Faradaí – Disruptive Spirituoseninnovationen

Was ist eigentlich Disruption?

Innovationen gibt es reichlich. Aber nicht jede Innovation ist disruptiv. Eigentlich weiß auch niemand so genau, wann eine Innovation disruptiv ist. Sie ist es jedenfalls dann , wenn sie etwas nie Dagewesenes darstellt, etwas, das die etablierten Anbieter herausfordert, zunächst nur klein, aber dann sehr groß wird. Nicht einfach nur eine Verbesserung etwas Bestehenden, sondern eine grundlegende Veränderung. Vergleichbar nur mit dem iPod, Google oder Facebook. Ob es das auch am Spirituosenmarkt gibt?

Es geht also nicht um den besten Gin oder einen neuen Rum. Sondern um etwas Revolutionäres. St. Germain ließe sich nennen. Optik, Geschmack und Einsatzfähigkeit wirbelten den Likörmarkt auf. Der Geschmack der Holunderblüte funktionierte so gut, dass das Unternehmen unlängst von Bacardi gekauft wurde. Solchen Erfolgsgeschichten stehen aber auch Misserfolge gegenüber. Kennt jemand noch Mozart Dry? Das zunächst gehypete Kakaodestillat hätte ebenfalls The Next Big Thing sein sollen – allerdings scheint man mittlerweile der Meinung zu sein, es verkaufe sich besser als „Chocolate Wodka“. Bleiben wir dennoch optimistisch und schauen uns in der folgenden Reihe einige Bewerber an, die es nicht nur besser, sondern ganz anders machen wollen. Da wäre z.B. Black Forêt zu nennen – ein Fine Spirit auf der Basis von Obstdestillaten, über dessen sonstige Zutaten wenig bekannt ist.

„Acmella oleracea Grugapark“ von Tuxyso - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Acmella_oleracea_Grugapark.jpg#/media/File:Acmella_oleracea_Grugapark.jpg

„Acmella oleracea Grugapark“ von Tuxyso – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Faradaí – Krasse Kresse

Noch weiter in unbekannte Gefilde wagt sich Faradaí. Hierbei handelt es sich um ein Schwarzteedestillat (Ceylon und Assam), in welchem die Blüten der Parakresse mazeriert und anschließend destilliert werden. Parakresse wächst in Südamerika und wird dort seit langer Zeit in der Heilmedizin eingesetzt. In Europa ist das Gewächs außerhalb des Kosmetikbereichs weithin unbekannt, nur in der Sterneküche wird es manchmal verwendet. Was wie aus einem Harry-Potter-„Magische Getränke“ Buch klingt, ist tatsächlich geschmacklich ein echtes Novum. Das Destillat mir 35% ist erdig-süßlich, etwas pilzig (Steinpilz!) am Gaumen, wobei sich eine prickelnd-betäubende Wirkung im Abgang auf der Zunge einstellt. Wir sind uns nicht so sicher, ob diese Form der Geschmackswahrnehmung einfach nur ungewohnt ist oder eher als Partygag taugt. Mutige Tester bedarf es dafür jedenfalls.

Vollends überzeugend ist zumindest das Design. Eine schwarzweiße Umverpackung, kontrastreiche Schriftzüge mit Mut zur Reduktion. Hier wird mit gewohnten Konventionen gebrochen! Die Flasche fällt im Backboard auf! Schon mal ein Pluspunkt hierfür.

Überraschend gut gelingt ein Faradai Tonic. Die überbordende Komplexität wird verringert und heraus kommt eine Schwarztee-Tonic-Kombination mit leichter Süße und einem minimalen Prickeln auf der Zunge. Offenbar tut es dringend Not, Faradai ein wenig mehr Raum zur Entfaltung zu geben.

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Gleiches gilt auch für die Old Fashioned Variante mit 6 cl Faradaí,  3 Barlöffel Kirschmarmelade und 2 ds Bitters (Shake!!, Finestrain). Die fette Süße rundet die Ecken und Kanten etwas ab und behält aber das intensive Tee-Aroma bei. Außerdem ist Kirsche und Schwarztee eine echte Gewinner-Kombination.

Faradaí verlangt vom Bartender und vom Gast, sich vom vertrauten Gedanken einer Spirituose oder eines Likörs zu lösen. Systematisieren lässt es sich nicht. Faradaí ist mehr avantgardistisches Happening als klassischer Museumsbesuch. Vielleicht rührt auch daher der recht emotionalisierende, subjektivierende Ansatz in der Unternehmenskommunikation. Darauf muss man sich einlassen. Dann gewinnt man aber auch etwas Einzigartiges.

Reicht die Einzigartigkeit aber auch für The Next Big Thing? Nach Jeff Bezos (Der Gründer von Amazon und Lichtgestalt) ist eine disruptive Innovation „Alles was die Kunden lieber mögen als das, was sie vorher gekannt haben.“ Ob Faradai das einlösen kann, bleibt einstweilen offen. Probieren!

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt Daniel Klingenbrunn auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

1 Kommentar

  1. Ein sehr spannender Artikel! Ich persönlich liebe ja solche Nischenspirituosen (mein aktueller Favorit diesbezüglich: Perique Liqueur de Tabac!), frage mich aber, inwieweit sie es jemals aus der Nische schaffen. Es müsste eine „Killerapplikation“ geben, die solche Spirituosen pusht; wie der Cosmopolitan den Zitronenvodka, der Negroni den Campari oder die Caipirinha die Cachaça fordert. „Funktioniert ganz gut in…“ reicht dafür nicht aus. Ich drücke den Herstellern von Faradaí aber die Daumen, dass zumindest das Fachpublikum ihre Kreation zu würdigen wissen wird!

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