Yet another Gin – Hannover Rooftop Garden Gin

In jüngster Vergangenheit mehrten sich die Stimmen, die sich ob der anhaltenden Gin-Schwemme gelangweilt zeigten. Auch ich war zuweilen überfordert, den Markt noch im Auge zu behalten. Nur allzu oft musste ich die Frage „Kennst du schon…?“ verneinen.

Doch das Interesse am Gin scheint ungebrochen. Das zeigen auch die Zugriffe auf die – zur Zeit noch in übersichtlicher Anzahl vorhandenen – Ginartikel hier bei Trinklaune. Die Zahl der Gins nimmt nicht ab. Im Gegenteil, die Umsätze mit dieser Spirituose steigen. Denn der Gin erobert den Mainstream.

Um diesem Interesse zu begegnen habe ich mich nun doch entschlossen, mehr über Gin zu schreiben. Und zwar unter dem Titel Yet another Gin. Doch es soll hier nicht (oder wenigstens nicht im Wesentlichen) um bekannte Marken gehen, sondern mehr um die Perlen, die man im Gin-Gewirr schnell zu übersehen droht.

Um heutzutage mit einem neuen Gin Aufmerksamkeit zu erhalten, reicht ein gelungenes Destillat offenbar allein nicht mehr aus. Die Präsentation und die Geschichte scheinen ebenso wichtig zu sein. Während ich es grundsätzlich begrüße, wenn etwas Energie für die Entwicklung eines attraktiven Labels und einer schönen Flasche verwendet wird, werden bei der Geschichte bisweilen recht fragwürdige Konstrukte bemüht.

Zum Glück ist das beim Hannover Gin nicht so. Die Entstehungsgeschichte dieses Destillates finde ich überaus spannend, weil die Herangehensweise und der Hintergrund seines Machers ungewöhnlich sind. Joerma Biernath, der Mann hinter dem Hannover Gin, leitet in zweiter Generation einen Gartenbaubetrieb und ist studierter Gartendesigner. Er macht sich sein botanisches Fachwissen zu Nutze um die richtige Mischung von Botanicals für seinen Gin zu finden.

Die häufig angestrengt bemühte Regionalität wird hier so konsequent wie ungezwungen umgesetzt. Neben Zutaten aus aller Welt werden für den Hannover Gin viele Botanicals verwendet, die im Raum Hannover gesammelt wurden. So trifft sich Joerma Biernath einmal in der Woche mit an der heimischen Botanik interessierten Helfern und sammelt zum Beispiel an den Ufern der Leine aus dem Kajak heraus Wasserminze. Auf diese Weise werden  Menschen wieder an vergessenes Wissen um die Pflanzen und ihre Verwendung herangeführt, quasi nebenbei werden aber auch Zutaten für den Gin geerntet. Weitere Botanicals baut Biernath in seinem Dachgarten an. Als Gärtner hat er den geübten Blick, um zu erkennen, welche Pflanzen, die er im öffentlichen Landschaftsräumen vorfindet, für die Ginherstellung geeignet sein könnten. Das Wissen um die Destillation sind hat er sich in England angeeignet.

Die 0,2l-Flasche

Die 0,2l-Flasche

Das Etikett finde ich sehr gelungen. Das Sachsenross aus dem niedersächsischen Landeswappen auf einem bunten Barcode, den ich mit der Vielfältigkeit der Botanicals verbinde. Mir gefällt das. Die 0,7l-Flasche hat man schon das eine oder andere mal gesehen. Die 0,2l-Flasche dagegen ist viel weniger gewöhnlich und macht sich meiner Meinung nach richtig gut. Selbstverständlich muss der Literpreis für die kleine Flasche höher sein. Schade eigentlich, denn wäre das nicht so, würde ich die 0,2l-Flasche häufiger  kaufen.

So viel zur Geschichte um den Gin und zum Botteling. Kommen wir zum Wesentlichen, zum Destillat. Joerma Biernath hatte den Anspruch einen Gin herzustellen, den man auch pur trinken könne. Ich bin zwar immer noch der Meinung, dass die Bestimmung des Gins in einem Cocktail liegt, doch so viel muss gesagt sein: Herr Biernath wird seinem Anspruch gerecht. Ein feiner, milder Gin mit sehr grünen, kräutrigen Noten und einer sanften Süße, der durchaus für den Purgenuss geeignet ist. Mir kommt aber doch eher ein Negroni in den Sinn.

Und der ist super. Wie ich gehoft hatte, machen sich die grasig-kräuterigen Noten des Hannover Rooftop Gin im Negroni ganz besonders gut. Natürlich muss auch die Frage, welches Tonic Water zum diesem Gin passt, beantwortet werden. Ich bin der Meinung, dass das Gents hier eine sehr gute Figur macht.

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Mit neunundzwanzig Euro für 0,7 Liter nach gegenwärtigen Maßstäben fair bepreist. Gelungenes Destillat. Gut mixbar. Von mir eine klare Kaufempfehlung.

Oliver Steffens

Jahrgang 1970, wandte sich nach intensiver Beschäftigung mit Weinen und Whiskys der Cocktailbar zu. Selbst einmal in der Gastronomie tätig gewesen, hat ihn dieses Thema nie wirklich losgelassen und so interessiert er sich auch für Barkonzepte und deren Umsetzung.

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