Eine Reise zu The Dalmore – Teil 1. Menschen, Hirsche, Emotionen.

„Und hier auf der rechten Seite sehen Sie die Black Isle“. Mein Fahrer zeigte aus dem Fenster. Wir überquerten gerade den Cromarty Firth auf der gleichnamigen Brücke. „Es gibt verschiedene Versionen, woher der Name Black Isle stammt.“ Es könnte an der dichten Bewaldung liegen oder daran, dass der Schnee aufgrund der Nähe zum Meerwasser so schnell schmilzt. Oder liegt es doch an der dunklen, fruchtbaren Erde, auf der das Getreide für das wichtigste Exportgut – den Whisky – wächst? Und naja, eigentlich sei es auch keine Insel, sondern eine Halbinsel. Ich schmunzelte. Schottland schien tatsächlich ein Land voller Geschichte und Geschichten zu sein. Perfekte Ausgangsbedingungen also. Denn schließlich war ich genau deshalb hier: Ich hatte in Berlin Raritäten von the Dalmore verkostet – beeindruckende Whiskys mit komplexer und faszinierender Aromatik. Doch das war nur ein Ausgangspunkt.

Der Geschichte und den Geschichten dahinter sollte ich vor Ort näherkommen. Denn Whisky ist mehr als der Inhalt einer Flasche. Und auch mehr als eine Geschmacksnotiz. Er ist ein Stück schottische Kulturgeschichte. Er ist Ausdruck der rauhen Landschaft – des verwendeten Wassers und der Gerste; von Wind und Wetter. Er wird durch die Menschen dahinter geprägt. Denn „70% des Geschmacks bestimmt das Fass“, erklärt Richard Paterson und sogleich erscheint der The Dalmore King Alexander III vor dem inneren Auge. Und Patersons wahnwitzige Idee, das Dalmore-Flaggschiff in sechs verschiedenen Fässern reifen zu lassen.

Das Fassmanagement für den King Alexander III. „verursache Kopfschmerzen“, werden wir von der Brandmanagerin belehrt. Denn nach einigen Jahren wird die Hälfte des Fasses auf die fünf anderen Fässer verteilt. All das werde von einer Software überwacht. Zum Lagerungsprozess gehört auch eine finale Vermählungsphase von 8 Monaten in einem aufrecht stehenden Matusalem Sherry Butt. Dass die Fässer für das finale Marrying aufrecht stehen, hatte Richard Paterson eingeführt. Dies fördere den Luftaustausch. Platzprobleme im Warehouse? Zweitrangig! Insgesamt erreiche die Lagerzeit für den NAS Whisky etwa 23 Jahre.

„Die sollten etwas gegen die Schlaglöcher tun.“ Wir umkurven einige Schlaglöcher, die für den ein oder anderen Kleinwagen existenzbedrohend wären. Neben der Auffahrt zu unserer Unterkunft, die zum Glück bald zu einer knisternden Kiesauffahrt wird, äsen etwa fünf Dutzend Hirsche.

Der Hirsch als Wappen von The Dalmore geht zurück auf die Sage von Gerald Fitzgerald, der den König Alexander III. 1263 davor bewahrte, von einem kapitalen Exemplar tödlich verwundet zu werden. Zum Dank gewährte dieser ihm und seiner Familie MacKenzie das Recht, das Antlitz des Zwölfenders als Wappentier zu führen. Die Familie MacKenzie kaufte die The Dalmore Destillerie im Jahr 1891. Seitdem ziert der Hirsch jede Flasche der Marke.

Ob Hirsch oder Schlagloch. Der Kampf Mensch gegen Natur ist hier allgegenwärtig. Man scheint der Natur nirgendwo sonst in Europa so direkt ausgesetzt zu sein wie in Schottland. Eingepfercht zwischen der Nordsee, deren Tidenhub den Cromarty Firth regelmäßig trockenlegt und den Ausläufern der Highlands, auf deren Spitze das unvollendete Fyrish Monument von 1782 thront. Wir übernachteten nahe Novar House, wo bereits Franklin D. Roosevelt einen Teil seiner Flitterwochen verbracht hat. Und ich durfte lernen, dass Schotten wirklich viel Wert auf Essen legen. Schließlich ist er davon umgeben. Der Lachs stammt aus der Nordsee, die Hirsche von neben-der-Auffahrt schmecken hervorragend als Carpaccio und die Pilze hat der Koch mit seiner Familie noch schnell frisch auf dem Anwesen gepflückt. Und zum Dessert? Dalmore 15 mit all seinen Karamellnoten. Slainte Mhath! Anschließend Stühlerücken und Tellerklappern. Platziert werden drei ältere Herrschaften im Copita. The Dalmore 35. The Dalmore 40. The Dalmore 50.

The Dalmore ist bekannt für seine extrem lang gelagerten Whiskys. Nur wenige Hersteller können derzeit auf einen so großen Vorrat an 40 Jahre alten und älteren Whiskies zurückgreifen. Der Grund? The Dalmore sei, als die große Scotch-Krise Ende der 1970er zuschlug, kein besonders großes Unternehmen gewesen. Und während andere Unternehmen ihre Keller leeren mussten, um trotz sinkender Scotch-Preise noch genügend Umsatz zu generieren, wartete man bei The Dalmore einfach auf bessere Zeiten.

Konzentration, bitte. The Dalmore 35: Ex-Bourbon Cask, Gonzalo Byass 30yo Matusalem Oloroso Sherry Butt, 1970 Vintage Port Colheita Pipe. Hello – How are you? Mandeln und dunkler Kaffee. Am Gaumen Orange und Dunkle Schokolade: die „Dalmore-DNA“. Rosinen und Bananenbrot. Ein Whisky, in den man sich zu einfach verliebt. Ein einfacher Flirt. Viel zu einfach? Ich denke noch. Oh. Schon leer? Dann auf zum The Dalmore 40: Ex-Bourbon Cask, 7 Jahre in Gonzalo Byass 30yo Matusalem Oloroso Sherry Butt, First Fill Bourbon Fass: Weihnachtsgewürz erfüllt den Raum. Irgendjemand hat das Kaminfeuer angemacht (nur das Geräusch, kein Torf!). Ebenfalls Kaffee, aber befreit von den sich anbiedernden Schokoladentönen. Vielmehr Rösttöne. Und eine Blutorangenzeste. Und Lakritz. Und frische, reife Äpfel. Einmal tief durchatmen und den Abgang genießen. Dann die Legende: Dalmore 50yo: Da war es wieder, das Geschmacksorchester.

Ich soll präzise sein, mahnt mich Richard Paterson. Es sei kein „Champagnerfass-Finish“. Vielmehr habe der Whisky 50 Tage in Barrique Fässern verbracht, in denen der 2015er Pinot Noir Stillwein von Henri Giraud lagerte, der zu Champagner werden sollte. Und die 50 Tage seien auch kein Marketinggag mit der Zahl 50. Der Whiskey drohte vielmehr, zuviel Alkohol zu verlieren und „musste raus“. Das habe aber ausgereicht für einen „kleinen Kuss“, ein „elegantes Streicheln“ durch das Fass.

Dem war nicht mehr viel hinzuzufügen. Außer Schokolade und mehr Dalmore 15. Und dem sicheren Wissen, dass am nächsten Tag ein Besuch der Destillerie und der Wasserquelle auf dem Programm stehen würde.

Es gilt unser Disclaimer: Wir schreiben nur über das, was wir mögen! Trinklaune.de war Gast bei The Dalmore. Daran geknüpft war weder die Verpflichtung zur Berichterstattung noch eine Einflussnahme auf den Inhalt des Artikels.

Daniel Klingenbrunn

Beruflich wandelt er auf David A. Emburys Spuren. Dessen Sour-Verhältnis von 8:2:1 irritiert ihn jedoch immer noch. Seine Aufmerksamkeit gilt American Whiskey, Tequila, Mezcal und allerlei Nischenspirituosen, aber auch Rezepten jenseits der Standards.

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