschen deutlich geringer als in anderen Jahren.

Mit harten Fakten muss man sich nicht lange aufhalten, doch der Chardonnay-Anteil am Dom Pérignon 2005 ist mit 60 % (gegenüber 40 % Pinot Noir) recht hoch. Der Champagner wurde im Januar 2014 degorgiert, konnte also bis zur Freigabe erfreulich lange ruhen. Getrunken aus dem Zalto Süßwein- und Burgunderglas.

Nase:
Hefe und Brioche, gefolgt von (immer stärker werdenden) Rösttönen. Kaffee ohne Ende, toastig, sehr voll und einladend. Eine schöne Cremigkeit, viel Vanille, keine Frucht. Eine ganz typische Dom Pérignon-Nase, absolut einladend und zum Versinken.

Gaumen:
Auch hier bemerkt kam sofort: kaum Frucht, was den Wein schlank macht. Dafür Vanille, erneut viel Kaffee und kräftige Rösttöne. Insgesamt ein recht schlanker Körper, zu dem mir eine etwas geringere Dosage noch besser gefallen hätte, da die Säure nicht zu stark ausgeprägt ist und sich erst im Abgang wirklich bemerkbar macht. Die Kohlensäure ist kräftig, sodass der Champagner auch problemlos im Burgunderglas funktioniert. Hier erscheint er noch etwas harmonischer und mineralischer, die Rösttöne sind nach wie vor sehr präsent und charakteristisch. Der Süße zum Trotz ist der Dom nicht schwer oder behäbig, sondern einladend und charmant. Mit mehr Zeit und im größeren Glas wird die mineralische Seite mit Tönen nasser Kreide prägnanter.

Abgang:
Erst hier bemerkt man die Säure, die den Abgang fein und leicht macht. Vanille bleibt präsent.

So schmeckt also ein Klassiker. Und ich kann verstehen, warum er einer werden konnte.
Charakteristisch, aber nicht polarisierend.
Elegant, aber nicht puristisch.
Cremig, aber nicht langweilig.

Der 2005er Dom Pérignon ist ein typischer Vertreter dieses Weins. Wahrscheinlich kein Langstreckenläufer für die nächsten 20 Jahre, dafür fehlt ihm ein stärkeres Säuregerüst. Für den Konsum ab jetzt ist der Champagner aber wunderbar geeignet und macht eine richtig gute Figur und schmeckt – noch einmal auf die Klassiker zurückkommend – irgendwie zeitlos.

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Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

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