Trinklaune in Chartreuse – Teil 2

Nach dem Besuch der Destille in Voiron hatte ich das Gefühl, etwas auf der Spur zu sein. Das chaotische Fassmanagement. Lagerzeiten, die für Liköre irrwitzig sind. Normalerweise würde man das als charmant, vielleicht etwas unprofessionell bezeichnen. Chartreuse hingegen ist ein hochprofessionelles Unternehmen. Man könnte effizienter arbeiten – man will aber nicht.

Um den Grund hierfür zu verstehen, galt es, Geschichte und Mentalität der Kartäuser zu begreifen. Die Kartäuser sind einer der wenigen Orden, die noch kontemplativ leben. Im Jahre 1084 gründete der Heilige Bruno von Köln die große Kartause mit sechs Gefährten als Einsiedelei. Ziel war es, die größtmögliche Nähe zu Gott herzustellen. Im Gegensatz zu vielen anderen Orden verzichten die Mönche daher auf den direkten Kontakt durch Seelsorge oder das Betreiben von sozialen Einrichtungen.

Die große Kartause

Die große Kartause

Dennoch beten sie für die Menschen – und sie produzieren seit 1737 das Élixier Végétal de la Grande Chartreuse, das einerseits den Orden bis heute gut finanziert, andererseits als „Elixir für ein langes Leben“ das Leben der Menschen verbessern soll. Chartreuse ist daher mehr als nur ein Likör. Er ist direkter Ausdruck dessen, woran die Mönche glauben und wie sie den Menschen dienen wollen.

Die Verbindungen zwischen Chartreuse und den Mönchen ist auch heute noch enger als gedacht. Die kleinen Holzhüllen, in denen das Elixir, sowie die Holzkisten, in denen VEP verkauft wird, werden von den Mönchen selbst hergestellt. Die Holzhüllen schützen das Elixir nicht nur vor Lichteinfall, sondern auch vor Glasbruch. Sie stammen aus einer Zeit, als die Flaschen noch auf Eseln über schmale Pfade ins Tal transportiert wurden.

Kloster und Museum

Kloster und Museum

Der Mythos Chartreuse ist nicht nachvollziehbar, ohne diese Verknüpfungen anzuerkennen. Dass in diesem Likör mehr steckt als nur Zucker und Kräuter. Dass es zumindest für die Mönche ein spirituelles Getränk ist. Und dass es ein Produkt ist, das tief mit der fantastischen Landschaft des Chartreuse Massif verbunden ist. Hier verändert sich nicht viel. Hier ist die Welt weit weg. Hier hatte ich das Gefühl, dem Mythos Chartreuse etwas näher gekommen zu sein.

Es gilt unser Disclaimer: Wir schreiben nur über das, was wir mögen!
Trinklaune.de war Gast in Chartreuse und hat für die Verkostung Produktproben erhalten. Daran geknüpft war weder die Verpflichtung zur Berichterstattung noch eine Einflussnahme auf den Inhalt des Artikels.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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