Die äußerst unwahrscheinliche Geschichte von Four Roses Bourbon

Auch Bourbon-Trinker feiern jährliche Feste. So wiederholt sich im Herbst jeden Jahres das Ereignis, dass gestandene Männer mit Cowboy-Hüten und Pickup-Trucks vor Liquor Stores campieren, um den jährlichen Launch von van Winkle nicht zu verpassen. Gleiches gilt in etwas abgeschwächter Form auch für die Buffalo Trace Antique Collection. Etwas weniger bekannt sind die jährlichen Limited Editions von Four Roses Single Barrel und Small Batch, von denen ersterer aber aufgrund von akutem Nachschubmangel eingestellt wurde. Schade, hatte er im Jahr 2015 noch den Single Barrel of the Year bei Whisky-Papst Jim Murray gewonnen. 2012 und 2013 Small Batch wurden vom Whisky Advocate der Whiskey of the Year. Auch ein Grund zu feiern. Nähern wir uns diesem Erfolg, der kein Zufall ist, sondern dem unwahrscheinlichen Zusammentreffen von Menschen und Ereignissen zu verdanken.

Die unwahrscheinliche Geschichte von Four Roses

Die Geschichte der Four Roses Destillerie beginnt irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und folgt wie viele andere dem Lauf der Geschichte. Entscheidend war der Kauf 1943 durch Seagram’s. Die Kanadier ahnten den amerikaweiten Trend zu immer leichteren Whiskeys nach der Prohibition und waren bald Marktführer für Blended Whiskey. Zudem entschieden sie sich 1945, reinen Bourbon Whiskey nicht mehr in den USA zu verkaufen. Die Entscheidung bleibt auch heute noch unverständlich, denn zu diesem Zeitpunkt war Four Roses der meistverkaufte Bourbon der USA! Vermutlich sollte der Blended Whiskey als einziges Produkt verbleiben und der Name „Four Roses“ nur den Markt öffnen. Premium war allerdings daran nichts. Nicht einmal der Whiskey für den Blend stammte mehr aus der alten Destille, sondern wurde in Indiana produziert. “The quality of the stuff they were selling was a rotgut [z. dt. etwa „Rachenputzer, Fusel“] whiskey. It was just awful.”, lässt sich Master Destiller Jim Rutledge zitieren.  Der in Kentucky weiterhin destillierte Bourbon ging vollständig nach Übersee, bald nach Japan und Europa. In Asien wurde Four Roses durch den Importeur Kirin zum meistverkauften Bourbon Whiskey und erwarb einen exzellenten Ruf für allerbeste Qualität.

Four Roses Small Batch 45% 0BSO/OBSK/OESK/OESO N: Karamel, Muskat, Schwarze Johannisbeere, Rye; G: Rye, Getreide, Zimt; Pfeffer im Abgang

Four Roses Small Batch
45%, OBSO/OBSK/OESK/OESO
N: Karamel, Muskat, Schwarze Johannisbeere, Rye; G: Rye, Getreide, Zimt; Pfeffer im Abgang; etwas milder als der Single Barrel und toll im Mint Julep

Seagram’s hingegen überschätzte sich mit einigen dummen Zukäufen. In den 1990er wollte man in die Unterhaltungsindustrie einsteigen (Universal Studios, MCA, usw), was allerdings vollkommen misslang und bei der ersten größeren Krise Seagram’s den Todesstoß versetzte. Der Konzern wurde durch den Entertainment-Giganten Vivendi übernommen. Der hatte jedoch kaum Interesse am Alkoholgeschäft und der Großteil  wurde an Diageo verkauft. Dort hatte man 2002 aber kein Interesse an Bourbon und warf Four Roses auf den Markt (Fun Fact: Die zu Diageo gehörende Marke Bulleit besitzt keine eigene Destillerie. Daher produziert Four Roses bis heute Bulleit Bourbon). Der Käufer war Kirin, jenes japanische Unternehmen, das seit Jahrzehnten an die Qualität von Four Roses Destillaten glaubte. Diese freundliche Übernahme aus Fernost sollte sich als Chance erweisen.

Der Mann, der diese Chance nutzte, war Jim Rutledge. Seit November 1966 arbeitete er für Seagram’s. In verschiedenen Positionen zwischen der Forschungsabteilung über das Fassmanagement und den Getreideeinkauf erlangte er ein immenses Wissen über Produkt und Konzern. 1992 begann er auf eigenen Wunsch in der Four Roses Destillery zu arbeiten, seit 1995 als Master Distiller. Schon seit geraumer Zeit versuchte er, Seagram’s zu überzeugen, den Bourbon in den USA wieder zu etablieren. Es begann eine Politik der kleinen Schritte. So entschied er sich zur Teilnahme am Kentucky Bourbon Festival, obwohl der Bourbon gar nicht verfügbar war. Und er rang Seagram’s ab, Four Roses an die Mitarbeiter der Destillerie verkaufen zu können.

50% OBSV N. Viel Power, Minze, Leder; G.: Honig, Vanille, Karamel, sehr süß, im Abgang Holz, Schoko und etwas Kirschmarmelade

Four Roses Single Barrel, LE 38-2D 50%, OBSV
N: Viel Power, Minze, Leder; G.: Honig, Vanille, Karamel, sehr süß, im Abgang Holz, Schoko und etwas Kirschmarmelade

Dies sei dann aber auch schon alles, was man für ihn tun könne. Kirin hingegen war von seiner Anfrage (“Let us get rid of this blended whiskey from the U.S. Shelves and bring Four Roses Bourbon back.”) von Anfang an begeistert und sorgte dafür, dass der Blended Whiskey 2002 eingestampft und der Yellow Label wieder eingeführt wurde. 2004 folgte der Single Barrel, der heute der meistverkaufte Single Barrel in Kentucky ist. 2006 wurde mit dem Small Batch das ständig verfügbare Portfolio komplettiert. Und seitdem werden auch jene jährlichen Limited Editions verkauft, die – wie beschrieben – zu den besten verfügbaren Bourbons gehören. Gerade die konsequente Premium-Orientierung sorgte dafür, dass am ehemaligen Ruf von Four Roses angeknüpft werden konnte. Mitte 2015 ging Jim Rutledge in den Ruhestand, nicht aber ohne zu versprechen, weiterhin dem Unternehmen als „Emeritus Destiller“ zur Verfügung zu stehen. Neue Experimente verspricht sein Nachfolger, Brent Elliott, aber nicht. Er wolle erstmal dafür sorgen, dass der Charakter des Bourbons bleibt, wie er ist. Gut so!

Four Roses decodieren

Four Roses nutzt insgesamt 10 verschiedene Bourbon Rezepturen, die in unterschiedlichen Fässern lagern. Für den Yellow Label werden Bourbons aller 10 Rezepturen geblendet. Die jeweilige Rezeptur lässt sich anhand eines vierstelligen Buchstabencodes entziffern:

O = In der Lawrenceburg (Kentucky) Destillerie destilliert.

E/B = Bezeichnet die Mashbill. E = 75% Mais, 20% Rye, 5 % gemälzte Gerste; B = 60% Mais, 35% Rye, 5% Gerste

S = Straight Bourbon

K/Q/O/F/V = Bezeichnet den Hefepilz, der für die Gärung genutzt wird und die Auswirkung auf den Bourbon: K = würzig, vollmundig;  Q = fruchtig, würzig, mittelkräftiger Körper; O = floral (Rosenblätter), würzig, mittelkräftiger Körper; F = kräutrig, medizinisch; V = fruchtig, würzig, cremig

Four Roses Small Batch Limited Edition 2012 - decodiert

Four Roses Small Batch Limited Edition 2012 – decodiert

tikiwise

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

4 Kommentare

  1. Stefan

    Ineressanter Bericht! Erinnerungen an meinen ersten Bourbon Kauf werden wach…

    Stimmt es eigentlich, dass Four Roses als einzige der bekannten Destillerien auf Genmais verzichet?

  2. Kleine Korrektur, weil es im Text anders erwähnt wurde: Seit Anfang 2014 wird der Bulleit Bourbon nicht mehr bei Four Roses hergestellt, weil der noch in Folge der Seagram-Aufteilung abgeschlossene Produktionsvertrag ausgelaufen ist und von der Seite von Four Roses nicht weiter verlängert wurde. Die aktuell am Markt befindlichen Bulleit-Flaschen wurden freilich noch allesamt bei Four Roses destilliert, wenn Diageo nicht doch noch etwas anderes dazu gegeben haben möge.

    Detaillierte Informationen dazu gibt’s wie so oft bei Chuck Cowdery: http://chuckcowdery.blogspot.co.at/2015/04/the-bulleit-story.html

    Bezüglich „Genmais“ würden laut den jeweiligen Konzernangaben neben Four Roses auch Wild Turkey und Buffalo Trace auf gentechnisch modifiziertes Getreide verzichten.

    MbG, Thomas Domenig.

  3. Hallo Thomas. Danke für dein Update und die Info über den Genmais.

  4. Stefan

    Vielen Dank Thomas.

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