Mellow Corn – Kein Craft. Sondern Kraft.

Stellen sie sich einen Buchhandel vor. Direkt wenn sie hereinkommen befindet sich das Regal mit den Bestsellern. Wenn sie daran vorbeigehen, in die etwas leereren Ecken, finden sie die Regale mit den Klassikern. Etwas eingestaubt vielleicht, aber vom Inhalt gut wie eh und je. Und dann gibt es noch jene Ecke, die etwas versteckt liegt, etwas weniger ausgeleuchtet ist, wo die Bücher stehen, mit denen man nicht so angibt, wenn man sie kauft. Die etwas sentimentalen Liebesromane, die kitschigen Arzt- und Heimatromane. Wären sie nun in keinem Buchhandel, sondern einem Schnapsladen, dann würden sie wahrscheinlich in dieser Ecke eine Flasche mit kanariengelbem, etwas trashigem Etikett und Plastikdrehverschluss finden.

Es handelt sich hierbei um Mellow Corn, einen Straight Corn Whiskey aus dem Hause Heaven Hill. Ein Produkt, dessen jüngster Erfolg sich jeder Marketinglogik entzieht. Kein großes Werbebudget, kein Craft. Das Etikett ist seit den 1940er Jahren unverändert. Eigentlich kann man das nicht verkaufen. Und dennoch: Bartender wie etwa aus dem Trick Dog in San Francisco schwärmen von „ihrem kleinen Geheimnis“, das man lieber unter dem Tresen als im Backbord aufbewahrt. Für die richtigen Gäste. Seit 2000 ist der Absatz um 46,5% gestiegen, seit 2010 wurden 20 neue nationale Märkte in den USA erschlossen, so Heaven Hill. Und Deutschland? Man arbeite an einer baldmöglichen Markteinführung, wohl schon im Sommer, erklärt der Importeur von Heaven Hill. Bis dahin muss man auf Grauimporte zurückgreifen, die aber ganz vernünftig erhältlich sind.

Mellow Corn ist kein Bourbon, obwohl er etwas über 4 Jahre in Eichenfässern gelagert wurde und 90% Mais in der Mashbill hat. Denn die Eichenfässer sind gebraucht. So wurde Whiskey Anfang des 19. Jahrhunderts hergestellt, als die Fasslagerung noch hauptsächlich zum Transport ungelagerten Maisbrands diente und die Fässer daher mehrfach genutzt wurden. Irgendwann entdeckte man, dass das Fass positive Auswirkungen auf den Geschmack hatte und begann den Whiskey immer länger zu lagern. True Story!

Nun zum Getränk. Abgefüllt mit kräftigen 50% unter Regierungsaufsicht (und damit Bottled in Bond). Der Whiskey ist für sein Alter sehr hell, eher einem Chardonnay zuzuordnen. In der Nase Mais, Gewürze und Apfelsaft. Am Gaumen offenbart sich richtig Power. Eine Menge Mais, gesüßtes Popcorn, aber auch ein klein wenig Zimt und Karamel. Viel schwarzer Pfeffer. Besonders komplex ist der Kollege nicht. Aber es offenbart sich viel Kraft. Und: das Produkt ist nicht sprittig. Der Abgang bleibt kurz und leicht vanillig.

Mellow Corn

Joe Buck

Wie vermixt man nun Corn Whiskey. Generell überall da, wo Bourbon Whiskey und Säure kombiniert werden. Ein Whiskey Sour (6:3:2) ist schnell gemacht. Heller als üblich, und süßer. Frischer, sommerlicher. Daiquiri-ähnlich. Und natürlich wäre da auch noch etwas von den Leuten, die so begeistert vom Corn Whiskey sind.

Joe Buck (Midnight Cowboy, Austin TX)

  • 4,5 cl Mellow Corn
  • 1,5 cl Zitronensaft
  • 1,5 cl Honig-Senf-Sirup (60ml Honig, 1 gehäufter Esslöffel Dijon Senf, 1 Messerspitze Pimento de la Vera und 15ml heißes Wasser vermischen)
  • Ginger Beer

Auf Eiswürfeln den Whiskey, Zitronensaft und den Sirup shaken, in ein Longdrinkglas (oder Kupferbecher) auf frische Eiswürfeln (oder Crushed Ice) abgießen. Mit Ginger Beer auffüllen und leicht umrühren.

Das Ergebnis ist ein frischer Cocktail mit ordentlich Würze und einer Honigsüße, die das Maisaroma noch weiter unterstützt. Perfekt für ein Barbecue. Mit Cowboyhut. Und Sonnenuntergang. Bisschen triviale Lektüre? Manchmal muss es das sein. Und schließlich: Mellow Corn ist kein Craft. Sondern Kraft!

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tikiwise

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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