Canadian Whisky – Mythos und Moderne – Teil 2

Eine neue Chance erhielt Canadian Whisky mit der Renaissance des US Rye seit etwa 2008. Der Markt für US Rye entwickelte sich alleine 2011 um rasante 50%. Zwischen 2008 und 2013 stieg der Absatz gar um 500%. Insgesamt sind die Verkaufszahlen aber immer noch weit unter denen von Bourbon. Marktführer Jim Beam verkaufte in einem Jahr (2010/2011) ca. 64.000 Kisten Rye Whiskey. Das ist die Produktion von vier Tagen im Jahr, machte aber 87% der US-amerikanischen Rye-Produktion aus. Der explosionsartige Anstieg führte schnell dazu, dass der Nachschub an gelagertem Rye Whiskey aus den USA abverkauft war.

Was also tun? Man erinnerte sich an die vollen kanadischen Warehouses. Dort ist es zwar üblich, dass der „Canadian Rye“ aus einem Blend verschiedener Whiskys entsteht. Allerdings passiert dies manchmal nach der getrennten Lagerung aller Komponenten. So geht etwa Alberta Distillers Ltd. vor, wo der Basiswhiskey aus Roggen besteht – genauer aus 100% Roggen (Die Kanadier haben durch Entwicklung spezieller Enzyme das Problem der klebrigen 100% Maische gelöst). Daher kamen einige US Unternehmen auf die Idee, diesen Rye Whiskey zu kaufen und unter einem eigenen Label abzufüllen.

Rye aus Canada - in den USA abgefüllt

Rye aus Canada – in den USA abgefüllt

Dies sind etwa Marken wie Jefferson Rye, Pendleton 1910 oder Masterson’s Rye. Auch Whistlepig kaufte ursprünglich dort ein, ebenso wie Robert J. Cooper den 13 Jahre alten Lock, Stock & Barrel Rye. Die Herkunft wurde bislang allerdings nicht unbedingt als Verkaufsargument genutzt – im Gegenteil versuchte unter anderem Whistlepig diesen Fakt in seinem Marketing zu verschleiern.

Jefferson (10 Jahre, 47%)

Lange Zeit der Geheimtip unter den in Deutschland verfügbaren Ryes ist er auch heute noch ein Preis-Leistungs-Monster. In der Nase grüßen Apfel und Orange, Ingwer und viel Roggen. Am Gaumen ist der Jefferson butterweich: Ahornsirup, Mandel, Butter und Walnuss, viel Eichenfass. Überraschend für einen Rye ist er eher im „süßeren“ Spektrum angesiedelt. Der Abgang ist ein Traum in Schokolade und Vanille.

Whistlepig (10 Jahre, 50%)

Whistlepig Rye und Jefferson teilen sich das Alter und die Herkunft. Alleine ein Mann macht den Unterschied: Dave Pickerell. Der studierte Chemiker war mehr als zehn Jahre Master Distiller bei Maker’s Mark und machte das Unternehmen zu dem was es heute ist. Seit 2008 berät er junge Destillen und auch Whistlepig, dabei, die Fässer für den Rye auszusuchen. Und es zeigt sich wieder einmal, wie unterschiedlich fast identische Produkte sein können: In der Nase zeigt sich neben Orange und Roggen eine volle Gewürzkiste. Diese setzt sich auch am Gaumen fort. Roggen! Minze! Viel Holz, Ingwer und Gewürze. Im Abgang Minze und Honig. Ich revidiere mein Urteil, dass ich direkt nach dem Öffnen der Flasche fällte. Dieser Rye ist fantastisch. Bei einem Preis von ca. 100 EUR sollte das aber auch der Fall sein!

Lock Stock & Barrel (13 Jahre, 50,65%)

Die Marke kennen sie nicht? Dahinter stecken Cooper Ltd., die Erfinder von St. Germain. Deren Gründer hatte die nicht unberechtigte Sorge, dass er nur für Holunderblütenlikör bekannt werden könnte. Deshalb kaufte er relativ früh Fässer und füllte sie nach 13 Jahren mit Fassstärke ab. In der Nase Tannine und Gewürze. Karamel. Am Gaumen explodieren Minze, Gewürze aller Art: Zimt, Lakritz, Ingwer und Pfeffer. Der Abgang bleibt identisch. Harter Stoff!

Diese 3 Whiskys beweisen, dass Kanada „Rye“ kann. Und beflügelt von dem Fakt, dass die „Etikettenfälscher“ zwar mittlerweile aufgeflogen sind, aber die Qualität des Whiskys über alle Zweifel erhaben ist, drängen die kanadischen Marken mit eigenen Produkten und ungewohnter Transparenz auf den Markt. Crown Royal vermarktet seinen Harvest Rye offensiv mit „90% Rye in der Maische“. Diageo Beam Suntory bringt einen Alberta Dark Batch Rye („Not another Rye, a better Rye“) auf den Markt, der zu 91% aus kanadischem Rye Whiskey, 8% Old-Grand-Dad-Bourbon und 1% Sherry besteht. Damit springt Diageo Beam Suntory nicht nur auf den Zug auf, sondern gibt ihm auch eine neue Richtung. Dass hier ein großes Potential liegt, zeigen die Verkaufszahlen von 2014: Während das Volumen von Canadian Whisky insgesamt stagniert, verschiebt es sich immer mehr Richtung Premiumsegment. Wohl gemerkt beginnt die höchste Kategorie bei einem Retailpreis von 30 USD pro Flasche. Hier aber scheint Canadian Whisky eine Zukunft zu haben – wer weiß, vielleicht auch bald wieder im Manhattan.

Übrigens: Der Alkoholschmuggel ist heute immer noch ein großes Problem zwischen Kanada und den USA: Jedes Jahr werden schätzungsweise 50 Millionen Flaschen aus den USA nach Kanada (!) geschmuggelt, wo die Branntweinsteuer etwa doppelt so hoch wie in den USA ist.

tikiwise

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

9 Kommentare

  1. MJM

    Wiedermal sehr informativ dein Artikel Daniel!

    Ich persönlich ordne die von dir genannten Whiskys jedoch eher in die Kategorie „American Whiskey“ ein anstatt sie den Canadian Whiskys zuzuschreiben. Wie du schon beschrieben hast ist man nur auf den Zug des American Ryes aufgesprungen, anstatt einen Whisky mit eigener Identität zu kreieren. An sich nichts Verwerfliches wenn der Markt dafür besteht. Mir stellt sich nur die Frage ob man dann nicht lieber gleich einen amerikanische Rye Whiskey kaufen sollte…

    Außerdem wundere ich mich, dass der Alberta Dark Batch Rye 1% Sherry enthält und sich dann noch Whisky nennen darf. Ist das dieser ominösen Regelung geschuldet, dass man in Kanada einen gewissen Anteil an „sonstigen Zutaten“ verwenden darf?

    Viele Grüße
    Matthias

  2. Danke Matthias!
    Welchen Namen man dem Kind gibt ist wohl tatsächlich schwierig. Whistlepig schreibt ja „Made in Vermont“ darauf, weil Abfüllung und eine Restlagerzeit dort passiert; Jefferson nennt sich mittlerweile „North American Rye“. Die Kanadier findest du nunmal von ihrem Geschmacksprofil so nicht in den US Produkte. Das hat schon eine eigene Berechtigung.

    Und richtig: Whisky in Kanada darf bis zu 9,09% Zutaten enthalten, die kein Whisky sind, solange sie Alkohol enthalten. Weitere Infos über das Produkt findest du auch hier: http://chuckcowdery.blogspot.de/2015/04/this-new-canadian-whisky-contains.html

  3. MJM

    Wie gesagt es sind sicher gute Whiskys, aber ich würde mir eher etwas individuell kanadisches wünschen, wie eine, wenn auch gute Kopie des Amerikanischen. Ich habe ihn noch nicht probieren können, aber ich glaube der Lot 40 ist ein Beispiel für das was ich versuche zu beschreiben…

  4. „ich würde mir eher etwas individuell kanadisches wünschen, wie eine, wenn auch gute Kopie des Amerikanischen“

    Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

  5. Tom A.

    Er hat „wie“ und „als“ verwechselt. Das machen unsere Freunde im Süden Deutschlands gerne, führt aber gelegentlich zu Missverständnissen.

  6. MJM

    Ich würde mir eher etwas individuell kanadisches wünschen, anstatt eine, wenn auch gute Kopie des Amerikanischen.

    Man kann ja nicht alles können… 😀

  7. Benny

    Hello,

    One clarification: Alberta Dark Rye is owned by Suntory-Beam, not Diageo. Nice Article!

  8. Damn you’re right! 🙂 Thank you!

  9. Den Whistlepig Rye mag ich persönlich auch sehr gerne. Der Abgang aus Minze und Honig ist einfach super!

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