Lost in Grub Street

Was macht eine gute Bar aus? Der Gastgeber. Die Getränke. Die Barkeeper. Die Gäste. Das Interieur. Das Ambiente. Die Musik. Die Getränkekarte? Es gibt eine ganze Reihe von Variablen, die eine Bar oder den einen Besuch dort von anderen abheben.

Wir suchten während eines Berlinaufenthalts, der lediglich dem Genuss von Essen und Getränken diente, nach einer weiteren Bar, um den Abend dort ausklingen zu lassen oder anschließend noch weiter zu ziehen. Die noch recht neue Bar Lost in Grub Street von Oliver Ebert sollte es sein. Eine Wahl, die besser nicht hätte sein können und perfekt zu den gesamten zwei Tagen in der Hauptstadt passen sollte.

Eintritt gegen 23 Uhr. Es befindet sich lediglich eine kleine Gruppe von Gästen in der L-förmigen Bar. Sie stöbern noch in der Karte. Und wir schauen uns nach einem Sitzplatz um. Viel mehr beschäftigte mich aber der Gedanke: Wo ist der Bartresen? Vielleicht um die Ecke? Nein. Außer einem kleinen Tresen, der keine Mixstation und auch keine Barhocker hat, ist nur noch ein Barwagen zu finden mit einer kleinen Auswahl an Spirituosen. Nun gut, wir sind gerne offen für Neues.

Wir werden sehr freundlich vom Personal begrüßt und man bietet uns zunächst an, das Konzept des Lost in Grub Street zu erklären. Das Angebot nehmen wir gerne an, da es auch als absolut notwendig erscheint, um zu verstehen, wie die Bar funktioniert.

Wir bräuchten Zeit, sagt man uns. Es ist keine Bar für den schneller Durstlöscher auf dem Weg nach Hause. Die Drinks bräuchten Zeit, wenn sie erst einmal zubereitet sind. Sie sind so abgestimmt, dass Temperatur, auch im Zeitverlauf, eine wichtige Rolle spielt. Es gibt nicht nur die „Shortdrinks“, sondern auch Punches. Letztere werden je nach Personenzahl zubereitet. Sie sind bereits bis zu einem gewissen Stadium vorbereitet, um für den Gast anschließend noch vollendet zu werden.

Lost in Grub Street

So sehr uns die Punches reizen, ebenso tun es auch die Drinks. Die Karte lässt für den anspruchsvollen Trinker keinen Wunsch offen. Wunderschön designt, liest man sich durch die Punchrezepte und die knappen Beschreibungen der Drinks. Es sind lediglich die Hauptaromen angegeben. In welcher Form dieser Geschmack in den Cocktail kommt, bleibt offen. Wir bestellen zwei der Shortdrinks, die tatsächlich am Barwagen zubereitet werden. Man arbeitet dabei ohne Eis in gekühlten Rührgläsern und sorgt gegebenenfalls mit etwas Wasser für die notwendige Verdünnung.

Die Getränke sind spannender, als vieles was wir bisher getrunken haben. Die auf der Barkarte genannten Aromen, die auch gleichzeitig als Name dienen, sind einzeln präsent. Tatsächlich ist der Geschmack im Zeitlauf interessant und baut mit steigender Temperatur nicht ab. Eine Frage drängte sich auf: Warum ist das Lost in Grub Street Raucherbar? Für uns wollte das einfach überhaupt nicht zum Konzept und dem Spiel mit klaren Aromen passen.

Die musikalische Untermalung spielt Post-Modern-Jazz. Wir entspannen, diskutieren über das Konzept der Bar und suchen schon den nächsten Drink aus. Alle an diesem Abend getrunkenen Drinks sollten perfekt und eigenständig sein. Parallelen zu bekannten Cocktails konnte ich nur sehr entfernt ausmachen. Jeder Drink und jeder Punch auf der Karte klingt so interessant, dass wir ihn bestellen würden.

Lost in Grub Street

Wir sind begeistert vom Lost in Grub Street. Es ist eine Bar, die den entscheidenden Schritt weiter gedacht wurde. Weg von Drinks, die man beim Namen kennt. Fokussierung auf einzelne Aromen und eine für jeden Drink perfektionierte Zubereitung. Man kommt nicht umhin, den Vergleich zur Sterne-Küche zu ziehen. Ähnlich den dort gekochten Gerichten, findet man hier perfektionierte Drinks, mit denen der Gast sich beschäftigen kann. Die Bar an sich tritt einen großen Schritt in den Hintergrund, um deutlich zu machen, wo hier der Fokus liegt: Die Getränke und deren Zubereitung. Das Drumherum unterstützt nur.

Ob man in einer solchen Bar weniger Spaß haben kann? Sicherlich nicht. Es ist nur anders. Weniger laute Töne von jeder einzelnen Komponente, die das Erlebnis Bar zu etwas Besonderem macht. Vieles ist hier leiser. Nur nicht das, was uns an diesem Abend wichtig war: Die Getränke. Die sind hier ganz laut. Und nichts lenkt davon ab.


Lost in Grub Street

Jägerstrasse 34, 10117 Berlin-Mitte

Tel. 030/20603780

 

Die Bar ist bei den Mixology Bar Awards in den Kategorien „Neue Bar des Jahres“ und „Barkarte des Jahres“ nominiert. Wir können uns gut vorstellen, das es auch zum Sieg reicht.

Weitere Meinungen zum Lost in Grub Street gibt es hier:

jrgmyr.com

mixology.eu

Philipp Jäckel

Das Wissen um die Bar so wie einiger ausgewählter Themen im Detail kommen größtenteils nur durch eine intensive Beschäftigung mit der Cocktail- und Barkultur in seiner Freizeit. Begonnen hat das alles 2006.
Einzelne Schwerpunkte im Bereich der Getränke legt Philipp in der Bar zu Hause nicht. Neben allerlei Spirituosen haben auch Bier und Wein ihren festen Platz gefunden.

Einen Kommentar schreiben