Brooklyn Bridge

Trinklaune in New York II – Push It To The Limit

Das Prozedere im Death & Co ist vergleichbar auch in vielen anderen Bars der Stadt zu erleben: Eine volle Bar, ein sehr freundlicher Doorman, der die Nummer notiert und sich meldet, wenn ein Platz freigeworden ist. Leider nur amerikanische Nummern – „Kommt also einfach in dreißig Minuten wieder, wird schon passen.“ Angenehm. Dem ist so, ID-Check und rein in die Bar.

Death & Co

Death & Co

Wir sitzen an einem Tisch, die Karte und das obligatorische Wasser werden gebracht und die Servicekraft erläutert etwas zum Angebot. Wir verstehen kein Wort. Die Bar ist ohrenbetäubend laut. Sehr laute Musik und sehr viele Menschen, die sich bei diesem Lautstärkepegel zu unterhalten versuchen – entsprechend geräuschstark. Diese gewisse Kehrseite des Erfolgs fantastischer Bars erleben wir häufiger in New York, aber dennoch sind mir am Ende des Tages volle Bars, in denen gelebt, gelacht, gefeiert und getrunken wird, deutlich lieber als halbleere Stätten des kontemplativen Genusses, die nach anderthalb Jahren wieder zusperren müssen.
Beeindruckend ist, wie voll gute Bars tatsächlich jeden Tag sind. Egal, wann man da ist (einen Ruhetag hat ohnehin kaum eine Bar) – immer lebt der Ort, immer sind viele Menschen dort, die genießen und den Tag Revue passieren lassen. Ganz locker und entspannt. Diese Lockerheit zieht sich generell durch die Gastronomie, bis hoch ins Drei-Sterne-Restaurant mit Jackettpflicht: Witzelnde, herzliche Kellner, perfekter Service, absolut entspannte und lebhafte Atmosphäre.
Gastronomie wird in New York anders gelebt, als man es aus Deutschland kennt. Auf eine sehr erfrischende Art und Weise. Keine Ehrfurcht, keine zurückgenommenen Stimmen: Es wird gefeiert. Wundervoll.

Dafür nehmen wir im Death & Co die Lautstärke gern in Kauf und widmen uns der in jeder Hinsicht fantastischen Karte. Die Auswahl fällt sehr schwer, am Ende landet ein Return Of The Mac (Noilly Prat Ambre, Rolet Macvin de Jura, Connemara Peated, Reisetbauer Karottenbrand, Macadamia und Pecan Bitters) im Glas. Zweifelsohne einer der besten Drinks in New York, eine herausragende Balance und ein faszinierendes Gesamtbild, das zwischen Süße, Weinigkeit, Karotte und Nuss changiert und das bei jedem weiteren Schluck neue Nuancen erkennen lässt. Großartig.

Return Of The Mac

Return Of The Mac

Dieser Drink zeigt eine Facette der Art auf, wie in vielen New Yorker Bars aktuell gemixt wird. Viel weniger als hierzulande haben wir es erlebt, dass Drinks einem klassischen Konzept mit Basisspirituose folgen. Stattdessen ist das neu erschaffene Geschmacksbild das Ziel, der Weg dorthin ist keinen Dogmen mehr untergeordnet. Eine spannende Entwicklung, die es zwar durchaus nicht erleichtert, seinen Drink zu wählen, da die Vorstellungskraft für solche komplexen Kreationen oft nicht ausreicht. Stattdessen wird man vom Ergebnis überrascht – wundervoll.

Brooklyn Bridge

Brooklyn Bridge

Eine Bar, in der uns diese Art zu mixen besonders aufgefallen ist, ist das Dead Rabbit. Eine weitere legendäre Institution, genau wie das Death & Co mit Spirited Awards der Tales Of The Cocktail überhäuft – und ganz schön groß. Auf drei Stockwerken gibt es drei Konzepte zu finden. Im Erdgeschoss einen Pub mit Bier, Cider und Whisk(e)y. Als wir ankommen, ist dieser Tap Room genannte Bereich brechend voll. Wie auch die anderen beiden Etagen. Im ersten Stock die eigentliche klassische Bar (The Parlor) und im zweiten Stock gibt es noch eine weitere Bar (The Occasional), irgendwo zwischen Tap Room und Parlor angesiedelt. Wir warten auf einen Platz im Parlor (wie in den meisten Bars kann man im Dead Rabbit nicht reservieren) und erhalten dafür einen an Take-Away-Läden und Vapiano erinnernden Summer. Gerade als unsere Getränke (gut, aber nicht spektakulär) im Occasional fertig sind, vibriert der Signalgeber und lotst uns wieder einen Stock tiefer. Hier werden wir ausgesprochen freundlich begrüßt und platziert. Apropos: Tatsächlich ist es uns in zehn Tagen New York niemals anders ergangen. Die Bartender sind sehr freundlich. Die Servicekräfte sind sehr freundlich. Die Menschen… sind sehr freundlich. Man wird mit offenen Armen und keineswegs aufgesetzt willkommen geheißen (egal ob in einer Bar, einem schnöden Bürogebäude oder ganz generell „in America“).

Zurück zum Thema: Getränke. Ich trinke bei sehr lebhafter Live-Piano-Musik einen Jamboree, der dem oben beschriebenen Prinzip folgt. Armagnac Blanche (dazu später mehr), Plata Cachaça, Apricot, Cocchi Americano, Verjus und Kardamom sind die Zutaten dieses Drinks. Im Glas befindet sich ein klarer Drink, nur wenige Nuancen dunkler als ein Wet Martini. Eine verführerische Cremigkeit kontrastiert die vorhandene, aber nicht überbordende alkoholische Stärke. Sehr gelungen.

Der Drink ist mehr als die Summe seiner Bestandteile. Das ist nicht neu, mir aber in dieser ans Limit gebrachten Form noch nicht häufig begegnet. Auch die Anzahl an Zutaten betreffend. Vom Prohibitionsansatz, der sich manchmal mit „je weniger, desto besser“ umreißen ließ, ist man hier meilenweit entfernt. Und ich muss sagen: Diese Entwicklung gefällt mir! Sie lässt neue Geschmacksbilder zu und geht einen logischen nächsten Schritt. New York zeigt wieder einmal, wo vorne ist!

The Dead Rabbit

The Dead Rabbit

Torben Bornhöft

Torben Bornhöft beschäftigt sich seit 2004 leidenschaftlich mit Themen rund um Bar, Cocktails und Genuss. Nachhaltig geprägt durch fünf Jahre im Hamburger Le Lion und der Likörproduktion mit Forgotten Flavours liegt Torbens Fokus hier mittlerweile auf den Themen Champagner, Infusionen und Twists auf Klassiker.

New York City
Crif Dogs

Einen Kommentar schreiben