Canadian Whisky – Mythos und Moderne – Teil 1

Es gibt diese wundervoll einprägsame Szene in „Die Unbestechlichen“, in der Kevin Costner an der kanadischen Grenze eine ganze Wagenladung Whisky für Al Capone stoppt. Solche Filme, kombiniert mit der plausibel klingenden Geschichte, dass der Manhattan aufgrund der Prohibition nicht mehr mit American Rye, sondern mit Canadian Club gemixt wurde, sind Grundlage für den Mythos, die Prohibition hätte den Canadian Whisky stark gemacht.

Zerstörter Alkohol am Elk Lake, Ontario, ca. 1925

Zerstörter Alkohol am Elk Lake, Ontario, ca. 1925

Tatsächlich ist die Geschichte des Canadian Whisky eine ganz andere: Große Bedeutung erlangten die USA als Absatzmarkt erstmal während und nach dem Sezessionskrieg (1861-1865), da der Krieg viele Destillen in den USA zerstörte oder das Personal fehlte. Alkohol wurde aber dringend als Anästhetikum gebraucht, sodass man bei den nördlichen Nachbarn kaufte(1). Die Geschichte des kanadischen Whiskys in den USA ist also viel älter.

Organisierte Schmuggelgeschäfte während der Prohibition (1920-1933) durch kanadische Destillen sind nur in geringem Umfang belegt: Hiram Walker, deren Destille direkt auf der kanadischen Seite des Detroit River lag, war prädestiniert für den Alkoholschmuggel und mischte zu einem gewissen Grad mit(1). Im gleichen „Export-Geschäft“ betätigte sich auch Seagram’s. War dies am Anfang noch ein gutes Geschäft, wurde es ab 1930 zunehmend schwieriger, die illegalen Aktivitäten fortzuführen. Gründer Samuel Bronfman musste sich zudem 1933 vor Gericht verantworten, ein Nachweis gelang den Strafverfolgungsbehörden aber nicht(4). Die erfolgreichen Schmuggelaktivitäten von Seagram’s und Hiram Walker waren jedoch die Ausnahme, insgesamt war die Zeit der Prohibition für die kanadischen Destillen keine gute. Die durstigen Amerikaner hatten sich in großem Umfang irischem oder schottischem Whisky zugewandt(2). Der große Börsencrash von 1929 tat sein übriges. Die kanadischen Destillen litten  finanziell unter der fehlenden Nachfrage. Deren Siechtum konnte daher der Industrielle Harry C. Hatch nutzen: In nur zehn Jahren während und kurz nach der Prohibition kaufte er vier der fünf größten kanadischen Destillen: Wiser’s, Corby, Hiram Walker und Gooderham & Worts(2,3). Dennoch ging Gooderham & Worts insolvent und Wiser’s überlebte nur als Marke bei Corby(2).

Hiram Walker Destillerie, ca. 1910.

Hiram Walker Destillerie, ca. 1910.

Wie kam aber dann der Canadian Club in den Manhattan? Die zumeist vorgetragene Theorie ist, dass es am Ende der Prohibiton an gelagertem US Rye fehlte(8). Dann hätte es aber nach wenigen Jahren sein Bewenden mit dem Canadian Whisky gehabt, denn das Wissen um die „richtige Spirituose“ hätte in den wenigen Jahren bewahrt werden müssen. Auch wenn folgendes heute verwundern mag: Der Sieg des Canadian Whisky über den US Rye lag in seinem milden Geschmacksprofil: Eine Spirituose für den Gentleman, oder wie man heute sagen würde: den Bildungstrinker: “If the point of drinking is to get drunk, then you’re not our customer.”, so eine Seagram’s Anzeige von 1935(7). Das milde Aroma galt bald als vorzugswürdig in den Mischgetränken der feinen Gesellschaft. Tatsächlich gab es eine Zeit Mitte des letzten Jahrhunderts, in der kanadischer Whisky das Getränk der Stunde war. Ian Fleming’s James Bond trank im Roman Dr. No (von 1958) Canadian Club. Frank Sinatra war ein Fan von Crown Royal(6). Seinen großen Auftritt hatte kanadischer Whisky daher in der Zeit von Mad Men, nicht in der Zeit von Boardwalk Empire! Und der Manhattan mit Canadian Club war keine Notlösung, er sollte exakt so schmecken!

Ab Ende der sechziger Jahre begann der erneute Abstieg. Der in den USA  gewünschte Geschmack trennte sich in Extreme auf: Entweder trank man vollkommen geschmacklosen Wodka oder heftig getorften Scotch(6). Inzwischen versuchten die verzweifelten Kanadier mit immer günstigeren Produkten auf dem Markt zu bestehen, was ihnen den Ruf als bottom shelf Produkte einbrachte. Zwar wurde (außerhalb der Prohibition) zwischen 1865 und 2010 jedes Jahr mehr kanadischer Whisky als Bourbon in den USA verkauft(1), jedoch blieb das Premium-Segment den Produkten in letzter Zeit verschlossen.

In Teil 2 geht es dann um den unerwartbaren Wiederaufstieg des Canadian Rye und die Verkostung zweier Produkte.

(1) http://mentalfloss.com/article/61385/7-things-you-didnt-know-about-canadian-whisky

(2)http://www.thestar.com/life/food_wine/2013/01/23/whisky_history_tells_out_how_good_spirits_earned_canada_renown.html

(3) http://liquor.com/articles/the-five-biggest-canadian-whisky-myths

(4) http://www.thecanadianencyclopedia.ca/en/article/seagram-company-limited/

(5) http://www.cocktailtimes.com/history/canadian_whisky.shtml

(6) http://thewalrus.ca/the-forgotten-empire/

(7) Faith, The Bronfmans: The Rise and Fall of the House of Seagram, S. 129.

(8) Gabanyi, in Mixology 1/2012, S. 86-89

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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