Trinklaune in Chartreuse – Teil 1

„Chartreuse Verte lagert etwa 5 Jahre im Faß. Der VEP etwa 15 Jahre. Aber so genau wissen wir es auch nicht.“

Mythos Chartreuse. Viele Marken wären froh über die jahrhundertealte Tradition und die Faszination, die der hellgrüne Likör mit seinen „über 130 Kräutern“ bis heute ausübt. Wir haben uns auf die Suche nach diesem Geheimnis gemacht und sind in den Südwesten Frankreichs gereist. Denn dort, wo im Massif de la Chartreuse  die Geschichte des Likörs seinen Anfang nahm, wird er auch bis heute destilliert.

Mythen werden bekanntlich durch Verklärung der Vergangenheit geschaffen. Aber Chartreuse wird tagtäglich destilliert – und unterliegt damit ziemlich irdischen Einflüssen. Denn irgendwo müssen die ca. 1,5 Millionen Flaschen, die pro Jahr in alle Welt verschickt werden, hergestellt werden. Dies geschieht seit 1935 in Voiron, etwa eine halbe Autostunde vom Kloster entfernt. Es ist nicht der erste Ort, an dem Chartreuse destilliert wird. Und es wird nicht der letzte sein, denn derzeit wird eine neue Destillerie näher am Kloster geplant, um den wachsenden Bedarf weiter decken zu können.

Auch in Voiron ist Wandel sichtbar. Die alten Kupfer Pot Stills werden nur noch für experimentelle Zwecke genutzt, während die eigentliche Produktion in modernen Edelstahl Continuous Stills erfolgt. Experimente sind z.B. eine mögliche Wiederauferstehung der alten Tarragona Destillate. Deren geschmacklicher Unterschied entstammt den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen in der Lagerung: im warmen Spanien über der Erde statt in Frankreich im Keller.

Die Kräuter werden im Kloster getrocknet, zerkleinert und gemischt. Die Kräutermischung wird dann in Voiron mit Neutralalkohol nach dem Rezept von 1605 destilliert. Nur zwei Mönche, Dom Benoit und Bruder Jean-Jacques sind in den Prozess eingeweiht und überwachen die Destillation. Im „Mönchsraum“ stehen viele Destillate aus verschiedenen Epochen, um Konstanz im Geschmack zu gewährleisten. Das fertige Destillat wandert dann mitsamt Zucker in eines der vielen unterschiedlich großen Fässer und ruht dort für die bereits oben genannte Dauer. Der nasse, feuchte Keller riecht nach Chartreuse, an den Fässern haben sich kleine zu Sirup verdickte Chartreusepfützen bebildet, es rinnt Likör über den Boden. Ein zeitloser Ort, der für sich geeignet ist, den Mythos Chartreuse zu begründen.

Die grüne Farbe tut sein übriges zur Legendenbildung. „Der einzige Likör, der so gut ist, dass eine Farbe nach ihm benannt ist“, lässt Quentin Tarantino sein alter ego im Film Deathproof aufsagen. Daran ist viel Wahres. Insbesondere aber ist die Farbe nicht künstlich. Chartreuse ist der einzige grüne Likör auf dem Markt, der alleine aus der Extraktion von Chlorophyll entsteht. Das kann man an zahlreichen Plagiaten beobachten, deren Farbe sich im Laufe der Jahrzehnte blau verfärbte. Chartreuse hingegen bleibt grün.

Der Mythos Chartreuse liegt also auch in ganz irdischen Ursachen begründet: Der Skepsis gegenüber Veränderung und genügend Zeit. Über die Kartäuser und die Geschichte des Ordens mehr in Teil 2.

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Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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