New York City

Trinklaune in New York I – Stadt der Konzeptbars?

New York City. Der Nimbus des Ultimativen umkränzt die Bars dieser Stadt, die doch in vielerlei Hinsicht einen, wenn nicht sogar den Kulminationspunkt der westlichen Welt bildet.

New York also. Allein die Planung der auf unserer zehntätigen Reise zu besuchenden Bars erwies sich als schwierig. Die Auswahl an Hochkarätern ist so groß, dass es am Ende immer noch 16 Bars auf die Liste schafften – von denen wir immerhin neun besuchen konnten. Und einem vorauseilenden Resümee gleich kann ich bereits an dieser Stelle zwei Dinge festhalten:
Auf dem Niveau der New Yorker Bars lässt es sich mittlerweile auch gut in Deutschland trinken.
Aber die Bars von New York sind wirklich jede Reise wert!

New York City

New York City

Konzeptbars! Konzeptbars?

Deutschland tut sich mit Konzeptbars schwer. Viele Gäste wünschen sich mehr oder minder ein ähnliches Programm, das merkt man den deutschen Barkarten an. Und dass es viele der Klassiker mittlerweile ganz locker auf die Barkarten schaffen, ist eine wunderbare Entwicklung. Aber Bars, die ein Konzept – ihr Konzept, ihre eindeutige und unverwechselbare Handschrift – ganz selbstverständlich leben und damit erfolgreich sind, sind selten. Das beste Beispiel ist der schwere Verlust des Lost in Grub Street. Eine fantastische und mutige Bar. Zu mutig für Deutschland, sogar für Berlin. Das Gamsei in München? Längst Geschichte.

In New York sieht es anders aus. Es mag an der Größe der Stadt liegen, an der Metropolregion mit über 20 Mio. Einwohnern und dem Zustrom von Touristen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die New Yorker etwas Besonderes suchen. Aber Abgrenzung ist in dieser gigantischen Stadt offenbar notwendig und gern gesehen. Menschen in den schrägsten Outfits gehen ihrer Wege, völlig unbehelligt von fragenden Blicken oder gar Kommentaren anderer. Jeder macht sein Ding, das ist normal, das ist in Ordnung und das wird nicht in Frage gestellt. Angenehm kosmopolitisch. Passiert in Deutschland eher selten…

Dieser Drang zur Abgrenzung macht sich auch in den Bars bemerkbar. Jede Bar ist auf ihre Weise anders, individuell, einzigartig. Das Wort Konzept wird dabei jedoch nicht vor sich her getragen, nie hat uns ein Mitglied des Barteams das Konzept der Bar erklärt. Stattdessen wurden wir willkommen geheißen am gemeinsamen Tisch, der eine Bar immer ist.

Mayahuel

Mayahuel

Ein schönes Beispiel: das Mayahuel. Im wunderschönen East Village gelegen (wie viele andere gute Bars auch), es gibt eine Tür mit Doorman und nach dem obligatorischen ID-Check eine Treppe ins Souterrain. An dem Montag, den wir hier verbringen, hat sich viel Gastro-Personal am Tresen versammelt, es wird über Wettbewerbe gefachsimpelt und diverse Drinks werden verkostet. Durch eine halb verkleidete Aussparung in der Decke kann man in das darüber gelegene Restaurant spähen, eine Atmosphäre von heiterer Betriebsamkeit erfüllt die Bar.

Die Karte listet ausschließlich Drinks mit Agavenspirituosen. Die Auswahl ist ungewöhnlich groß, es wird wirklich jeder Geschmack bedient. Der in meinem Fall gewählte Blank Slate ist vorzüglich: Kräftig-erdiger Sotol, Cocchi Americano und Suze ergeben eine hervorragende Mélange. Die würzigen Agavenaromen dominieren und werden von Bitterkeit und leicht süßlicher Leichtigkeit wieder eingefangen. Delikat.

Blank Slate

Blank Slate

Eine weitere Bar, deren Konzept das Gesamterlebnis sehr prägt, ist das Amor y Amargo. Wir sind hier auf einen Drink eingekehrt, um die 30-45 Minuten Wartezeit zu überbrücken, die wir fürs fast nebenan gelegene Death and Company brauchten. Dazu später mehr.

Amor y Amargo

Amor y Amargo

Das Amor y Amargo bezeichnet sich als Bitters Tasting Room. Und in der Tat: Bitters und Bitteres findet sich hier allerorten. Eine gigantische Auswahl an Cocktailbitters kann erworben werden und jeder Drink der kleinen Karte enthält eine oder mehrere bittere Komponenten. Die Drinks sind schnell gerührt und schnell gebracht, sitzen kann man nur an der Bar. Aber die meisten Gäste stehen ohnehin, nehmen einen Aperitif und ziehen weiter. Es ist kommunikativ und die Bar, die von viel Liebe zum Detail geprägt ist, ist wunderschön. Wer Bittergetränke schätzt, sollte auf eine Good Grief einkehren: Cardamaro, St. Agrestis (ein Amaro aus Brooklyn), Cocchi Vermouth, Gin und Earl Grey Bitters ergeben einen klassisch-modernen Drink, der das Beste beider Welten verbindet: Keine Scheuklappen bei der Wahl der Produkte, aber durchaus ein gelerntes Geschmacksprofil bedienend. Sehr schön.

30 Minuten sind vorbei, wir kehren zurück zum Death and Company und sind gespannt, was sich in den vergangenen sieben Jahren getan hat.

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

Pierre Brocard Contrée 2006
Brooklyn Bridge

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